Abschrift · Tragikomödie
Unerzählbar
Ein Erzähler mit sieben Semestern Germanistik und dem festen Glauben, dass jeder Gang zum Bäcker ein griechisches Epos ist. Eine Frau aus Oldenburg, die dafür ungefähr so viel übrig hat wie für eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Und ein Kater namens Dieter, der sich für beides nicht interessiert.
Erzähler
Bereit?
Nö.
Oh. Egal. Und so beginnt unsere Geschichte.
Manche Morgen beginnen mit dem Gefühl, dass die Welt sich verändert hat, dass etwas Großes bevorsteht, dass das Schicksal an die Tür klopft.
Und manche Morgen beginnen in einer Zweizimmerwohnung in Oldenburg. Maren Vogt, fünfunddreißig, zahnmedizinische Fachangestellte, unverheiratet, kinderlos und im Besitz einer Katze namens Dieter. Dieter.
Die Katze heißt Dieter.
Maren
Oh.
Hallo?
Erzähler
Die Augen öffnen sich.
Ein neuer Tag bricht an über dem bedeutungslosen Dasein von.
Hey,
Maren
wer bist du und warum redest du wie ein Hörbuch?
Erzähler
Ich bin dein Erzähler.
Maren
Nö.
Erzähler
Wie nö?
Maren
Brauche ich nicht. Ich kann selber reden, aber danke für das Angebot.
Erzähler
Das ist kein Angebot. Das ist eine narrative Grundstruktur. Jede Geschichte braucht einen Erzähler.
Maren
Hm. Und jeder Erzähler braucht eine Geschichte.
Wer von uns beiden ist hier also abhängiger?
Na, kriegst du's raus?
Erzähler
Maren erhebt sich aus ihrem Bett, dessen Zustand man am besten als.
Maren
Überleg dir den nächsten Satz sehr genau.
Erzähler
Dessen Zustand man am besten als gemütlich umstrukturiert bezeichnen könnte.
Maren
Lernfähig
für einen Mann.
Morgen, Dieter. Ja, ich weiß, du hast Hunger. Komm.
Erzähler
Dieter.
Ein grau getigeter Kater von beachtlicher Körperfülle, benannt nach.
Darf man fragen, warum die Katze Dieter heißt?
Maren
Nach meinem Ex-Freund.
Erzähler
Oh,
endlich ein Hauch von Tragik. Ein Mann, der in der Erinnerung weiterlebt als ihre große verflossene Liebe.
Maren
Nein, nein, der echte Dieter war einfach auch so: fett, faul und überzeugt davon, dass ihm die Wohnung gehört.
Erzähler
Das Tragische an dieser Geschichte bin am Ende ich.
Unter der Dusche lässt Maren verbittert heißes Wasser über sich laufen und denkt nach über die Leere in ihrem trostlosen Leben.
Maren
Ich denke gerade über die neue Staffel von Trade Taps nach.
Ach Mann, äh, Frau, so
Erzähler
geht das doch nicht.
Maren
Und ob ich heute Abend Sushi bestelle oder selber koche.
Erzähler
Kannst du bitte einmal fünf Sekunden existenziell verzweifelt sein?
Maren
Nö.
Erzähler
Maren tritt vor den Spiegel.
Sie betrachtet ihr Spiegelbild mit dem kritischen Blick einer Frau, die weiß, dass die Gesellschaft-
Maren
Ich schaue, ob der Pickel am Kinn weg ist.
Ist er nicht.
Schade, weiter.
Erzähler
Gib mir irgendwas. Einen Seufzer, einen melancholischen Blick.
Maren
Oh Gott, mein trauriges Leben. Ich bin so verloren.
Besser?
Erzähler
Du machst dich über mich lustig.
Maren
Natürlich mache ich mich über dich lustig. Du stehst in meinem Badezimmer und versuchst einen Pickel in Weltschmerz umzudichten.
Erzähler
Frühstück.
Maren trinkt Kaffee. Schwarz, zwei Zucker. Das Frühstück einer Frau, die, die gerne Kaffee trinkt.
Maren
Siehst du? Geht doch.
Erzähler
Aber das ist doch kein Satz. Da ist keine Pointe, kein Subtext.
Maren
Nicht jeder Satz braucht Subtext. Manchmal ist Kaffee einfach Kaffee. Heiß, stark und da, wenn man ihn morgens braucht.
Erzähler
Ich habe sieben Semester Germanistik studiert, damit mir jemand sagt, Kaffee ist einfach Kaffee?
Maren
Sieben Semester? Nicht acht?
Erzähler
Neues Thema.
Maren
Oh, eine unvollendete Bildungsgeschichte. Der Erzähler, gezeichnet vom Scheitern seiner akademischen Laufbahn, projiziert seine Lehre auf die Leben anderer. War das gut? Ich übe.
Erzähler
Du kannst nicht mich erzählen. Ich erzähle dich.
Oh, jetzt ist er aber böse.
Maren
Warum nicht? Du erzählst mein Leben, ich erzähle deins. Fair ist fair.
Erzähler
Weil das nicht so funktioniert. Es gibt Regeln, narrative Konventionen.
Maren
Du meinst die Konventionen, die du gerade selbst aufgestellt hast?
Erzähler
Technisch gesehen, ja.
Maren verlässt das Haus.
Der Herbstwind greift nach ihrem Haar wie die kalte Hand des-
Maren
Nein.
Erzähler
Wie ein ungeschriebenes Gedicht im-
Maren
Nein.
Erzähler
Es ist windig?
Maren
Ja, es ist windig. Siehst du? Geht doch.
Erzähler
Maren fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Durch Straßen, die
durch Straßen.
Maren
Jetzt bist du beleidigt.
Erzähler
Ich bin nicht beleidigt. Ich bin narrativ eingeschränkt.
Maren
Weißt du was? Ich helfe dir. Erzähl die Straße, durch die wir gerade fahren.
Erzähler
Die Schillerstraße liegt im Morgenlicht wie,
wie eine Straße im Morgenlicht.
Siehst du, was du aus mir machst?
Maren
Ich mache einen ehrlichen Menschen aus dir. Links ist übrigens die Bäckerei, wo ich immer Franzbrötchen kaufe. Falls du das literarisch verwerten willst.
Erzähler
Franzbrötchen?
Das Franzbrötchen als Symbol für die deutsch-französische Sehnsucht, die die Seelen Tausender Liebenden über die Jahrhunderte beflügelte.
Maren
Es ist ein Gebäck mit Zimt.
Erzähler
Ein Gebäck mit Zimt.
Die Zahnarztpraxis Dr. Freitag und Partner. Marens Arbeitsplatz seit acht Jahren. Ein Ort, an dem Menschen den Mund aufmachen und trotzdem nichts zu sagen haben.
Das war gut.
Maren
Okay,
der war tatsächlich nicht schlecht.
Erzähler
Wirklich?
Maren
Einmal. Du kriegst einmal ein Lob. Nutz es weise.
Erzähler
Maren setzt sich an den Empfang, diesen Thron der unterschätzten Macht
Maren
und-
Schon verspielt.
Erzähler
Neun Uhr dreißig.
Maren hat den ersten Patienten. Herr Wilmers, Angstpatient. Seit drei Jahren kommt er her und seit drei Jahren schwitzt er im Wartezimmer wie-
Psst,
Maren
der arme Mann hat Zahnarztphobie. Mach dich nicht darüber lustig.
Erzähler
Du machst dich den ganzen Morgen über mich lustig.
Maren
Das ist was anderes. Du bist ein Erzähler. Er ist ein Patient.
Erzähler
Und Erzähler haben keine Gefühle?
Maren
Doch, offensichtlich. Zu viele sogar.
So, Herr Wilmers, kommen Sie rein. Dr. Freitag ist heute besonders sanft drauf.
Erzähler
Das war gelogen.
Maren
Das war Empathie. Sieht für einen Erzähler wahrscheinlich gleich aus.
Erzähler
Der Vormittag vergeht mit Terminen, Telefonaten und dem gleichmäßigen Summen des Bohrers hinter verschlossenen Türen.
Maren bewegt sich durch ihren Tag mit einer Effizienz, die,
die ich
respektiere.
Maren
Oh,
danke.
Erzähler
Aber nur aus narrativer Distanz.
Maren
Natürlich. Narrative Distanz. Wie doof von mir, das nicht zu erkennen.
Erzähler
Mittagspause. Maren ist allein im Pausenraum. Allein.
Maren
Natascha hat Spätschicht und Jule ist bei der Fortbildung. Normalerweise essen wir zusammen.
Und ich bin nicht allein. Du bist ja da. Leider.
Erzähler
Leider?
Maren
War ein Witz.
Halb.
Erzähler
Maren kaut schweigend auf ihrem Brot, während das Gewicht der Einsamkeit auf ihrem ganzen Dasein lastet.
Maren
Sag mal, hast du eigentlich nur den einen Modus?
Immer Einsamkeit, immer Leere, immer Schwermut.
Erzähler
Ich habe viele Modi. Ich kann auch Spannung und Erotik.
Maren
Vergiss Erotik. Sofort.
Erzähler
Vergessen.
Spannung?
Maren
Hm. Probier mal.
Ganz
Erzähler
plötzlich geht das Licht aus. Ein Schatten fällt über den Pausenraum. Die Tür knarrt. Maren dreht sich um und sieht.
Maren
Den Pausenraum bei Neonlicht mit einem Kühlschrank, der brummt.
Wahnsinnig spannend.
Erzähler
Ich kann nichts erfinden, was nicht da ist. Ich bin an die Realität gebunden.
Maren
Seit wann denn das? Heute Morgen hatte ich noch existenzielle Krisen unter der Dusche.
Erzähler
Das war eine Interpretation.
Maren
Interpretation. Genau. Und wer entscheidet, welche Interpretation stimmt? Du oder ich?
Erzähler
Der Erzähler.
So war es schon immer.
Maren
Ja, und das ist das Problem, oder? Jemand von außen erzählt dir, was du fühlst, und irgendwann glaubst du es.
Ich hatte mal so einen Freund.
Erzähler
Der echte Dieter?
Maren
Nein, ein anderer.
Ich habe eine gewisse Sammlung.
Aber Dieter war am schlimmsten. Nicht, weil er gemein war, sondern weil er immer genau wusste, wie mein Leben war. Laut ihm jedenfalls.
Erzähler
Und wie war es wirklich?
Maren
Meins.
Erzähler
Der Nachmittag. Patienten kommen und gehen. Maren lächelt, telefoniert, tippt, organisiert.
Es ist,
es ist nicht unbeeindruckend.
Maren
Nicht unbeeindruckend. Ha, du kannst einfach nicht zugeben, dass du mein Leben interessant findest.
Erzähler
Interessant ist ein starkes Wort für eine Frau, die gerade einen Recall-Termin für eine professionelle Zahnreinigung einträgt.
Maren
Frau Kemper kommt seit fünfzehn Jahren, hat letztes Jahr ihren Mann verloren. Zahnarzttermin ist einer der wenigen Gründe, warum sie überhaupt noch rausgeht. Also ja, der Recall-Termin ist ziemlich wichtig.
Erzähler
Du hast recht.
Das war-Ich weiß nicht, wie ich das erzählen soll.
Maren
Einfach so, wie ich es gesagt habe. Manchmal ist die Geschichte schon da. Man muss sie nicht noch erzählen.
Erzähler
Aber wenn ich sie nicht erzähle,
was bin ich dann?
Maren
Arbeitslos.
Erzähler
Danke.
Maren
War ein Witz. Du bist mein Erzähler. Ich gewöhne mich langsam dran.
Wie an einen Tinnitus.
Erzähler
Ein Tinnitus?
Ich bin ein Tinnitus?
Maren
Ein Tinnitus, der manchmal ganz schöne Sätze sagt.
Das mit den offenen Mündern vorhin, das war wirklich gut.
Erzähler
Du erinnerst dich daran?
Maren
Klar, ich merke mir die guten Sachen. Die schlechten vergesse ich absichtlich.
Also fast alles.
Erzähler
Feierabend. Siebzehn Uhr fünfzehn.
Maren schließt ihr Fahrrad auf und fährt nach Hause. Dieselbe Strecke wie heute Morgen, nur mit weniger Wind und mehr Abendsonne.
Maren
Sehr gut. Kein einziges Adjektiv zu viel.
Erzähler
Ich fühle mich wie ein Hund, der ein Leckerli kriegt.
Maren
Weil es funktioniert. Positive Verstärkung.
Das machen wir bei Angstpatienten auch.
Erzähler
Ich bin jetzt ein Angstpatient.
Maren
Du hast Angst, dass eine Geschichte, die nicht traurig ist, keine echte Geschichte ist. Das ist im Grunde eine Phobie, ja.
Erzähler
Maren biegt in ihre Straße ein.
Die Fenster der Wohnungen leuchten warm in der Dämmerung.
Hinter jedem ein Leben, das jemand für gewöhnlich hält.
Maren
Das war schön.
Erzähler
Ohne Ironie?
Maren
Ohne Ironie.
Genieß es. Kommt selten vor.
Hey, Dieter. Na, hast du brav geschlafen?
Und bevor du fragst: Ja, ich rede mit meiner Katze. Und nein, das ist kein Zeichen von Einsamkeit.
Erzähler
Ich wollte gar nichts sagen.
Maren
Du wolltest sagen, Maren spricht mit ihrem Kater, weil sonst niemand zuhört.
Erzähler
Wortwörtlich.
Ja.
Maren
Ha!
Ich kenne dich inzwischen besser als du mich.
Erzähler
Das bezweifle ich.
Maren
Okay, dann erzähl mir was, das stimmt. Eine echte Sache über mich. Nicht interpretiert, nicht erzählt, nicht literarisch aufgeblasen. Einfach wahr.
Erzähler
Du hast heute Morgen beim Zähneputzen gesummt. Als du dachtest, ich höre nicht hin.
Maren
Hast du das gehört?
Erzähler
Dancing Queen
von ABBA.
Maren
Oh Gott.
Erzähler
Um sechs Uhr zwanzig, mit Zahnpasta im Mund, in einem Badezimmer in Oldenburg.
Maren
Hör auf.
Erzähler
Und du hast gelächelt dabei.
Nicht für jemanden. Nicht, weil jemand zugeschaut hat. Einfach so. Weil Dienstag ist und du am Leben bist und Dancing Queen ein gutes Lied ist.
Das war das Schönste, was ich den ganzen Tag erzählt habe. Und ich habe es fast verpasst.
Maren
Hm.
Für einen Tinnitus war das ziemlich poetisch.
Erzähler
Sieben Semester Germanistik. Irgendetwas muss hängengeblieben sein.
Abend.
Maren sitzt auf dem Sofa. Dieter liegt auf ihren Beinen und ist entschlossen, sich für den Rest des Abends nicht zu bewegen.
Im Fernsehen läuft eine Kochsendung, die Maren nicht wirklich schaut, aber auch nicht ausmacht.
Es regnet.
Maren
Du wirst besser.
Erzähler
Oder du wirst gnädiger.
Maren
Beides wahrscheinlich.
Oh, Natascha. Hey. Ja. Ja klar, Samstag passt.
Nee, ich bringe den Wein mit. Den guten, ja.
Bis dann.
Erzähler
Maren legt auf. Sie lächelt.
Es ist kein besonderes Lächeln, kein dramatisches, kein literarisches.
Einfach ein Lächeln.
Maren
Da, genau so.
Erzähler
Es fühlt sich trotzdem falsch an.
Ein Erzähler, der nichts hinzufügt. Wozu bin ich dann da?
Maren
Vielleicht musst du nicht immer was hinzufügen.
Vielleicht reicht es, dabei zu sein.
Erzähler
Das ist die langweiligste Jobbeschreibung, die ich je gehört habe.
Maren
Willkommen in meiner Welt.
Erzähler
Zweiundzwanzig Uhr. Maren macht den Fernseher aus. Dieter protestiert kurz und schläft weiter. Sie trägt ihn ins Schlafzimmer, obwohl er bestimmt sechs Kilo wiegt.
Maren
Sieben.
Mindestens.
Erzähler
Das Schlafzimmer. Maren liegt im Bett. Dieter hat die rechte Seite besetzt, wie jede Nacht. Der Regen trommelt gegen das Fenster. Es klingt wie.
Es klingt wie Regen.
Maren
Lernfähig.
Erzähler
Sag mal.
Maren
Hm?
Erzähler
Bist du glücklich?
Maren
Glücklich ist ein großes Wort.
Zufrieden? Ja, meistens. Außer wenn ein fremder Mann in meinem Schlafzimmer redet.
Erzähler
Fair genug.
Maren
Und du?
Bist du glücklich?
Erzähler
Ich erzähle das Leben einer zahlenmedizinischen Fachangestellten in Oldenburg, deren Katze nach ihrem Ex-Freund benannt ist.
Maren
Das war keine Antwort.
Erzähler
Ist wohl nicht der schlechteste Tag.
Maren
Na also.
Gute Nacht, Erzähler.
Erzähler
Gute Nacht, Maren.
Maren
Und morgen weniger Adjektive.
Erzähler
Keine Versprechen.
Stille.
Regen.
Das gleichmäßige Schnurren eines Katers, der Dieter heißt und die rechte Seite des Bettes für sich beansprucht hat.
In Oldenburg schläft eine Frau, die nicht erzählt werden will und neben ihr, unsichtbar und überflüssig und ein klein wenig froh, dass er heute hier gelandet ist und nicht auf einem Schiff auf dem Atlantik, sitzt ein Erzähler und merkt zum ersten Mal, dass die besten Geschichten die sind,
die man in Ruhe lässt.
Obwohl Dancing Queen wirklich ein gutes Lied ist.