Der Erzähler betritt die Wohnung. Leider ohne Erlaubnis.
„Unerzählbar – Die Begegnung“ beginnt mit großem Anlauf. Der Erzähler stellt sich innerlich vermutlich schon irgendwo zwischen Kafka, Thomas Mann und einem sehr ernsten Hörbuchregal auf. Manche Morgen, sagt er, beginnen mit dem Gefühl, dass die Welt sich verändert hat. Klingt wichtig. Klingt tief. Klingt nach Schicksal. Und dann klingelt einfach ein Wecker in einer Zweizimmerwohnung in Oldenburg.
Dort liegt Maren Vogt. Fünfunddreißig, zahnmedizinische Fachangestellte, Besitzerin eines Katers namens Dieter und ganz offensichtlich nicht bereit, sich morgens vor dem ersten Kaffee zur literarischen Hauptfigur ernennen zu lassen. Der Erzähler versucht es trotzdem. Er möchte Bedeutung. Maren möchte wissen, wer da in ihrem Schlafzimmer spricht und warum er klingt, als hätte jemand ein Hörbuch zu lange offen gelassen.
Damit ist die Sache eigentlich schon entschieden. Der Erzähler sagt: „Ich bin dein Erzähler.“ Maren sagt: „Nö.“ Und aus diesem kleinen Nö wächst eine ganze Serie. Nicht, weil Maren keine Geschichte hätte. Sondern weil sie sehr genau merkt, wenn jemand versucht, ihr Leben mit zu vielen Adjektiven zu tapezieren.
Sieben Semester Germanistik gegen einen ersten Kaffee
Der Erzähler ist unsichtbar, körperlos und ungefähr so dezent wie ein Mann, der im Bad hinter einem Duschvorhang „die Leere in ihrem Inneren“ formulieren möchte. Maren denkt währenddessen über die neue Staffel von „Traitors“ nach und darüber, ob sie abends Sushi bestellt oder selber kocht. Das ist für ihn schwer. Man hört förmlich, wie irgendwo in seinem Inneren ein Germanistikseminar zusammenbricht.
Sein Problem: Er hat nur einen Modus. Einsamkeit, Leere, Schwermut. Zur Not auch ein Pickel am Kinn, der dringend in Weltschmerz umgedeutet werden muss. Marens Problem: In ihrem Badezimmer steht plötzlich eine Stimme herum, die genau das versucht. Ihre Lösung: trocken bleiben. Sehr trocken. Fast brandschutzgefährdend trocken.
Das Schöne an dieser ersten Folge ist, dass Maren den Erzähler nicht einfach abschaltet. Sie lässt ihn reden. Aber sie lässt ihm nichts durchgehen. Ein Bett ist nicht „Ausdruck innerer Verwahrlosung“, sondern gemütlich unstrukturiert. Kaffee ist nicht das Frühstück einer gebrochenen Seele, sondern Kaffee. Schwarz, zwei Zucker. Und sieben Semester Germanistik sind offenbar nicht acht. Warum? Neues Thema.
Dieter. Die Katze heißt Dieter.
Dann gibt es noch Dieter. Graugetigert, hungrig, majestätisch schwer und nach Marens Exfreund benannt. Der Erzähler wittert sofort Tragik. Endlich! Ein Mann, der in der Erinnerung weiterlebt! Vielleicht eine Wunde! Vielleicht ein Motiv! Vielleicht sogar ein Schatten über Marens Lebensentwurf!
Nein. Der echte Dieter war einfach auch fett, faul und überzeugt davon, dass ihm die Wohnung gehört. Mehr ist es nicht. Oder doch: Es ist exakt die Sorte Wahrheit, an der der Erzähler in dieser Folge dauernd ausrutscht. Er sucht die Kathedrale. Maren zeigt auf den Napf.
Dieter selbst hat zu all dem keine erkennbare Meinung. Er frisst, schläft, beansprucht die rechte Bettseite und erfüllt damit zuverlässig alle Pflichten einer Nebenfigur mit sieben Kilo Autorität. Falls er die literarische Dimension seiner Existenz kennt, behält er sie für sich. Wahrscheinlich aus Verachtung.
Oldenburg, Fahrradwind und ein sehr gefährliches Franzbrötchen
Irgendwann muss Maren zur Arbeit. Also raus aus der Wohnung, rauf aufs Fahrrad, rein in den Oldenburger Morgen. Der Erzähler setzt an: Herbstwind, kalte Hände, ungeschriebene Gedichte, wahrscheinlich irgendwo eine metaphorische Krähe. Maren sagt: nein. Noch mal nein. Am Ende bleibt: „Es ist windig.“ Und man möchte ihm fast applaudieren.
Diese Fahrt ist eine kleine Erziehungsmaßnahme mit Fahrradkette. Maren bringt dem Erzähler bei, dass eine Straße auch einfach eine Straße sein darf. Im Morgenlicht, ja. Aber immer noch Straße. Der arme Mann fühlt sich dadurch „narrativ eingeschränkt“. Maren nennt es vermutlich: Fortschritt.
Dann kommt die Bäckerei. Maren erwähnt Franzbrötchen. Der Erzähler richtet sich innerlich auf, als hätte jemand den Literaturnobelpreis in Zimt gewälzt. Das Franzbrötchen als Symbol für die deutsch-französische Sehnsucht? Maren beendet den Ausflug sofort: Es ist ein Gebäck mit Zimt. Für den Erzähler ist das ein Rückschlag. Für alle anderen ist es eine hilfreiche Produktbeschreibung.
In der Zahnarztpraxis bekommt sogar der Erzähler kurz Haltung
Maren arbeitet in der Zahnarztpraxis von Doktor Freytag und Partner. Das klingt zunächst wie ein sehr normaler Arbeitsplatz: Telefon, Empfang, Termine, Bohrer hinter geschlossenen Türen, Menschen im Wartezimmer, die alle versuchen, so auszusehen, als wären sie freiwillig dort. Für den Erzähler ist das erst einmal Material. Für Maren ist es Arbeit.
Hier merkt man sehr schnell, dass Marens Trockenheit nicht mit Härte verwechselt werden sollte. Über den Erzähler darf sie sich lustig machen. Der ist schließlich ein körperloser Mann mit zu vielen Gefühlen und keiner Krankenversicherung. Über einen Angstpatienten macht man sich nicht lustig. Punkt. Als der Erzähler gerade ansetzen will, fährt Maren ihm dazwischen. Und zwar nicht laut, sondern professionell. Das ist schlimmer.
Der Erzähler nennt eine beruhigende Bemerkung gegenüber Herrn Wilmers erst einmal gelogen. Maren nennt es Empathie. „Sieht für einen Erzähler wahrscheinlich gleich aus.“ Das ist einer dieser Sätze, bei denen man hört, wie sein Samtstimmchen kurz auf die Tischkante fällt.
Maren ist nicht einsam. Sie macht nur Mittagspause.
Besonders schön wird es, wenn der Erzähler auf Mittagspause trifft. Maren sitzt allein im Pausenraum. Allein! Man spürt, wie er das Wort anhebt wie eine Geige vor dem Katastropheneinsatz. Endlich Einsamkeit. Endlich Leere. Endlich etwas, das sich vernünftig schwermütig erzählen lässt.
Leider erklärt Maren, dass Natascha Spätschicht hat und Jule bei einer Fortbildung ist. Normalerweise essen sie zusammen. Und außerdem ist der Erzähler ja da. Leider. Halb als Witz. Also genau in der Grauzone, in der der Erzähler am meisten leidet.
Dann probiert er Spannung. Licht aus, Schatten, knarrende Tür. Maren sieht: den Pausenraum. Bei Neonlicht. Mit einem brummenden Kühlschrank. Es ist vielleicht der ehrlichste Thriller, der je nicht stattgefunden hat.
Und plötzlich stimmt ein Satz
Mit der Zeit passiert etwas Unerwartetes. Nein, keine große Tragödie. Keine geheime Vergangenheit im Regen. Kein dramatischer Brief aus Wien. Schlimmer: Der Erzähler wird besser. Er beschreibt weniger, was er gerne hätte, und hört mehr auf das, was wirklich da ist. Maren merkt das. Natürlich nicht zu freundlich. Man will ihn ja nicht überfüttern.
Der schönste Moment kommt, als Maren ihn herausfordert: Er soll eine echte Sache über sie erzählen. Nicht interpretiert, nicht aufgeblasen, nicht mit drei Schichten Literaturmarinade. Einfach wahr. Und dann erinnert er sich daran, dass sie morgens beim Zähneputzen „Dancing Queen“ gesummt hat. Mit Zahnpasta im Mund. Um sechs Uhr zwanzig. In Oldenburg. Das ist so konkret, dass sogar der Erzähler nichts kaputtmachen kann.
Warum du nach Folge 1 wahrscheinlich mehr willst
„Unerzählbar – Die Begegnung“ ist keine Comedy, die nur aus Gags besteht. Aber sie weiß sehr genau, dass ein guter Gag manchmal mehr über eine Figur sagt als ein langer innerer Monolog. Der Erzähler will ein Leben erklären. Maren erklärt ihm die Welt zurück. Mit Kaffee, Gegenfragen, Patientenschutz, Katzennamen und einer bemerkenswert geringen Toleranz für unnötige Adjektive.
Auf kurzhoerspiele.de ist „Die Begegnung“ der perfekte Einstieg in die Reihe: ein normaler Tag, der für den Erzähler zur beruflichen Krise wird und für Maren höchstens etwas gesprächiger als üblich. Wer danach wissen will, wie es mit Maren, Dieter und diesem beleidigten Tinnitus mit Germanistikhintergrund weitergeht, findet auf unerzaehlbar.de weitere Folgen, Figuren und Hintergründe. Der Erzähler würde das wahrscheinlich „eine Einladung in ein erzählerisches Universum“ nennen. Maren würde sagen: Da sind halt noch mehr Folgen.