Abschrift · Drama

Zimmer 7

In einer Hospiznacht spricht Marion in ein Diktiergerät. Zwischen leeren Betten und unerledigten Sätzen erzählt sie von dem, was bleibt, wenn jemand geht.

Marion

Nachklang.

14. November. Nachtschicht. 3:12

Uhr.

Station drei ist ruhig. Zimmer vier schläft. Zimmer neun schläft wahrscheinlich auch.

Zimmer sieben ist frei seit heute Nachmittag.

Ich sollte das nicht aufnehmen. Ich weiß, dass ich das nicht aufnehmen sollte, aber ich kann nicht schlafen und ich kann nicht reden und ich kann es nicht mehr nur denken. Es muss raus, irgendwohin.

Also rede ich mit einem Diktiergerät um drei Uhr morgens im Aufenthaltsraum neben einer kalten Tasse Kaffee und einem Brötchen, das ich seit sechs Stunden nicht angerührt habe.

Ich bin jetzt seit zwölf Jahren hier. Station drei, palliativ. Man sagt palliativ, weil es besser klingt als Sterbestation. Aber das ist es, was es ist. Menschen kommen her und sie gehen nicht wieder.

Im Durchschnitt bleiben die Patienten elf Tage, manche drei Wochen, manche zwei Nächte.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele es waren.

Irgendwann war die Zahl zu groß und gleichzeitig jeder Einzelne zu wichtig für eine Nummer.

Aber manche bleiben im Kopf. Die werden so eine Art Bibliothek. Eine Bibliothek aus Menschen, die niemand außer mir mehr kennt.

Zimmer sieben. Das ist das Zimmer am Ende des Flurs. Klein. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Fenster zum Garten. Die meisten wollen dahin, weil es ruhig ist. Weit weg vom Schwesternzimmer, weit weg vom Flur. Manche wollen das: die Stille.

Zimmer sieben hat in zwölf Jahren mehr Menschen gesehen, als ich zählen kann. Und jeder hat diesen Raum verändert. Nicht die Wände, nicht die Möbel,

aber die Luft. Ich schwöre, die Luft in diesem Zimmer ist anders.

Ich fange an

mit dem, was ich nicht mehr tragen kann.

Herr Wiegand, Zimmer sieben, Oktober letztes Jahr.

81, Lungenkrebs. Ehemaliger Schreiner, große Hände, auch am Ende noch. Diese riesigen Hände auf der dünnen Decke. Hände, die Schränke gebaut haben, Tische, Wiegen für Enkelkinder.

Er hat drei Tage lang nach seiner Tochter gerufen. "Christina", immer wieder. "Christina".

Manchmal laut, manchmal so leise, dass nur ich es gehört habe, wenn ich reingekommen bin, um die Infusion zu wechseln.

Ich habe sie angerufen am ersten Tag.

Sie hat gesagt, sie kommt morgen.

Am zweiten Tag habe ich wieder angerufen. Sie hat gesagt: "Es ist schwierig. Die Kinder, die Arbeit."

Am dritten Tag habe ich zum dritten Mal angerufen und Christina hat gesagt:

"Ich kann das nicht.

Sagen Sie ihm, ich komme morgen."

Er ist in der Nacht gestorben, um zwanzig nach zwei.

Ich war bei ihm.

Ich habe seine Hand gehalten, diese große Schreinerhand. Und er hat mich angeschaut und gefragt:

"Bist du das, Christina?"

Und ich habe gesagt: "Ja."

Das war die letzte Lüge, die er gehört hat. Und er hat gelächelt und seine Hand hat sich entspannt.

Und dann war es vorbei.

Ich habe die Geräte abgestellt, die Papiere ausgefüllt, das Zimmer gelüftet. Frische Laken. Routine.

Und dann bin ich ins Badezimmer gegangen, habe die Tür abgeschlossen und drei Minuten geweint. Genau drei Minuten. Das habe ich mir beigebracht. Nicht länger, weil auf Station noch sechs andere Patienten sind, die mich brauchen. Nicht kürzer, weil es sonst nicht reicht. Drei Minuten. Dann Gesicht waschen, Kittel glatt streichen, rausgehen.

Christina ist zwei Tage später gekommen, mit Blumen, und hat gefragt, ob er--

ob es friedlich war.

Und ich habe gesagt: "Ja,

es war friedlich. Er hat geschlafen."

Die zweite Lüge,

weil die Wahrheit gewesen wäre:

Er hat drei Tage nach dir geschrien und du warst nicht da.

Und eine Fremde hat so getan, als wäre sie seine Tochter, damit er nicht allein sterben muss. Aber das sagt man nicht.

Man sagt, es war friedlich

und gibt den Angehörigen, was sie brauchen,

weil das auch mein Job ist.Herr Wiegand, einundachtzig, drei Tage, Zimmer sieben.

Und Christina, falls du das jemals hörst, was du nicht wirst: Er hat dich geliebt bis zur letzten Sekunde. Er hat nicht geflucht und nicht geschimpft. Er hat nur deinen Namen gesagt, wieder und wieder, wie ein Gebet.

Das ist das Ding mit dem Sterben. Es legt alles frei. Die ganze Fassade, das ganze Theater des Lebens, das fällt weg und übrig bleibt nur das, was wirklich zählt. Bei Herrn Wiegand war es der Name seiner Tochter. Man sollte den Menschen das sagen, die einem wichtig sind. Nicht morgen, nicht irgendwann. Jetzt. Weil irgendwann ein Zimmer sieben kommt und dann liegt man da und ruft einen Namen und niemand antwortet.

Jonas Breuer, Zimmer sieben, März dieses Jahres.

Zwanzig Jahre alt, Knochenkrebs, Metastasen überall. Als er kam, wusste er, dass er nicht mehr rausgeht. Er hat es gewusst und er hat es gesagt. Einfach so am ersten Tag, als ich seine Infusion angeschlossen habe.

Er hat gesagt: "Schwester Marion, ich sterbe hier, oder?"

Und ich habe ihn angeschaut und wollte sagen: "Wir tun alles, was wir können", oder irgendetwas, was man so sagt. Aber er hat den Kopf geschüttelt, bevor ich den Mund aufgemacht habe und gesagt: "Bitte nicht. Bitte keine Sprüche."

Also habe ich gesagt: "Ja, Jonas,

wahrscheinlich."

Er hat genickt und dann hat er sein Handy rausgeholt und mir den Bildschirm gezeigt. Eine Liste. Überschrift: "Dinge, die ich noch machen will." Da stand: einmal Nordlichter sehen, einen Song zu Ende schreiben, mit Papa angeln gehen, einem Mädchen sagen, dass ich sie mag, einen Hund haben, einmal in einem See schwimmen, nachts, wenn keiner zuschaut.

Und ganz unten als letzter Punkt:

Mama sagen, dass es okay ist.

Jonas hatte Schmerzen, starke Schmerzen. Die Knochen.

Das ist bei Knochenkrebs so: Die Metastasen fressen sich rein und es gibt Momente, da hilft auch das Morphium nur noch bedingt. Er hat nie geschrien. Er hat sich auf die Lippe gebissen und die Augen zugemacht und die Bettdecke festgehalten, bis die Knöchel weiß waren,

weil er nicht wollte, dass seine Mutter es hört, die draußen auf dem Flur gewartet hat.

Zwanzig Jahre alt

und er beschützt seine Mutter vor seinen Schmerzen.

In der zweiten Woche hat er nachts angefangen zu reden, mit mir.

Immer nachts, wenn seine Mutter nach Hause gegangen war. Er hat gefragt, ob ich glaube, dass es wehtut, das Sterben selbst.

Ich habe gesagt: "Nein,

am Ende nicht."

Und er hat gesagt:

"Woher weißt du das?"

Und ich habe gesagt: "Weil ich es gesehen habe. Oft. Und weil die Gesichter danach immer ruhig aussehen, als hätte jemand die Stirn glattgestrichen."

Und er hat gelächelt und gesagt: "Das klingt eigentlich ganz okay."

Drei Tage vor dem Ende hat er mich gebeten, sein Handy zu nehmen und ihm die Liste vorzulesen.

Und bei jedem Punkt, den er nicht mehr schafft, hat er gesagt: "Nächstes Mal."

Nordlichter? Nächstes Mal. Song? Nächstes Mal.

Angeln mit Papa?

Nächstes Mal.

Und beim letzten Punkt, Mama sagen, dass es okay ist, hat er gesagt:

"Das schaffe ich noch."

Am letzten Tag habe ich ihn gefragt, ob ich seine Mutter reinschicken soll und er hat Ja gesagt.

Und ich bin rausgegangen und habe die Tür zugemacht und mich auf den Stuhl im Flur gesetzt.

Und durch die Tür habe ich gehört, wie er gesagt hat:

"Mama, es ist okay.

Es ist okay."

Und sie hat geweint

und er hat sie getröstet.

Er hat sie getröstet.

Jonas. Er hat sie getröstet.

Er ist in der Nacht gestorben.

Ich war da.

Ich bin immer da.

Seine Mutter hat auf dem Stuhl neben dem Bett geschlafen, den Kopf auf der Matratze, seine Hand in ihrer Hand.

Ich habe ihn atmen gehört

und dann nicht mehr.

Danach bin ich auf sein Handy gegangen. Ich weiß, das darf ich nicht. Ich weiß das. Aber ich musste die Liste sehenEr hatte den letzten Punkt durchgestrichen. Mama sagen, dass es okay ist. Erledigt. Der einzige Punkt auf der Liste, den er geschafft hat.

Zwanzig Jahre.

Man denkt immer, Zeit ist so viel. Man denkt: Ich mache das morgen, nächste Woche, nächsten Sommer.

Jonas hatte keine nächste Woche.

Und die Nordlichter, die hat er nie gesehen.

Und das Mädchen, dem er es sagen wollte,

die weiß bis heute nicht, dass da jemand war, der sie mochte.

Wenn ihr das hört, wer auch immer das hört, geht schwimmen, nachts in einem See.

Sagt es den Leuten. Wartet nicht.

Der Kaffee ist kalt.

Ist egal. Ist immer kalt hier.

Meine Freundin Katja, die sagt immer: "Marion, wie machst du das? Wie gehst du da jeden Tag rein?" Und ich sage: "Man gewöhnt sich dran." Und das ist die dritte Lüge, die ich erzähle, weil man sich nicht daran gewöhnt. Man lernt nur, es woanders hinzulegen, in eine Schublade und die Schublade abzuschließen und weiterzumachen.

Nur manchmal nachts geht die Schublade auf und alles kommt raus.

Frau Hartmann, Zimmer sieben, Juni, neununddreißig, Bauchspeicheldrüsenkrebs. Zwei Kinder, Mia sechs und Ben vier.

Ein Mann, der jeden Tag gekommen ist und im Flur geweint hat und sich jedes Mal die Augen gewischt hat, bevor er ins Zimmer gegangen ist.

Frau Hartmann hatte Schmerzen.

Andere Schmerzen als Jonas.

Nicht die Knochen,

der Bauch.

Wellen, die kommen und gehen und dazwischen diese Atempausen, wo sie ganz still liegt und man denkt: Jetzt ist es so weit. Aber dann kommt die nächste Welle. Sie hat mich einmal nachts gerufen. Zwei Uhr.

Die Schmerzen waren so stark, dass sie nicht mehr leise sein konnte. Und sie hat mich angeschaut und gesagt:

"Marion, wer holt meine Kinder morgen vom Kindergarten ab?"

Nicht: Machen Sie die Schmerzen weg.

Nicht: Warum ich?

Nicht: Ich will nicht sterben,

sondern: Wer holt meine Kinder vom Kindergarten ab?

Weil sie im Sterben nicht an sich gedacht hat, sondern daran, dass Mia um halb drei rauskommt und Ben um zwei und dass man pünktlich sein muss, weil Ben Angst hat, wenn er der Letzte ist, der abgeholt wird.

Und ich habe gesagt: "Ihr Mann holt sie ab.

Er ist da."

Und sie hat gesagt: "Aber nach mir, Marion?

Wer erklärt Mia, dass Mama nicht mehr wiederkommt? Mia glaubt, Mama ist im Krankenhaus und wird gesund. Wer sagt ihr, dass Mama lügt?"

Darauf gibt es keine Antwort. Es gibt keine Antwort auf die Frage einer neununddreißig-jährigen Mutter, wer ihrer sechsjährigen Tochter erklärt, dass Mama nicht mehr kommt.

Also habe ich das getan, was ich immer tue. Ich habe mich zu ihr gesetzt, ihre Hand genommen und bin einfach da gewesen.

Nicht geredet, nur da.

Frau Hartmann hat in der letzten Woche angefangen, Briefe zu schreiben. An Mia und Ben. Für jeden Geburtstag, für die Einschulung, für den ersten Liebeskummer,

für die Hochzeit.

Dreiundzwanzig Briefe in sechs Tagen.

Mit einer Hand, die kaum noch den Stift halten konnte.

Nachts, wenn die Kinder nicht da waren. Und einmal, als ich reinkam, hat sie nicht geschrieben, sondern geweint. Und ich habe gefragt: "Was ist?" Und sie hat gesagt:

"Mir fallen keine Worte mehr ein für Mias achtzehnten Geburtstag. Ich weiß nicht, wer sie dann sein wird. Ich kenne mein eigenes Kind nicht mit achtzehn. Und das ist so unfair, Marion. Das ist so verdammt unfair."

Ich habe ihre Hand gehalten und gesagt: "Dann schreiben Sie, was Sie jetzt fühlen. Das wird reichen. In jedem Alter wird das reichen."

Sie hat den Brief fertig geschrieben in der Nacht, in der sie gestorben ist.

Ich habe ihn unter ihrem Kopfkissen gefunden mit "Mia, achtzehn" auf dem Umschlag.

In einer Handschrift, die kaum noch lesbar war.

Mia ist jetzt sieben. Sie hat noch elf Briefe vor sich, die sie nicht kennt. Elfmal wird ihre tote Mutter zu ihr sprechen

und irgendwann der Letzte.

Und dann Stille.

Neununddreißig. Das ist mein Alter, als ich hier angefangen habe. Ich hatte eine Tochter, Lena, die gerade in die Schule gekommen war und ich habe Frau Hartmann angeschaut und gedacht: Das könnte ich sein. Das ist der Abstand zwischen meinem Leben und ihrem Tod. Gar keiner.Herr Palewski, Zimmer sieben, Januar.

Fünfundfünfzig, Magenkrebs. Ehemaliger LKW-Fahrer, großer Mann, breite Schultern. Aber als er hier ankam, wog er noch siebenundvierzig Kilo.

Herr Palewski hatte Schmerzen, die ich in zwölf Jahren nur zweimal gesehen habe. Die Sorte, bei der das Morphium wie Wasser ist.

Die Sorte, bei der ein erwachsener Mann schreit, nicht weint,

schreit.

Und zwischen den Anfällen, in den Pausen, wenn der Schmerz für zehn Minuten nachlässt, hat er mich angeschaut und gesagt: "Warum darf ich nicht gehen, Marion? Warum lässt man mich nicht gehen?"

Und ich hatte keine Antwort.

Ich habe nur seine Hand gehalten und gedacht: Er hat recht. Er hat so verdammt recht

und ich darf nichts tun.

Er hat mich einmal nachts um halb vier an der Hand festgehalten und gesagt:

"Marion, ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor morgen früh,

weil morgen früh der Schmerz wiederkommt."

In der Nacht habe ich im Schwesternzimmer gesessen und auf die Uhr geschaut

und bei jeder Stunde gedacht: Noch ein Morgen.

Noch ein Morgen, vor dem er Angst hat.

Er hat noch elf Tage gebraucht. Elf Tage

und ich habe jede Nacht bei ihm gesessen und seine Hand gehalten und innerlich geschrien, weil ich ihm nicht helfen durfte, ihn gehen zu lassen. Ich durfte nur da sein und das Morphium hochdrehen, soweit es erlaubt war

und manchmal ein bisschen darüber hinaus.

Das mit dem darüber hinaus sagt man nicht laut. Das steht in keinem Protokoll. Aber jede Schwester auf jeder Palliativstation in diesem Land weiß, was es bedeutet, wenn man sagt, die Dosis wurde angepasst.

Als es vorbei war, sah er zum ersten Mal seit Wochen friedlich aus

und ich habe gedacht: Endlich.

Und mich sofort dafür gehasst und dann gedacht: Nein, endlich ist das richtige Wort.

Und damit bin ich bei Frau Engel.

Frau Engel,

Zimmer sieben, August. Und ja, das war wirklich ihr Name. Engel. Man kann sich das nicht ausdenken.

Vierundachtzig. Herzversagen.

Klein, weiß, dünn wie Papier,

aber die Augen wach, klar wie zwei Scheinwerfer in einem kleinen Gesicht.

Frau Engel war anders als alle anderen. Sie war nicht traurig, nicht wütend, nicht verängstigt. Sie war erleichtert. Vom ersten Tag an. Sie hat niemanden angerufen, keine Besucher empfangen, kein Foto auf dem Nachttisch, keine Briefe, nichts. Nur das Bett, die Decke und sie.

Und ich habe sie gefragt, ob ich jemanden benachrichtigen soll. Und sie hat gelächelt und gesagt: "Nein, Kindchen, es gibt niemanden mehr

und das ist in Ordnung."

Sie hat in der letzten Woche viel mit mir geredet. Nachts. Sie konnte nicht schlafen und ich war da. Und sie hat erzählt vom Krieg, als sie klein war. Von einem Mann, den sie geliebt hat, der aber eine andere geheiratet hat. Von einer Schwester, die mit vierzig gestorben ist.

Von einem Leben, das aus lauter Verlusten bestand, einem nach dem anderen, bis nichts mehr da war.

Und ich habe gefragt: "Macht Ihnen das keine Angst? Das Alleinsein?"

Und sie hat gesagt: "Angst? Kindchen, ich habe vierundachtzig Jahre lang Angst gehabt. Vor dem Krieg, vor der Armut, vor dem Alleinsein. Und jetzt ist Schluss. Jetzt hört die Angst auf. Das ist doch wunderbar."

Sie hat im Sterben gelacht. Wirklich gelacht.

Nicht hysterisch, nicht verwirrt, sondern so, wie man lacht, wenn man nach einem sehr langen Tag endlich die Schuhe auszieht.

Nachher habe ich ihren Nachtschrank aufgeräumt. Da war fast nichts drin. Ein Kamm, eine Tüte Pfefferminzbonbons und ein Brief.

Nicht adressiert, nicht zugemacht.

Darin stand nur ein Wort in einer zittrigen alten Handschrift:

endlich.

Frau Engel hat mir etwas beigebracht, was kein Lehrbuch und kein Seminar je geschafft hat. Dass es einen guten Tod gibt.

Dass man gehen kann, wie man geht, wenn man müde ist. Nicht mit Angst, mit Erleichterung.

Das war das größte Geschenk, das mir je ein Patient gemacht hatUnd ich denke an sie, wenn die Nächte lang werden. Wenn ich an einem Bett sitze und jemand leidet und ich nichts tun kann, dann denke ich an Frau Engel und an das eine Wort und daran, dass es enden kann ohne Schrecken.

Es ist fast vier. In zwei Stunden kommt die Frühschicht.

Ich sollte aufhören,

aber da ist noch einer. Einer, von dem ich nie gesprochen habe. Nicht mit Katja, nicht mit dem Psychologen, zu dem uns die Klinik einmal im Jahr schickt. Mit niemandem.

Thomas Fehr, Zimmer sieben, Februar,

drei Jahre her.

Zweiundfünfzig.

Leberkrebs. Lehrer. Deutschlehrer. Er hatte diese ruhige Stimme und diese Art, einen anzuschauen, als würde er wirklich zuhören. Nicht so wie die meisten Leute, die warten, bis man fertig ist, damit sie reden können. Er hat zugehört.

Er hat mich gefragt, wie ich heiße. Und als ich Marion gesagt habe, hat er gesagt: "Marion, das kommt aus dem Hebräischen. Das heißt die Widerspenstige."

Und dann hat er gelächelt und gesagt: "Stimmt das?"

Und ich habe gelacht. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich auf Station gelacht.

Er hatte keine Familie. Geschieden, keine Kinder,

nur Bücher.

Kisten von Büchern, die sein Bruder gebracht hat. Er hat bis zuletzt gelesen

und abends, wenn ich meine Runde gemacht habe, hat er immer gesagt: "Marion, setz dich kurz." Und dann hat er mir vorgelesen. Fünf Minuten, zehn Minuten. Gedichte meistens, manchmal Geschichten. Seine Stimme, diese Lehrerstimme, die war wie, wie eine warme Decke.

Er war der einzige Patient, bei dem ich mich auf die Nachtschicht gefreut habe.

Und das ist das Problem.

Man darf sich nicht freuen. Man darf sich nicht binden. Nicht hier,

weil jede Bindung auf dieser Station ein Ablaufdatum hat.

Und das Ablaufdatum steht in der Akte

und man kennt es.

Aber ich habe mich gefreut. Jeden Abend. Und er hat es gemerkt. Und er hat einmal gesagt: "Marion, du bist die Einzige, die mich noch als Menschen behandelt und nicht als Diagnose."

Und ich habe gedacht: "Das bist du doch auch, Thomas, für mich.

Der einzige Mensch in diesem Gebäude, der mich als Marion sieht und nicht als Schwester."

In seiner letzten Woche wurde er schwächer.

Er konnte nicht mehr lesen. Also habe ich vorgelesen.

Ihm. Mit meiner Stimme, die nicht halb so schön war wie seine.

Und er hat zugehört und die Augen geschlossen und manchmal gelächelt.

Am letzten Abend hat er meine Hand genommen und gesagt: "Marion, du trägst zu viel. Du trägst die ganze Station. Irgendwann bricht das, wenn du es niemandem gibst."

Und ich habe gesagt: "Ich bin stark genug."

Und er hat den Kopf geschüttelt und gesagt: "Stark sein ist nicht genug, Marion.

Stark sein ist nur ein anderes Wort für allein."

Er ist in der Nacht gestorben.

Ich war nicht da. Ich war in Zimmer vier bei einem anderen Patienten.

Und als ich wiederkam, war es vorbei.

Und zum ersten Mal in zwölf Jahren haben drei Minuten nicht gereicht.

Ich habe eine Stunde im Badezimmer gesessen. Die Kollegin hat meine Schicht übernommen, ohne zu fragen,

weil sie es gesehen hat.

Und danach bin ich aufgestanden, habe das Gesicht gewaschen, den Kittel glattgestrichen und weitergemacht,

weil Zimmer neun eine neue Infusion braucht

und Zimmer vier Schmerzen hat. Und weil niemand sonst da ist. Das ist es, was diese Arbeit ist. Man bricht

und dann macht man weiter. Nicht, weil man stark ist, sondern weil im Zimmer nebenan jemand liegt, der dich braucht.

Thomas hatte recht. Stark sein ist ein anderes Wort für allein. Und ich bin allein. Jede Nacht

mit den Monitoren und den Infusionen und den Menschen, die gehen. Und niemand fragt, wie es der Schwester geht.

Die Ärzte gehen nach Hause,

die Angehörigen gehen nach Hause. Wir bleiben und waschen die Toten und beziehen die Betten und füllen die Formulare aus und machen weiter, weil morgen das nächste Zimmer sieben belegt wird.

Und morgens, wenn die Frühschicht kommt, fahre ich nach Hause und halte beim Bäcker und kaufe Brötchen.Und die Frau hinter der Theke sagt: "Guten Morgen." Und ich sage: "Guten Morgen." Und sie fragt: "Die Üblichen?" Und ich sage: "Ja, bitte." Und sie hat keine Ahnung, dass ich vor zwei Stunden einem Menschen die Augen zugedrückt habe. Und dann sitze ich zu Hause am Küchentisch und esse ein Brötchen und trinke einen Kaffee und die Sonne kommt rein und alles ist so normal, so furchtbar normal.

Aber ich mache weiter.

Nicht, weil ich muss,

sondern weil Herr Wiegand jemanden gebraucht hat, der seine Hand hält.

Und weil Jonas jemanden gebraucht hat, der nachts ehrlich antwortet. Und weil Frau Hartmann jemanden gebraucht hat, der einfach nur da ist.

Und weil Herr Palewski jemanden gebraucht hat, der die Dosis anpasst und nicht wegschaut. Und weil Frau Engel jemanden gebraucht hat, dem sie erzählen kann, dass der Tod kein Feind ist.

Und weil Thomas jemanden gebraucht hat, der ihm vorliest.

Das ist der Grund.

Nicht Berufung, nicht Heldentum. Einfach: Jemand muss da sein. In diesen Zimmern, in diesen Nächten muss jemand da sein.

Ich habe letzte Woche Lena angerufen, meine Tochter. Sie studiert in Freiburg. Ich rufe sie jeden Mittwoch an

und sie hat gefragt: "Wie war die Arbeit?" Und ich habe gesagt: "Wie immer."

Und dann habe ich gesagt: "Lena, ich wollte dir nur sagen, dass ich froh bin, dass es dich gibt." Einfach so, mitten im Gespräch.

Und es war kurz still.

Und dann hat sie gesagt:

"Mama, ist alles in Ordnung?"

Und ich habe gelacht und gesagt: "Ja, alles gut. Ich bin nur müde."

Aber eigentlich wollte ich sagen:

Ich habe heute einen 20-Jährigen sterben sehen, der ein Mädchen mochte und es ihr nie gesagt hat. Und eine Mutter, die Briefe an eine Tochter schreibt, die sie mit 18 nicht mehr kennen wird.

Und ich wollte nicht warten. Nicht einen Tag. Das macht diese Arbeit mit einem. Man hört auf, Dinge aufzuschieben. Man ruft an, man sagt es, weil man zu viele Nachttische aufgeräumt hat, auf denen Briefe lagen, die nie abgeschickt wurden.

Es wird hell draußen.

Die Vögel fangen an.

Gleich kommt die Frühschicht.

Ich werde jetzt aufstehen, den Kaffee wegschütten, den Kittel anziehen, meine Runde machen.

Zimmer vier, Zimmer neun, Zimmer sieben.

Das Bett in sieben ist frisch bezogen. Morgen kommt ein neuer Patient

und ich werde da sein,

wie jede Nacht.

Weil jemand muss.