Abschrift · Drama
Was wird...
Ein sterbender Mann diktiert einen Nachruf voller erfundener Abenteuer. Doch ausgerechnet die Lüge öffnet einen Raum für etwas, das noch geschehen kann.
Erzähler
Eine Ein-Zimmer-Wohnung in einem Hamburger Genossenschaftsbau. Dritter Stock, nahe dem Isebek-Kanal.
Es riecht nach Kamillentee und nach etwas Medizinischem, das sich unter den Tee mischt wie ein Schatten unter warmes Licht.
An den Wänden hängt nichts. Keine Fotos, keine Bilder.
Nur ein Stadtplan von Lissabon, mit Reißzwecken befestigt, die Ecken noch glatt.
Er ist neu.
Neben dem normalen Bett steht ein Krankenhausbett mit elektrischer Verstellung.
Auf dem Küchentisch ordnen sich Medikamentenschachteln in einer Plastikbox
und dazwischen, wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt, ein Laptop und ein Aufnahmegerät.
Judith sitzt am Tisch, den Laptop aufgeklappt, die Finger auf der Tastatur.
Vor ihr dampfen zwei Tassen Tee.
Sie wartet.
Sie ist gut im Warten.
Judith
Dritte Sitzung, 6. März.
Sind Sie bereit, Herr Braun?
Konrad
Bereit?
Ich bin seit einer Stunde bereit, habe den Sauerstoff aufgedreht, extra für Sie, damit mir nicht die Puste ausgeht, bevor wir zum guten Teil kommen.
Erzähler
Konrad richtet sich im Bett auf.
Etwas verändert sich in seinem Gesicht.
Die Falten um den Mund straffen sich.
Die Schultern gehen zurück. Als hätte jemand eine Lampe hinter seinen Augen eingeschaltet.
Konrad
Also, wo waren wir? Ach ja, Lissabon. Schreiben Sie: Im September 1987 brach Konrad Braun zu einem Segeltörn auf, der sein Leben verändern sollte.
Nicht, weil er wusste, was ihn erwartete, sondern weil er zum ersten Mal in seinem Leben nicht wusste, was ihn erwartete.
Die Küste südlich von Cascais.
Ein Licht, das es nur dort gibt, Frau Langhoff. Nicht golden, nicht weiß. Etwas dazwischen.
Als würde die Sonne das Meer fragen, ob es einverstanden ist, beschienen zu werden. Und das Meer sagt Ja.
Jedes Mal Ja.
Erzähler
Seine Stimme hat sich verändert.
Sie ist voll geworden, warm wie ein Instrument, das jemand nach langer Zeit wieder stimmt.
Die Hände malen Wellen in die Luft.
Der Sauerstoffschlauch wippt mit.
Konrad
Das Boot hieß Esperanza. Hoffnung. Zwölf Meter Mahagonideck, so warm unter den Füßen, dass man meinte, das Holz lebt.
Ich hatte es von einem Fischer in Setúbal gekauft, der aufhören wollte. Er sagte:"Dieses Boot will aufs offene Meer. Es wird unglücklich in der Bucht.
Und ich dachte: genau wie ich.
Judith
Der 14. September, sagten Sie letztes Mal. Welches Jahr genau?
Konrad
'87, 14. September, ein Montag.
Vierzehn Grad Wassertemperatur, Wind aus Nordwest, drei bis vier Beaufort.
So etwas vergisst man nicht. Dann änderte sich der Wind. Plötzlich, ohne Warnung. Und ich sah etwas im Wasser.
Zuerst dachte ich, ein Stück Treibholz oder eine Plane.
Aber Treibholz bewegt die Arme nicht.
Ein Mann, vielleicht dreißig, vielleicht jünger. Das Gesicht nach unten, die Arme schlugen auf das Wasser, aber langsam, so langsam, als hätte er vergessen, wie man kämpft.
Der Körper wusste noch, was der Kopf schon aufgegeben hatte. Eben das Kopfkissen richten.
Wo war ich?
Judith
Der Mann im Wasser.
Konrad
Richtig. Ich bin gesprungen, ohne nachzudenken. Das Wasser war so kalt, dass es einem die Luft aus den Lungen presst, als hätte das Meer selbst erschrocken eingeatmet.
Aber ich schwamm. Ich packte ihn unter den Armen und zog.
Erzähler
Konrads Augen leuchten.
Er ist nicht mehr hier,
nicht in dieser Wohnung mit dem Krankenhausbett und den Medikamentenschachteln.
Er ist irgendwo auf dem Atlantik und das Salz brennt auf seiner Haut und ein fremder Körper klammert sich an seinen.
Konrad
Ich habe ihn an Bord gezogen. Er hat gehustet und gespuckt und geweint, alles gleichzeitig.
Und dann hat er mich angesehen.
Diesen Blick, den vergisst man nie.
Der Blick eines Menschen, der begreift, dass er weiterleben wird.
Judith
Was wurde aus ihm,
aus dem Mann?
Konrad
Er hieß Tomás, Schreiner aus Porto.
Er hat mir ein Jahr später einen Brief geschickt. Drei Seiten in einem Portugiesisch, das ich mir von einer Nachbarin übersetzen lassen musste.
Er schrieb, er habe einen Sohn bekommen und er habe ihm meinen Namen gegeben.
Erzähler
Konrad schweigt einen Moment.
Dann wechselt er das Thema, als drehe er eine Seite um.
Seine Hand streift den Sauerstoffschlauch an seiner Nase.
Konrad
Und dann war da noch die Sache mit meinem Sohn.
Schreiben Sie:
Die Versöhnung mit seinem Sohn David gehört zu den Momenten, die Konrad Braun am meisten bedeuteten.
Judith
David. Sie haben ihn bisher nicht erwähnt.
Konrad
Acht Jahre hatten wir nicht gesprochen.
Meine Schuld, nur meine Schuld.
Dann stand er vor der Tür an einem Sonntag im November und ich sah, dass er meinen Gang hatte, diesen leicht schiefen Gang nach links.
Und da wusste ich, dass man Blut nicht verleugnen kann.
Erzähler
Judiths Finger liegen still auf der Tastatur.
Sie hat aufgehört zu tippen.
Nicht abrupt, sondern langsam, als wäre der Impuls verebbt wie eine Welle, die den Strand nicht mehr erreicht.
Judith
Soll ich Ihnen vorlesen, was wir bisher haben? Alle drei Sitzungen zusammen?
Konrad
Ja, ja, bitte. Ich möchte es hören.
Judith
Konrad Braun war kein Mann der großen Worte. Doch seine Taten sprachen lauter als alles, was er je hätte sagen können.
Im September 1987 rettete er vor der portugiesischen Küste einem Fremden das Leben. Er sprang in das vierzehn Grad kalte Wasser des Atlantiks und zog einen Mann an Bord seines Segelbootes Esperanza.
Erzähler
Konrad hat die Augen geschlossen.
Er lächelt.
Seine Lippen formen die Worte mit, als höre er ein Lied, das er auswendig kennt.
Judith
Die Versöhnung mit seinem Sohn David gehört zu den Momenten, die Konrad Braun am meisten bedeuteten.
Nach acht Jahren der Stille stand David vor der Tür und Konrad erkannte in seinem Gang sich selbst. Konrad Braun war ein Mann, der das Meer nicht fürchtete und die Stille zwischen Vater und Sohn nicht ertrug.
Er war
Erzähler
Sie legt das Manuskript auf den Tisch.
Glatt, drei Seiten, sauber formatiert, ihre handschriftlichen Korrekturen am Rand.
Sie sieht Konrad an.
Etwas in ihrem Blick hat sich verändert.
Judith
Herr Braun, ich habe zwischen unseren Sitzungen recherchiert. Das gehört zu meiner Arbeit. Ich überprüfe Fakten, bevor ich Sie in einen Nachruf schreibe.
Konrad
Natürlich, das ist Ihr gutes Recht. Was möchten Sie wissen?
Judith
Ich habe das Schiffsregister in Setúbal überprüft.
Es gibt dort kein Segelboot mit dem Namen Esperanza, das jemals auf einen Konrad Braun registriert war.
Nicht 1987, nicht in irgendeinem anderen Jahr.
Konrad
Das-- es war registriert auf den Fischer unter seinem Namen.
Ich habe den Papierkram nie geändert. Das kennen Sie doch. Portugiesische Bürokratie.
Judith
Ihr Reisepass hat keinen einzigen Stempel aus Portugal. Ich habe bei Ihrem Hausarzt nachgefragt. Er betreut Sie seit neunzehn Jahren. Sie waren nie länger als drei Tage am Stück verreist, nie weiter als die Ostsee.
Erzähler
Konrads Hände liegen auf der Bettdecke.
Sie bewegen sich nicht mehr.
Die Wellen, die sie eben noch gemalt haben, sind verebbt.
Sein Gesicht scheint um Jahre zu altern in wenigen Sekunden.
Konrad
Frau Langhoff, ich kann Ihnen erklären.
Judith
Und David.
Sie haben keinen Sohn, Herr Braun. Sie waren nie verheiratet. Im Melderegister steht seit einundvierzig Jahren dieselbe Adresse. Einzelperson.
Erzähler
Die Stille fällt wie ein Tuch über den Raum.
Der Sauerstoffkonzentrator pumpt, der Regen klopft an die Scheibe.
Zwischen den beiden liegt das Manuskript auf dem Tisch, drei Seiten voller Heldentaten, die nie geschehen sind. Die Luft riecht schwer, nach Kamille und nach Medikamenten und nach etwas, das keinen Namen hat.
Die Sekunden dehnen sich. Konrad dreht den Kopf zum Fenster.
Der Regen hat Rinnsale auf dem Glas gezeichnet, die sich zu kleinen Flüssen vereinen.
Er sieht ihnen zu, als stünde dort eine Antwort geschrieben.
Konrad
Sie haben recht.
Judith
Ich weiß.
Erzähler
Seine Stimme hat sich verändert. Sie ist dünn geworden, brüchig wie altes Papier, das man zu oft gefaltet hat.
Der Schauspieler ist von der Bühne getreten. Was übrig bleibt, ist ein Mann in einem Krankenhausbett, der Mühe hat, tief genug einzuatmen.
Konrad
Ich weiß, dass nichts davon stimmt.
Der Segeltörn,
der Mann im Wasser,
Tomás,
mein Sohn.
Nichts davon ist wahr. Kein einziges Wort.
Judith
Warum dann?
Konrad
Weil es keine Nachwelt gibt, Frau Langhoff.
Erzähler
Sein Blick wandert zur Wand, zum Stadtplan von Lissabon, den Reißzwecken, den geraden Ecken.
Neu gekauft, noch nie benutzt.
Die Stadt, die er nie besucht hat, an einer Wand, der er jeden Morgen gegenüber aufwacht.
Konrad
Es wird niemand kommen und diesen Nachruf lesen. Keinen Sohn, keine Enkel, keine ehemaligen Freunde.
Die Kolleginnen von der Versicherung haben mich vergessen, bevor ich in Rente ging.
Meine Schwester lebt in Flensburg und schickt mir zu Weihnachten eine Karte mit einem Hund drauf.
Das ist meine Nachwelt. Ein Hund auf einer Karte.
Judith
Dann, was ist das hier?
Wozu die Kleinanzeige, die drei Sitzungen, die ganzen Geschichten?
Konrad
Ich probe.
Judith
Sie proben?
Konrad
Ich will hören, wie es klingt. Ein mutiges Leben, ein großzügiges Leben. In ganzen Sätzen ausgesprochen, laut, von einer fremden Stimme.
Von ihrer Stimme.
Weil meine eigene es nicht glaubwürdig hinkriegt.
Vierzig Jahre Versicherungskaufmann. Da lernt man, die eigene Stimme für belanglose Dinge zu benutzen.
Erzähler
Judith hat die Hände in den Schoß gelegt.
Der Laptop steht halb offen zwischen ihnen. Der Cursor blinkt auf der letzten Zeile.
Das Aufnahmegerät leuchtet rot.
Es nimmt alles auf.
Es unterscheidet nicht zwischen Lüge und Wahrheit.
Konrad
Ich habe nie jemandem das Leben gerettet, nie ein Boot besessen, nie einen Sohn gehabt, dem ich vergeben konnte.
Aber wenn ich es höre, wie Sie es vorlesen, in diesem ruhigen Ton, mit diesem Ernst,
dann frage ich mich:
Judith
Was fragen Sie sich?
Konrad
Ob irgendetwas davon noch möglich ist.
Erzähler
Der Satz hängt im Raum wie eine Frage, die so lange ungestellt war, dass sie beinahe vergessen hätte, wie man sie ausspricht.
Der Regen antwortet nicht.
Der Sauerstoffkonzentrator pumpt weiter.
Gleichmäßig, als wüsste die Maschine nicht, dass hier gerade etwas zerbrochen ist und etwas anderes anfängt.
Konrad
Vier Monate, vielleicht fünf, sagt der Arzt.
Wenn ich Glück habe und das Wort Glück hier überhaupt noch eine Bedeutung hat,
reicht das für irgendeine dieser Geschichten?
Nicht alle.
Eine.
Eine einzige.
Judith
Lissabon.
Konrad
Wie bitte?
Judith
Der Stadtplan an Ihrer Wand. Er ist neu.
Sie haben ihn nicht aufgehängt, um sich an etwas zu erinnern.
Sie haben ihn aufgehängt, um sich an etwas zu erinnern, das noch nicht passiert ist.
Konrad
Sie verstehen das.
Judith
Ich glaube, ich fange gerade erst an, es zu verstehen.
Erzähler
Sie sieht auf das Manuskript.
Drei Seiten.
Sauber formatiert.
Am Rand ihre Korrekturen in blauer Tinte.
Hie und da ein Fragezeichen, eine Stiländerung, ein durchgestrichenes Wort.
Alles ordentlich.
Alles professionell.
Die Arbeit einer Frau, die fremde Sätze in Form bringt. Dann greift sie zum Stift.
Sie blättert zurück zur ersten Seite.
Ihr Finger gleitet über die Zeilen, bis er auf einem Wort stehen bleibt.
Einem kleinen Wort.
Drei Buchstaben.
War.
Konrad Braun war.
Sie streicht es durch.
Eine Linie, dünn und blau, quer durch die Vergangenheit.
Und darüber schreibt sie ein anderes Wort.
Vier Buchstaben.
Wird.
Konrad sieht es.
Sein Blick liegt auf dem Wort, als hätte jemand eine Tür geöffnet, von der er nicht wusste, dass sie existiert.
Er sagt nichts.
Er atmet ein.
Tief. So tief, wie der Sauerstoff es erlaubt.
Sein Kinn zittert, ganz leicht, kaum sichtbar.
Dann richtet er sich auf.
Nicht so theatralisch wie zuvor, als er den Segeltörn erzählte.
Langsamer.
Vorsichtiger.
Als hätte der nächste Satz ein anderes Gewicht.
Konrad
Schreiben Sie.
Konrad Braun fährt im April nach Lissabon.
Er nimmt den Stadtplan von der Wand und faltet ihn in seine Manteltasche.
Er hat noch nie das Meer vor der portugiesischen Küste gesehen.
Aber er wird es sehen.
Erzähler
Sie tippt.
Ihre Finger haben einen neuen Rhythmus gefunden.
Nicht schneller,
nicht langsamer,
aber sicherer.
Als schriebe sie nicht mehr auf, was war, sondern was kommt.
Judith
Fährt.
Das klingt gut.
Konrad
Ja.
Ja, das klingt gut.
Erzähler
Der Regen lässt nach.
Draußen hinter dem Fenster zeichnen die Laternen des Isebek-Kanals gelbe Kreise auf das schwarze Wasser.
Auf dem Tisch zwischen ihnen liegen drei Seiten.
Der Nachruf eines Mannes, der noch nicht gestorben ist. Und darunter, in Judiths Handschrift, beginnt etwas anderes.
Kein Rückblick mehr.
Kein Abschied.
Ein Plan.
Der Sauerstoffkonzentrator pumpt.
Das Aufnahmegerät läuft.
Der Regen tropft von der Regenrinne. Langsam und gleichmäßig, wie eine Uhr, die nicht die vergangene Zeit zählt, sondern die verbleibende.
Und in einer kleinen Wohnung im dritten Stock nahe dem Kanal diktiert ein Mann den nächsten Satz seines Lebens.
Im Präsens.