Abschrift · Drama
Was wir uns versprochen haben
Ein Schneesturm sperrt Maren und Jens in eine Hütte, die ihre frühere Liebe kennt. Ein Gästebuch bringt zurück, was beide zu lange umgangen haben.
Erzähler
Achtzehnhundert Meter über dem Meer.
Lechtaler Alpen, Dezember.
Der Schneesturm hat sie einer Stunde vor der Hütte erwischt und die letzten dreihundert Meter haben sie blind zurückgelegt. Schritt für Schritt, die Hände vor den Gesichtern.
Jetzt stehen Maren und Jens vor einer Tür aus grauem Holz.
Maren spürt, wie die Kälte durch ihre Handschuhe kriecht, bis in die Knochen.
Jens
Halt die Tür fest. Ich drück von unten, da ist Schnee davor.
Jetzt.
Maren
Bitt' schon, mach zu. Schnell.
Erzähler
Ein einziger Raum. Holzwände, eine Pritsche, ein kleines Fenster, das der Schnee fast zugeweht hat. Es riecht nach feuchtem Holz und kaltem Rauch, als hätte jemand vor Wochen das letzte Feuer hier gelöscht.
In der Ecke steht ein gusseiserner Ofen, daneben ein Stapel Holzscheite.
Marens Atem bildet kleine Wolken in der Dunkelheit.
Jens
Der Ofen sieht gut aus. Gusseisen, wahrscheinlich Siebziger. Solide Verarbeitung. Die haben damals noch ordentlich gebaut.
Maren
Ist genug Holz da?
Jens
Reicht für die Nacht,
vielleicht länger.
Ich mach ihn an.
Erst die kleinen Scheite, dann die großen. Muss man schichten, sonst erstickt das Feuer. Wie bei einem Dach. Man baut von unten nach oben.
Erzähler
Das Streichholz zischt.
Dann fängt das Kleinholz Feuer, erst zögernd, dann gieriger.
Orangenes Licht tastet sich in den Raum, wirft zuckende Schatten an die Wände.
Für einen Moment sehen sie beide in die Flammen und für diesen einen Moment ist die Stille zwischen ihnen erträglich.
Maren
Wir haben zwei Müsliriegel, eine Flasche Wasser und den Rest von Tee in der Thermoskanne. Das Regal da drüben hat Konserven.
Ravioli, sieht aus wie. Und Kerzen.
Jens
Ravioli auf achtzehnhundert Metern. Da gibt es schlechtere Abendessen.
Gib mal die Taschenlampe rüber, ich schaue, was noch da ist.
Erzähler
Sie funktionieren. Das ist das Wort, das ihre Ehe am besten beschreibt.
Wer hat die Taschenlampe? Wie viel Holz ist noch da?
Reicht das Wasser bis morgen?
Sechsundzwanzig Jahre Ehe, verdichtet auf Organisationsfragen.
Es ist erstaunlich, wie viel Raum das Nützliche einnehmen kann, wenn man das Eigentliche vermeidet.
Jens
Die Wände hier, das ist Lärche. Siehst du die Maserung?
Lärche ist das Einzige, was in dieser Höhe funktioniert. Das Harz macht sie wetterfest. Und die Eckverbindungen, das ist eine Schwalbenschwanztechnik. Macht heute kaum noch jemand so.
Maren
Jens, du musst nicht die ganze Hütte analysieren.
Erzähler
Jens redet über Holzverbindungen wie andere über das Wetter.
Er baut Mauern aus Wörtern, Fachbegriff um Fachbegriff, bis kein Platz mehr ist für das, was wirklich gesagt werden müsste.
Maren kennt das. Sie hat irgendwann aufgehört, dagegen anzukämpfen. Vor Jahren schon.
Jens
Ich schau mal, ob wir Empfang haben.
Nichts.
Kein einziger Balken.
Maren
Wir sind auf achtzehnhundert Metern in einem Schneesturm. Da gibt es keinen Empfang, Jens.
Erzähler
Draußen frisst der Sturm die Welt.
Kein Weg zurück, kein Weg vorwärts. Nur dieser eine Raum, sechs Meter auf vier und zwei Menschen, die verlernt haben, ihn miteinander zu teilen.
Jens
Die Pritsche da ist bald genug für zwei.
Also mit den Schlafsäcken und der Decke, meine ich.
Es wird kalt heute Nacht.
Richtig kalt.
Maren
Nimm du die Pritsche. Ich nehme den Boden neben dem Ofen.
Jens
Maren, der Boden ist eiskalt. Das ist doch nicht nötig.
Maren
Es ist in Ordnung.
Erzähler
Es ist in Ordnung.
Drei Worte, die in ihrer Ehe alles bedeuten und nichts.
Es ist in Ordnung. Ich brauche die Distanz. Es ist in Ordnung. Ich schlafe lieber auf dem kalten Boden als neben dir. Es ist in Ordnung heißt: Frag nicht weiter. Es heißt: Ich habe mich entschieden und meine Entscheidung steht nicht zur Debatte.
Jens
War trotzdem eine gute Tour heute. Bis zum Sturm jedenfalls. Die Aussicht am Griesbergkopf, erinnerst du dich?
Bevor die Wolken kamen, konnte man bis zum Bodensee schauen. Das Licht auf dem Schnee, das war schon besonders.
Maren
Ja, schön.
Erzähler
Die Stille kehrt zurück.
Sie hat Gewicht hier oben, diese Stille.
Sie drückt auf die Brust wie die dünne Luft. Jens legt ein Scheit nach. Maren zieht die Decke enger um die Schultern. Draußen heult der Sturm, drinnen knistert das Feuer und zwischen diesen beiden Geräuschen liegt alles, was sie sich nicht sagen.
Jens
Das Fenster da, das ist nicht original. Siehst du den Rahmen? Aluminium. Wahrscheinlich Achtziger. Passt nicht zum Rest der Hütte.
Jemand hat es erneuert, aber die Isolierung ist trotzdem nicht besonders.
Spürst du den Zug von der Seite?
Maren
Jens,
bitte.
Jens
Alte Gewohnheit.
Ich schau mal, was da im Regal steht. Vielleicht gibt es noch irgendwas Brauchbares.
Erzähler
Er steht auf, geht zum Regal an der hinteren Wand. Konserven, Streichhölzer, zwei Kerzen, eine Rolle Schnur und ganz hinten, eingeklemmt zwischen einer verrosteten Dose und einer Packung Salz, ein Buch.
Abgegriffen, der Einband weich vor Feuchtigkeit.
Auf dem Deckel steht in verblasster Schrift ein einzelnes Wort:
Gästebuch.
Jens nimmt es heraus, wischt den Staub ab. Die Seiten sind wellig, manche kleben zusammen. Auf dem Vorsatzblatt steht:"Bitte tragt euch ein".
Es riecht nach altem Papier und Feuchtigkeit.
Jens
Schau mal, ein Gästebuch.
Hör dir das an.
September 2019:
Die Ravioli waren eine Katastrophe, aber die Aussicht hat es rausgerissen. Grüße, Familie Obermeier aus Garmisch.
Maren
Hm.
Jens
Hier, noch einer.
Oktober 2015: Gewitter überstanden. Kein Holz mehr, kein Wasser,
aber glücklich.
Gott segne diese Hütte.
Da haben schon einige Leute hier fest gesessen.
Wir sind nicht die Ersten.
Maren
Wie weit gehen die zurück?
Jens
Erste Seite ist von 1998.
Das Buch ist über fünfundzwanzig Jahre alt.
Willst du mal schauen?
Ich leg inzwischen Holz nach.
Erzähler
Maren nimmt das Buch.
Sie blättert langsam, liest Einträge von Fremden, die in dieser Hütte gestrandet sind wie sie.
Geburtstage, Liebesschwüre, Wetterberichte, kleine Zeichnungen von Gipfeln.
Das Papier fühlt sich feucht an unter ihren Fingern. Hinter ihr kniet Jens am Ofen und schichtet Holz.
Maren
Jens.
Jens
Hm?
Maren
Das ist,
das ist meine Handschrift.
Erzähler
Maren starrt auf die Seite. Ihre Hand zittert. Die Schrift ist runder als heute, die Buchstaben größer, sorgloser, mit kleinen Kringeln über den I-Punkten. Aber es ist ihre Handschrift, ohne jeden Zweifel. Oben rechts steht ein Datum: August 2001.
Jens
August 2001.
Das war unser--
das war unser erster Sommer.
Wir waren schon mal hier?
Maren
Wir waren hier und wir haben es vergessen. Beide.
Dreiundzwanzig Jahre und wir haben nicht einmal gewusst, dass wir diesen Ort schon kennen.
Erzähler
Dreiundzwanzig Jahre und diese Hütte, dieser Raum war nur noch ein blinder Fleck in ihrer Erinnerung.
Als hätte das Vergessen sie geschützt vor dem, was sie einmal waren, vor dem, was sie einander versprochen haben.
Jens
Dreiundzwanzig Jahre, das ist ja auch--
ich meine, wir haben so viele Touren gemacht. Man kann nicht jede Hütte im Kopf behalten.
Was steht denn da genau?
Erzähler
Maren hält das Buch näher an die Kerze.
Das Wachs schmilzt, tropft auf den Rand der Seite.
Ihre Augen bewegen sich über die Zeilen. Dann beginnt sie zu lesen. Leise zuerst, fast tonlos, als spräche sie nur mit sich selbst.
Maren
An mein zukünftiges Ich.
Ich sitze hier in dieser verrückten kleinen Hütte und draußen sind die Sterne so nah, dass ich glaube, ich könnte sie pflücken.
Erzähler
Ihre Stimme verändert sich, während sie liest. Die Kontrolle weicht Schicht um Schicht, als würde die junge Frau von damals durch sie hindurch sprechen.
Und mit jedem Wort wird die Kluft zwischen der Maren von damals und der Maren von heute tiefer.
Maren
Jens schläft neben mir. Er hat den Ofen angemacht, obwohl es August ist, weil ich gesagt habe, dass mir kalt ist.
Wer macht im August einen Ofen an?
Dieser Mann.
Jens
Den Ofen.
Im August.
Erzähler
Jens steht am Ofen, genau wie damals. Er hat heute wieder den Ofen angemacht,
aber die Geste, die einmal vor Liebe strahlte, ist längst zur Routine geworden.
Ein Ofen ist ein Ofen, ist ein Ofen. Es sei denn, jemand erinnert dich daran, was er einmal bedeutet hat
Maren
Ich weiß nicht, ob du das hier jemals liest, aber wenn, dann möchte ich, dass du dich erinnerst. Es gibt einen Menschen, der für dich im August den Ofen anmacht.
Lass das nicht los.
Versprich mir, dass ihr nicht zu diesen Paaren werdet, die nur noch über Einkaufslisten reden.
Versprich mir, dass du ihm sagst, was du fühlst.
Jeden Tag.
Auch wenn es peinlich ist,
besonders dann.
Erzähler
Das letzte Wort verklingt. Im Ofen knackt ein Scheit.
Maren hält das Buch in den Händen wie etwas Zerbrechliches, das jeden Moment auseinanderbrechen könnte.
Ein Brief aus einer Welt, die nicht mehr existiert. Von einer Frau, die sie nicht mehr ist. An eine Zukunft, die sie beide verraten haben.
Maren
Einkaufslisten.
Sie hat Einkaufslisten geschrieben.
Genau das sind wir geworden.
Genau das, wovor sie mich gewarnt hat.
Jens
Maren, wir waren,
wir waren jung.
Mit sechsundzwanzig schreibt man solche Dinge, weil man noch nicht weiß, wie das Leben wirklich--
Das ist dreiundzwanzig Jahre her.
Maren
Sag nicht man.
Ich habe das geschrieben. Ich.
Und ich habe es so gemeint.
Erzähler
Dann dreht Maren die Seite um
und erstarrt.
Maren
Da ist noch etwas unter meinem Eintrag.
Andere Handschrift.
Deine Handschrift.
Erzähler
Unter Marens Brief in der eckigen, leicht nach rechts geneigten Schrift von Jens steht ein einziger Satz.
Keine Anrede, kein Datum, nur sieben Worte.
Wie ein Geständnis, das noch gar kein Verbrechen hatte.
Maren
Ich hoffe, ich werde ihr nie wehtun.
Erzähler
Die Worte hängen im Raum wie Rauch.
Jens steht am Ofen, den Rücken zu ihr gewandt. Er bewegt sich nicht. Seine Schultern sind hochgezogen, als erwarte er einen Schlag.
Maren starrt auf den Satz.
Im Ofen fällt ein Scheit in sich zusammen.
Maren
Du hast"Ich hoffe"geschrieben.
Jens
Maren,
ich war achtundzwanzig.
Man schreibt solche Dinge, wenn man jung ist und alles so--
Ich weiß nicht mehr, was ich damals gemeint habe.
Maren
Doch, das weißt du.
Du hast nicht geschrieben:"Ich werde ihr nie wehtun. Das wäre ein Versprechen gewesen.
Du hast geschrieben:"Ich hoffe",
und hoffen heißt zweifeln.
Erzähler
Jens dreht sich um.
Sein Gesicht, halb im Schatten, halb vom Feuerschein beleuchtet, ist das Gesicht eines Mannes, der begriffen hat, dass die Mauer, die er zwanzig Jahre lang gebaut hat, in diesem Moment Riss für Riss zerfällt.
Jens
Das ist nicht--
Jeder Mensch hat doch Angst, dem anderen wehzutun.
Jeder, der liebt.
Das ist doch das Normalste der Welt.
Maren
Nein.
Nein, Jens.
Man hat keine Angst vor etwas, das man sich nicht vorstellen kann.
Du hast es dir vorgestellt. Du hast in dieser Hütte neben mir gelegen und du hast dir vorgestellt, dass du mir wehtun wirst.
Mit achtundzwanzig,
in unserem ersten Sommer.
Erzähler
Es ist die Art von Stille, in der Ehen zerbrechen.
Nicht laut, nicht mit Geschrei und zugeschlagenen Türen, sondern leise, Wort für Wort, wie ein Fundament, aus dem man einzelne Steine zieht, bis nichts mehr trägt.
Jens
Ich habe dich geliebt.
In dieser Nacht, in diesem Sommer,
in diesem ganzen verfluchten Leben.
Und die Angst, die war Teil davon,
weil mir so viel an dir lag.
Verstehst du das nicht?
Weil mir alles daran lag.
Maren
Ich verstehe, dass du mit achtundzwanzig bereits wusstest, wozu du fähig bist
und dass du es trotzdem nicht verhindert hast.
Erzähler
Sechs Jahre. Es ist sechs Jahre her, dass Jens ihr sagte, es sei vorbei,
dass er sich für sie entschieden habe,
dass es ein Fehler gewesen sei, ein einmaliger, ein unverzeihlicher,
aber dass er sie wähle. Maren, ihre Ehe, ihr gemeinsames Leben.
Maren hat das geglaubt.
Maren musste das glauben.
Maren
Vor sechs Jahren hast du mir gesagt, du hast dich für mich entschieden,
dass du zur Vernunft gekommen bist,
dass du es beendet hast
Jens
Maren, das hat doch jetzt nichts mit dem Gästebuch zu tun.
Maren
Hast du dich für mich entschieden?
Erzähler
Die Frage füllt den Raum.
Draußen drückt der Sturm gegen die Wände, als wolle er hineinhören. Jens Hände hängen an seinen Seiten. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Seine Finger umklammern die Kante des Ofens. Das heiße Metall muss brennen, aber er lässt nicht los.
Jens
Sie hat mich verlassen.
Erzähler
Drei Worte.
Drei Worte und die letzten sechs Jahre ihrer Ehe verschieben sich wie tektonische Platten.
Maren spürt, wie etwas in ihr nachgibt, etwas Tragendes, das sie nicht benennen kann. Ihre Beine geben nach.
Sie setzt sich auf die Pritsche, langsam, wie jemand, der gerade erfahren hat, dass der Boden, auf dem er steht, nicht fest ist.
Maren
Sie hat dich verlassen.
Nicht du hast es beendet.
Du hast dich nicht für mich entschieden.
Jens
Ich wollte,
ich wollte zurück zu dir. Das stimmt. Das war immer--
ich hätte es beendet, früher oder später, das schwöre ich dir. Aber sie war schneller.
Sie hat es beendet,
nicht ich.
Maren
Früher oder später.
Sechs Monate, Jens. Sechs Monate lang. Und die ganze Zeit habe ich geglaubt, du bist zurückgekommen, weil du mich liebst, weil du dich für mich entschieden hast, weil ich es dir wert war.
Jens
Ich liebe dich.
Das ist die Wahrheit, Maren. Das war immer die Wahrheit. Jeden einzelnen Tag.
Auch damals.
Gerade damals.
Maren
Du liebst mich,
aber du hast dich nicht für mich entschieden.
Das ist die andere Wahrheit und beide sind gleichzeitig wahr und ich weiß nicht, welche schlimmer ist.
Erzähler
Zwei Wahrheiten nebeneinander.
Er liebt sie, er hat sie nicht gewählt.
Sechs Jahre lang hat Maren die eine geglaubt, ohne die andere zu kennen. Und jetzt, in dieser Hütte, in diesem Schneesturm, zerfällt das Bild, das sie gebraucht hat, um weiterzumachen, zu Staub.
Maren
Sechs Jahre.
Sechs Jahre habe ich mich dafür bestraft, dass ich dir nicht verzeihen konnte, weil ich dachte, du hast das Richtige getan und ich bin diejenige, die es nicht annehmen kann.
Ich habe mich geschämt, Jens, für meinen Groll, für meine Kälte, weil ich dachte, du hast es verdient, dass ich dir vergebe und ich war zu klein dafür.
Jens
Es tut mir leid.
Es tut mir so leid.
Ich wollte, dass du daran glaubst, dass ich das Richtige getan habe.
Ich wollte, dass wenigstens du an die bessere Version von mir glaubst,
auch wenn es sie nie gab.
Maren
Und das Gästebuch,
dieser eine Satz von dir neben meinem Brief:
Du hast mit achtundzwanzig gewusst, dass du dazu fähig bist.
Du hast es aufgeschrieben, direkt unter meine Versprechen an die Zukunft.
Wie ein Geständnis, bevor es ein Verbrechen gab.
Erzähler
Das ist es, was Maren zerstört.
Nicht der Betrug, nicht die Lüge über sein Ende,
sondern dass es kein Ausrutscher war, kein Moment der Schwäche, kein unvorhergesehener Fehler.
Jens hat die Möglichkeit seines Verrats in sich getragen wie einen Samen, schon in ihrer ersten Nacht in die Sölte.
Und er hat zugesehen, wie dieser Samen keimte
und hat ihn nicht herausgerissen.
Maren
Das Schlimmste ist nicht, was du getan hast.
Das Schlimmste ist,
dass du wusstest, dass du es tun würdest
und dass dieses Wissen nichts geändert hat.
Gar nichts.
Jens
Was soll ich tun?
Maren, sag mir,
was soll ich tun?
Maren
Ich weiß es nicht.
Erzähler
Die Stunden vergehen.
Keiner von beiden legt Holz nach.
Das Feuer fällt in sich zusammen. Zuerst die Flammen, dann die Glut, bis nur noch ein schwaches, orangenes Leuchten von dem übrig ist, was einmal Wärme war.
Maren sitzt auf der Pritsche, die Decke fest um die Schultern gezogen.
Jens steht am Fenster und starrt in die Dunkelheit. Vier Meter Holzboden liegen zwischen ihnen.
Vier Meter und sechsundzwanzig Jahre.
Jens
Der Sturm lässt ein bisschen nach.
Maren
Ja.
Erzähler
Ja, ein Wort, das alles und nichts bedeutet.
Ja, der Sturm lässt nach. Ja, ich habe dich gehört Ja, wir sind noch da, in diesem Raum, in dieser Ehe.
Aber ob das Ja auch morgen noch gilt, das weiß in diesem Moment weder Maren noch Jens.
Jens
"Soll ich Holz nachlegen?
Erzähler
Die Frage hängt in der kalten Luft.
Soll ich Holz nachlegen?
Soll ich noch einmal den Ofen anmachen?
Soll ich noch einmal das tun, was ich vor dreiundzwanzig Jahren aus Liebe getan habe?
Der Ofen im August und der Ofen im Dezember.
Dasselbe Feuer, dieselben Hände, aber dazwischen liegt eine ganze gebrochene Welt.
Maren
Ja,
leg nach.
Erzähler
Viel später. Das neue Feuer wirft sein Licht an die niedrige Decke. Der Sturm draußen hat seine Stimme verloren. Aus dem Heulen ist ein müdes Wehen geworden.
Maren sitzt auf der Pritsche. Neben ihr liegt das Gästebuch aufgeschlagen. Ihr Brief und sein Satz nebeneinander wie zwei Zeugenaussagen, die sich widersprechen und doch von derselben Nacht erzählen.
Maren
Gib mir mal den Stift aus der Seitentasche.
Erzähler
Maren nimmt den Stift, blättert vorbei an den Einträgen der anderen, den Familien und Wanderern und Verliebten, bis sie eine leere Seite findet.
Sie hält den Stift einen Moment über dem Papier, als müsse sie erst den richtigen Anfang finden. Dann setzt sie an.
Maren schreibt.
Jens steht am Fenster, den Rücken zum Raum, die Hände in den Hosentaschen.
Er dreht sich nicht um. Er fragt nicht, was sie schreibt. Vielleicht weiß er, dass die Worte nicht für ihn bestimmt sind.
Vielleicht weiß er auch, dass sie es trotzdem sind.
Es gibt Dinge, die man nur aufschreiben kann, weil man sie nicht aussprechen darf.
Noch nicht.
Vielleicht nie.
Aber das Papier hält still. Das Papier urteilt nicht.
Das Papier wartet einfach, bis jemand bereit ist und bewahrt dann auf, was gesagt werden musste, auch wenn niemand zuhört.
Man hört nur das Kratzen der Mine auf dem Papier,
das leise Knistern der Glut im Ofen
und draußen ganz langsam das Nachlassen des Sturms, als würde die Welt den Atem anhalten.
Maren schließt das Buch. Sie steht auf, geht zum Regal und legt es zurück.
Zwischen die verrostete Dose und das Salz, dorthin, wo Jens es gefunden hat.
Irgendwann wird jemand anderes diese Hütte betreten, dieses Buch aufschlagen und die Einträge lesen.
Zwei Einträge von 2001,
einen von heute Nacht. Drei Handschriften, die zusammen eine Geschichte erzählen, die nur die beiden Menschen in diesem Raum verstehen.
Draußen hört der Sturm auf.
Die Stille, die folgt, ist so groß, dass man den Atem der Berge zu hören glaubt.
Maren steht am Regal, die Hand noch auf dem Einband des Buches. Dann dreht sie sich um. Jens steht am Fenster und Maren sagt seinen Namen.
Leise, ohne Vorwurf,
ohne Forderung.
Nur seinen Namen.
Als wäre es der Anfang von etwas oder das Ende
oder beides zugleich.
Maren
Jens.