Abschrift · Drama

Was ich euch sagen wollte

Beim Ausräumen der väterlichen Wohnung finden Sabine und Matthias eine Kassette. Darauf wartet keine große Rede, sondern eine Einladung, anders weiterzuleben.

Matthias

Wohin sollen die Bücher?

In mein Auto oder in deins?

Sabine

Egal, stell sie erst mal in den Flur. Wir sortieren nachher.

Matthias

Allein das Bücherregal.

Das füllt einen halben Transporter.

Sabine

Er hat sie nie weggegeben. Nicht ein einziges. Weißt du noch? Mama hat immer gesagt, irgendwann erdrücken uns die Bücher im Schlaf.

Matthias

Und Papa hat gesagt, dann stirbt er wenigstens gebildet.

Sabine

Ja,

genau das hat er gesagt.

Matthias, komm mal her.

Matthias

Was ist?

Sabine

Da hinten in der Schublade. Sein Kassettenrecorder.

Da steckt eine Kassette drin. Kein Etikett.

Matthias

Lag ganz hinten

unter den Briefen.

Sabine

Sollen wir?

Matthias

Warte. So.

Drück auf Play.

Karl

Also

Sabine, Matthias,

ich sitze hier und überlege, wo ich anfangen soll.

Das ist immer das Schwierigste.

Nicht, was man sagen will, sondern wie man anfängt.

Ich habe oft daran gedacht, euch Dinge zu sagen, wichtige Dinge.

Und dann kam der Alltag dazwischen und der Moment war weg. Und man denkt sich irgendwann, irgendwann sage ich es.

Ihr kennt das vielleicht auch schon.

Ich weiß nicht, wann ihr das hier anhört.

Ob draußen Sommer ist oder Winter, ob ihr zusammensitzt, was ich hoffe, oder ob einer von euch allein ist.

Es gibt Dinge, die man aufschreiben kann, und Dinge, die man aussprechen muss, weil die Stimme etwas trägt, das Tinte nicht kann. Also nehme ich mir jetzt die Zeit und ich hoffe, ihr hört mir zu.

Nicht nur mit den Ohren.

Mein Vater hat jeden Morgen, bevor er aufgestanden ist, eine Minute lang aus dem Fenster geschaut.

Einfach nur geschaut.

Ich habe ihn als Kind einmal gefragt, was er da sieht

und er hat nur ein einziges Wort gesagt: heute.

Damals war mir das zu wenig. Ein Wort, keine Erklärung. Aber jetzt, wo die Tage nicht mehr selbstverständlich sind, begreife ich, was er gemeint hat. Heute ist ein Tag, der nicht wiederkommt. Nicht diese Stunde, nicht dieses Licht, nicht der Mensch, der gerade neben euch sitzt.

Morgen wird ein anderer Tag sein, mit anderen Farben, anderen Gedanken. Und gestern ist schon Erinnerung.

Ich habe viel zu viele Jahre in meinem Kopf verbracht, versunken in Sorgen, in Plänen, in dem, was hätte sein können oder noch werden soll.

Die Vergangenheit zieht nach hinten und die Zukunft zerrt nach vorn und dazwischen verpasst man das Einzige, was wirklich da ist.

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben. Es geht darum, den Tagen mehr Leben zu geben.

Und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Ein Leben wird nicht daran gemessen, wie viele Atemzüge man getan hat.

Es wird daran gemessen, wie viele Augenblicke einem den Atem geraubt haben.

Sammelt solche Augenblicke. Sucht sie. Lasst sie zu.

Ich habe in meinem Leben viele Dinge aus Angst nicht getan, nicht gesagt, nicht gewagt.

Und wenn ich ehrlich bin, sind das die einzigen Dinge, die ich wirklich bereue. Nicht die Fehler. Die Fehler haben mir etwas beigebracht. Die Feigheit hat einfach nur wehgetan.

Fürchtet euch nicht vor niemandem und vor nichts, wenn es darum geht, das zu leben, was ihr wirklich leben wollt.

Verfolgt eure Hoffnungen, verfolgt eure Träume, auch wenn sie für andere seltsam oder unmöglich aussehen.

Es gibt genug Menschen auf dieser Welt, die nicht das tun, was in ihnen brennt, weil sie sich sorgen, was die Nachbarn denken, was die Kollegen flüstern, was die Verwandtschaft sagt.

Wisst ihr, Vorsicht und Feigheit tragen manchmal dasselbe Kleid. Aber es sind zwei grundverschiedene Menschen.

Vorsicht sagt: Denk nach, bevor du springst.

Feigheit sagt: Spring lieber gar nicht.

Und Leichtsinn, der steht daneben und verwechselt sich gern mit Mut.

Der Unterschied ist: Mut hat Angst und geht trotzdem. Leichtsinn hat keine Ahnung, dass er Angst haben sollte.

Der schlimmste Käfig, in den ein Mensch gesteckt werden kann, ist seine eigene FurchtUnd das Tückische daran ist: Niemand sperrt euch dort ein. Ihr geht selbst hinein. Und irgendwann merkt ihr nicht mehr, dass die Tür offen steht.

Das Schlimmste im Leben ist nicht zu scheitern. Das Schlimmste ist, eines Tages innezuhalten und festzustellen, dass das Regal voller Dinge steht, die man sich vorgenommen, aber nie gewagt hat. Ich hätte, ich wäre, wenn nur.

Wer etwas will, der findet Wege. Wer nicht will, der findet Gründe. Und Gründe klingen immer vernünftig. Das ist ihre Gefahr.

Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht, falsche Entscheidungen, falsche Worte zur falschen Zeit.

Und ich kann euch sagen: Aus keinem Erfolg habe ich so viel gelernt, wie aus dem, was schiefgegangen ist.

Scheitert. Scheitert anständig. Schaut hin, versteht, was passiert ist und steht wieder auf.

Man kann auch aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen. Vorausgesetzt, man bleibt nicht einfach davor sitzen und schimpft über die Steine.

Ich möchte euch etwas über Menschen sagen.

Jeder Mensch auf dieser Welt, wirklich jeder, ist im Grunde eine ganz gewöhnliche Person.

Manche tragen schönere Anzüge, manche haben Titel vor ihrem Namen und Macht hinter ihrem Schreibtisch.

Manche werden nervös, wenn man ihnen nicht genug Respekt zollt.

Aber wenn die Nacht kommt und die Türen zu sind, dann haben sie dieselben Zweifel, dieselben Ängste, dieselben lächerlichen kleinen Schwächen wie jeder andere auch.

Lasst euch nicht einreden, dass jemand über euch steht. Niemand tut das. Wir sind alle auf Augenhöhe unterwegs. Manche merken es nur nicht.

Stellt Autoritäten infrage, immer.

Aber seid klug dabei. Der Zweifel, richtig eingesetzt, ist der Anfang jeder Weisheit.

Wer nie fragt, der bekommt nur die Antworten, die andere für ihn ausgesucht haben.

Und hütet euch, eure wichtigsten Entscheidungen in die Hände von Menschen zu legen, die keinen Preis dafür bezahlen, wenn sie sich irren. Das gilt im Kleinen wie im Großen, im Büro wie in der Politik. Wer die Folgen nicht trägt, dem fehlt das Gewicht im Urteil.

Und wer in der Demokratie einschläft,

der wacht in einer Welt auf,

die er nicht mehr wiedererkennt.

Freiheit ist kein Möbelstück, das man einmal hinstellt und dann hat man es.

Freiheit muss jeden Tag neu verdient werden. Durch Aufmerksamkeit, durch Haltung,

durch Widerspruch, wenn es nötig ist.

Und ich bitte euch um etwas, das mir sehr am Herzen liegt.

Haltet euch fern von allem, das euch beibringt, einen anderen Menschen zu verletzen. Kriege werden immer von alten Männern angefangen, die in die Geschichtsbücher wollen. Und es sind immer die Jungen, die dafür sterben.

Die Alten unterschreiben am Anfang die Befehle und am Ende die Verträge. Und dazwischen liegt ein Meer aus Gräbern.

Wenn ein Krieg so gerecht und ehrenvoll wäre, wie sie behaupten, dann fragt euch: Warum stehen die, die ihn ausrufen, nie dort, wo die Kugeln fliegen?

So viele gute, unschuldige Menschen haben ihr Leben verlogen, weil jemand in einem warmen Büro entschieden hat, dass es nötig sei.

Glaubt das nicht.

Verliebt euch.

Nicht unbedingt in einen Menschen, obwohl ich euch das natürlich von Herzen wünsche,

aber verliebt euch in etwas.

Findet die Sache, die euch zum Leuchten bringt. Die Sache, für die ihr morgens aufsteht. Nicht, weil der Wecker klingelt, sondern weil etwas in euch klingelt.

Ich habe mich als junger Mann in die Musik verliebt. Ihr wisst das. Ihr habt es erlebt, auch erlitten manchmal, wenn ich nachts am Klavier saß. Diese Liebe hat mich durch Zeiten getragen, in denen mich sonst nichts hätte halten können. Sie war mein Anker, wenn alles andere trieb.

Findet euren Pfad,

euren Zweck,

euren Traum

und dann setzt alles daran.

Und wenn die Welt euch Steine in den Weg legt, dann baut etwas daraus. Macht es zu eurem.

Die stärksten Menschen bekommen die schwersten Prüfungen. Das ist kein Fluch. Das ist das Universum, das sagt: Dir traue ich das zu.Ich habe einmal einen Job gemacht, den ich gehasst habe.

Zwanzig Monate für das Geld.

Ich war gut darin, was es fast noch schlimmer gemacht hat. Jeden Morgen hat es mir ein kleines Stück von mir selbst gekostet. Nicht sichtbar, nicht laut, aber unerbittlich.

Als ich aufgehört habe, dachten alle, ich sei verrückt.

Sucht euch Arbeit, die euch etwas bedeutet.

Natürlich wird es schwierige Tage geben, das gehört dazu. Aber im Ganzen muss das, was ihr tut, euch erfüllen.

Hütet euch vor dem goldenen Käfig. Gut bezahlt und leer im Herzen. Das schadet der Seele. Langsam und leise, aber es tut es.

Als ich zweiundzwanzig war, hatte ich genug Geld für ein Zugticket nach Lissabon oder für zwei Monate Miete.

Ich habe das Ticket genommen

und ich weiß bis heute nicht, ob das klug war. Ich weiß nur, dass diese Reise noch immer in mir lebt. Jede Gasse, jeder Geruch, das Licht über dem Tejo am Morgen.

Reist

immer, aber besonders, wenn ihr jung seid.

Wartet nicht, bis das Geld stimmt, bis die Zeit passt, bis alles geregelt ist. Das wird es nie sein. Holt euch einen Reisepass und geht.

Ein Morgen an einem Ort, wo niemand euren Namen kennt, verändert etwas in euch, das kein Buch ersetzen kann. Ihr kommt als jemand anderes zurück, meistens als jemand Größeres.

Macht euch eine Liste von Dingen, die ihr erleben wollt. Orte, die ihr sehen wollt. Sprachen, die ihr lernen wollt. Menschen, denen ihr begegnen wollt.

Macht die Liste lang und arbeitet jedes Jahr ein kleines Stück davon ab. Sagt niemals: "Das mache ich morgen."

Denn wer morgen sagt, der meint nie.

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als diesen hier.

Meine Mutter konnte sich nicht viele Bücher leisten. Also ist sie jede Woche in die Bibliothek gegangen, bei Sonne und bei Regen und hat drei Stück mitgenommen. Sie hat sie auf den Küchentisch gelegt, wie andere Leute Blumen hinstellen.

Sie hat mir einmal gesagt:

"Ein Buch ist das Einzige, das man besitzen kann, ohne dass es einen besitzt."

Und sie hatte recht.

Bücher brauchen keinen Strom, kein Netz, keine Erlaubnis. Sie können überall hin mitgenommen werden. Und sie schenken euch etwas, das nichts anderes kann. Das Wissen, dass jemand vor euch genau dieselben Fragen hatte und trotzdem weitergemacht hat. Lest so viele ihr könnt.

Es gehört eine besondere Art von Stärke dazu, sich einzugestehen, dass andere etwas besser können als man selbst.

Das ist keine Schwäche, das ist Reife. Und wer euch korrigiert, ohne euch dabei herabzusetzen, der hat euch verstanden. Solche Menschen sind selten. Haltet sie fest.

Ich möchte euch etwas über Freundschaft sagen.

Ich hatte in meinem Leben viele Bekanntschaften und sehr wenige echte Freunde.

Irgendwann habe ich aufgehört, das als Mangel zu sehen. Ein einziger Mensch, der wirklich zuhört, der wirklich da ist, der euch kennt, ohne dass ihr euch erklären müsst, der wiegt schwerer als ein ganzer Saal voller Applaus.

Findet eure Menschen und erlaubt ihnen, euch zu finden.

Ein guter Freund tut nichts Spektakuläres. Er taucht auf,

wenn ihr krank seid, wenn ihr traurig seid, wenn die Welt nicht mehr passt.

Er bringt nichts mit außer sich selbst und das reicht.

Manche werden euch zum Lachen bringen, manche werden euch führen und manche, ohne dass ihr es merkt, werden euch retten. Liebt diese Menschen.

Es gibt da einen Unterschied, den viele Menschen nicht kennen. Allein zu sein ist nicht dasselbe, wie einsam zu sein.

Einsamkeit ist ein Zustand, der auch in einem vollen Raum herrschen kann. Aber allein sein, wirklich allein, ohne dass es wehtut, das ist eine Fähigkeit und manchmal ein Geschenk.

Wer mit sich selbst in einem Zimmer sitzen kann und sich dabei nicht unwohl fühlt, der hat etwas verstanden, das viele nie lernen.

Und manche Menschen brauchen das Rampenlicht

und manche brauchen davon nur einen schmalen Streifen. Der Trick im Leben ist herauszufinden, wie viel Licht man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Nicht, wie viel die Welt einem zugesteht. Nicht, wie viel andere haben, sondern wie viel man selbst braucht. Das ist oft weniger, als man denkt.Aber wenn jemand in eurer Nähe ist, der euch kleiner macht, der eure Träume anhört und dann erklärt, warum sie nicht funktionieren werden, der euch das Licht nimmt, Stück für Stück, so leise, dass ihr es erst merkt, wenn es schon dunkel ist, dann geht.

Man braucht keinen Grund, um zu gehen, wenn man keinen mehr hat, um zu bleiben.

Und was eure Beziehungen betrifft, egal ob Freundschaft oder Partnerschaft. Es war nie die Menge an Zeit, die zählt.

Es ist, was in dieser Zeit passiert.

Eine Stunde wirklich beieinander sein ist mehr als ein Jahr nebeneinanderher existieren.

Ich habe in meinem Leben geschrien. Nicht oft, aber jedes Mal einmal zu viel. Und jedes Mal ohne Ausnahme habe ich damit nichts erreicht.

Schreien verletzt denjenigen, der es empfängt, und es verkleinert denjenigen, der es tut.

Immer wenn ich geschrien habe, habe ich versagt.

Sprecht miteinander, auch wenn es schwer ist. Besonders wenn es schwer ist. Seid ehrlich. Nicht grob, nicht kalt, aber ehrlich. Sagt niemals einem Menschen, dass ihr ihn liebt, wenn es nicht stimmt. Aber wenn es stimmt, dann schweigt nicht.

Und noch etwas, das ich auf die harte Art gelernt habe: Was ihr nicht mit eigenen Augen gesehen und nicht mit eigenen Ohren gehört habt, das lasst ruhen. Tragt es nicht weiter. Deutet es nicht um. Macht es nicht zu eurer Geschichte. Die halben Wahrheiten dieser Welt haben mehr Schaden angerichtet als die meisten Lügen.

Und was die Nachrichten betrifft: Wer sich nie informiert, tappt im Dunkeln. Wer sich zu viel informiert, verliert irgendwann den Blick dafür, wo die Nachricht aufhört und die Absicht anfängt.

Denn nicht jeder, der euch etwas erzählt, will, dass ihr es versteht. Manche wollen nur, dass ihr es glaubt.

Denkt selbst. Immer.

Wenn ein Kind euch ansieht und fragt: "Kommst du?",

dann meint es das ganz genauso.

Kinder leben in der Gegenwart mit einer Vollständigkeit, die wir Erwachsenen irgendwann verloren haben.

Haltet eure Versprechen gegenüber Kindern. Jedes einzelne.

Sagt niemals vielleicht, wenn ihr Nein meint.

Sagt niemals mal sehen, wenn ihr nicht vorhabt, es zu tun. Kinder verdienen die Wahrheit. Gegeben mit Sanftheit, ja, aber die Wahrheit.

Lobt eure Kinder.

Ermutigt sie.

Ein Kind, das hört, du kannst das, wird es versuchen.

Und wenn ihr selbst Kinder habt oder haben werdet, wisst, ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr müsst nur da sein. Wirklich da. Ohne Gedanken anderswo. Das allein ist mehr als genug.

Seid gütig. Tut, was ihr könnt, um anderen zu helfen, besonders den Schwachen, den Verängstigten und ganz besonders den Kindern. Jeder Mensch, den ihr trefft, trägt irgendetwas Schweres mit sich. Manchmal sieht man es, meistens nicht. Seid freundlich, das kostet nichts und es verändert manchmal alles.

Und vergesst die Tiere nicht. Wie ein Mensch mit denen umgeht, die sich nicht wehren können und die keine Stimme haben, das sagt mehr über seinen Charakter als jede Rede und jeder Händedruck. Ein Tier versteht keine Erklärungen und keine Ausreden. Es versteht nur, wie ihr es behandelt. Seid gut zu ihnen.

Wenn das Leben zu laut wurde, bin ich in den Wald gegangen.

Nicht mit einem Ziel, nicht mit einem Gedanken, den ich ordnen wollte. Einfach hineingehen und gehen.

Und irgendwann, meistens nach einer halben Stunde, ist etwas in mir ruhiger geworden. Etwas Altes. Etwas, das älter ist als jeder Gedanke.

Geht nach draußen, in Wälder, auf Berge, ans Meer.

Das ist keine Freizeitbeschäftigung. Das ist Pflege

für einen Teil von euch, der in Innenräumen verkümmert. Die Natur erinnert euch daran, wie groß die Welt ist und wie wenig von dem, was euch gerade erdrückt, wirklich Gewicht hat.

Und passt auf euch auf, auf euren Körper.

Wenn ihr jung seid, flüstert er nur. Er sagt: "Ich brauche Schlaf, ich brauche Bewegung. Das hier ist zu viel." Hört auf ihn, solange er noch flüstert, denn später fängt er an zu schreien und dann wird es schwer.

Ich weiß jetzt, was ich früher nicht wusste.

Ein gesunder Mensch hat tausend Wünsche. Ein kranker hat nur noch einenGebt eurem Körper, was er braucht. Er ist das einzige Haus, in dem ihr euer ganzes Leben wohnt. Es gibt kein zweites.

Es gibt ein Schweigen, das entsteht, weil man nicht weiß, was man sagen soll.

Und es gibt ein Schweigen, das man wählt,

weil zwischen zwei Menschen manchmal eine Stille herrscht, die mehr sagt, als jedes Wort es könnte.

In das erste Schweigen fällt man hinein.

Das zweite wählt man.

Neben jemandem sitzen und nicht reden müssen, das ist eine der stillsten Formen von Nähe, die ich kenne. Wenn ihr das mit jemandem habt, dann wisst, ihr seid angekommen.

Das Kostbarste, was ihr einem Menschen geben könnt, ist nicht Geld und nicht ein Geschenk.

Es ist eure Zeit,

eure wirkliche, ungeteilte Aufmerksamkeit.

In einer Welt, die vor Ablenkungen überfließt, ist das seltener geworden als Gold.

Wenn jemand mit euch spricht, dann seid dabei. Vollständig. Schaut ihn an. Hört zu. Nicht, um zu antworten oder von euch zu erzählen, sondern um zu verstehen. Die Menschen in eurem Leben werden sich nicht daran erinnern, was ihr ihnen geschenkt habt. Sie werden sich daran erinnern, wie sie sich gefühlt haben, wenn sie bei euch waren.

Man sagt, schlechte Zeiten bringen starke Menschen hervor

und starke Menschen schaffen gute Zeiten.

Und gute Zeiten bringen schwache Menschen hervor und schwache Menschen bringen wieder schlechte Zeiten.

Das klingt hart,

aber schaut euch um. Es stimmt.

Und es bedeutet: Wenn es gerade schwer ist, dann seid ihr diejenigen, die danach etwas Besseres bauen.

Wenn das Leben euch niederwirft und das wird es, das tut es bei jedem, dann kämpft. Gebt niemals auf. Was auch immer euch trifft, ob Verlust oder Krankheit oder eine Welt, die keinen Sinn mehr ergibt. Es kann euch vieles nehmen, aber es wird niemals euren Geist nehmen, solange ihr das nicht zulasst.

Ihr seid beide stark. Stärker als ihr wisst.

Stärker als ihr euch fühlt. Gerade in den Momenten, in denen ihr es am wenigsten glaubt.

Ihr habt das von mir.

Nicht, weil ich so besonders wäre,

sondern weil ich es in euch gesehen habe, schon als ihr klein wart. Diese Widerstandskraft, dieses Weitermachen,

das ist das Beste, was ich euch mitgeben konnte.

Sagt es.

Jetzt. Nicht später. Nicht, wenn der richtige Moment kommt, denn der kommt nicht. Er ist immer jetzt. Umarmt die Menschen, die ihr liebt. Sagt ihnen, was sie euch bedeuten. Jetzt. Nicht vorausgesetzt. Nicht gedacht. Ausgesprochen.

Ich habe zu lange angenommen, dass die Menschen um mich herum wissen, wie viel sie mir bedeuten.

Eure Mutter. Euch beide.

Ich habe es gedacht, statt es zu sagen. Und das ist ein Fehler, den ich euch ersparen möchte.

Es nutzt sich nicht ab. Es wird nicht weniger, wenn man es ausspricht. Im Gegenteil.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt,

aber ich weiß, dass ich jetzt in diesem Moment dankbar bin. Für jeden Tag, der war.

Für eure Mutter.

Für euch.

Und falls ihr jemals nicht wisst, wohin mit euch,

falls der Wind zu eisig wird, falls alles zu schwer wird, dann erinnert euch: Jeder Einzelne von euch ist ein Geschenk an diese Familie und an die Welt. Vergesst das nicht. Besonders dann nicht, wenn der Zweifel am lautesten ist.

Seid dankbar

für das Große und für das Kleine.

Für einen Morgen am Fenster. Für eine Tasse Kaffee, die jemand euch hinstellt, ohne zu fragen. Für einen Wald nach dem Regen.

Ich liebe euch.

Das wollte ich noch sagen. Einfach so,

ohne Anlass.

Weil es stimmt.

Matthias

Papa?

Sabine

Ich vermisse dich so.

Matthias

Ich auch.

Sabine

Was machen wir mit der Kassette?

Matthias

Die bleibt.

Die kommt nicht in eine Kiste.

Sabine

Nein,

die kommt nicht in eine Kiste.

Matthias

Er hätte gewollt, dass wir es nicht nur hören,

sondern dass wir es tun.

Sabine

Ja.