Abschrift · Drama
Stimmen
Georg will einen normalen Morgen beginnen, doch in seinem Kopf formen sich Stimmen, die seine Ordnung nicht mehr schützen. Eine alte Wahrheit verlangt Gehör.
Georg
Schon hell.
Kaffee.
Dann die Zeitung, wie jeden Morgen.
Dienstag, der achte.
Oder der neunte?
Egal.
So,
Zeitung, Kaffee, dann vielleicht den Keller aufräumen. Das wollte ich seit Wochen.
Was ist das?
"Vergiss Lukas nicht.
Das ist,
das ist meine Handschrift.
Wann habe ich das geschrieben?
Wahrscheinlich gestern Abend vor dem Einschlafen.
Man vergisst so etwas.
Das ist normal.
Kaffee wird kalt.
Die Wohnung könnte mal wieder Luft vertragen. Immer dieser Geruch,
wie alte Bücher und kalter Staub.
So,
besser.
Der Richter
Besser?
Georg
Was?
Das Radio.
Bestimmt das Radio.
So,
Ruhe.
Der Richter
Du hast den Zettel geschrieben, Georg. Heute Nacht um drei Uhr vierzehn.
Georg
Wer, wer spricht da?
Der Richter
Du weißt, wer ich bin. Du hast mich nur sehr lange nicht gehört.
Georg
Ich rede mit mir selbst.
Das ist alles.
Alte Männer reden mit sich selbst.
Der Richter
Dreißig Jahre, Georg. Dreißig Jahre schweigen.
Und jetzt wunderst du dich, dass jemand anfängt zu sprechen?
Georg
Ich weiß nicht, wovon du redest.
Ich weiß es nicht.
Der Richter
Doch, du weißt es.
Du hast den Namen auf den Zettel geschrieben, nicht ich.
Georg
Aufhören. Einfach aufhören.
Ich brauche Luft.
Frische Luft.
D-das ist alles. Zu wenig geschlafen,
zu viel Kaffee.
Einmal um den Block,
dann ist das sicher vorbei.
Der Richter
Du kannst vor mir nicht weglaufen, Georg.
Ich bin kein Geräusch in deiner Wohnung. Ich bin ein Geräusch in deinem Kopf.
Georg
Du bist nicht real.
Der Richter
Realer, als du seit dreißig Jahren bist.
Georg
Bitte,
bitte hör auf.
Schon wieder diese Schuhe.
Dreck an den Sohlen,
nasse Erde.
Ich war doch nur auf dem Bürgersteig.
Und, und das Glas in der Spüle.
Ich trinke keinen Rotwein.
Ich trinke seit dreißig Jahren keinen Alkohol mehr.
Der Richter
Seit dem 8. September 1994 trinkst du keinen Alkohol mehr. Stimmt das, Georg?
Georg
Hör auf.
Der Richter
Warum an diesem Datum, Georg? Was war am 8. September?
Der Wütende
Weil er besoffen war.
Georg
Wir,
was?
Der Wütende
Dreißig Jahre hältst du mich unten. Dreißig verdammte Jahre. Und jetzt stehst du da mit deinem sauberen Kaffee und deiner sauberen Zeitung und tust so, als wäre nichts passiert.
Georg
Ich werde verrückt.
Ich werde verrückt.
Der Wütende
Nein.
Du wirst endlich wach.
Der Richter
Er hat recht, weißt du? Nicht in seinem Ton, aber in der Sache.
Du bist nicht verrückt. Du erinnerst dich.
Ich,
Georg
ich will mich nicht erinnern.
Der Richter
Das war nie deine Entscheidung.
Georg
Die Tür.
Jemand an der Tür.
Ein Mensch.
Ein echter Mensch.
Frau Kessler
Herr Leitner?
Ich bin's, die Kessler von nebenan.
Ist alles in Ordnung bei Ihnen?
Georg
Frau Kessler.
Ja,
natürlich.
Alles bestens.
W-w-warum fragen Sie?
Frau Kessler
Ich habe Sie reden gehört. Ziemlich laut. Und also,
es klang, als würden Sie streiten.
Haben Sie Besuch?
Der Wütende
Schick sie weg. Sofort.
Georg
Nur,
nur das Radio.
Sie wissen ja, wie das ist.
Man dreht lauter, weil die Ohren nicht mehr so wollen.
Frau Kessler
Herr Leitner, Sie sehen blass aus. Soll ich Ihnen einen Tee machen? Oder soll ich jemanden anrufen?
Der Richter
Sie sieht es.
Sie sieht, dass etwas nicht stimmt.
Georg
Nein, nein, wirklich. Mir geht es gut.
Ich habe nur schlecht geschlafen.
Danke, Frau Kessler.
Sehr freundlich.
Frau Kessler
Na gut.
Aber Sie wissen, wo ich bin, ja? Direkt nebenan. Klopfen Sie einfach, wenn Sie etwas brauchen.
Georg
Mach ich.
Versprochen.
Einen schönen Tag noch.
Oh Gott.
Der Wütende
Oh Gott. Hörst du dich? Seit dreißig Jahren sagst du:"Oh Gott", und hoffst, dass irgendwer antwortet. Niemand antwortet, Georg. Nur wir.
Georg
Was wollt ihr von mir?
Der Richter
Die Wahrheit.
Der Wütende
Gerechtigkeit.
Georg
Welche Wahrheit?
Welche Gerechtigkeit?
Ich bin ein alter Mann.
Ich lebe allein.
Ich tue niemandem etwas.
Der Richter
Der 8. September 1994, siebzehn Uhr zweiunddreißig. Landstraße zwischen Füssen und Steingaden. Lukas auf dem Rücksitz.
Georg
Nein,
nicht.
Bitte nicht.
Der Richter
Eins Komma drei Promille, Georg. Die Polizei hat es gemessen.
Aber du hattest einen guten Anwalt und der andere Fahrer war auch nicht nüchtern.
Der Wütende
Der andere Fahrer hat überlebt.
Sein Kind hat überlebt.
Nur Lukas nicht.
Nur dein Sohn nicht.
Georg
Hört auf.
Bitte hört auf.
Ich weiß es. Ich weiß es doch.
Wie spät ist es?
Es ist dunkel geworden.
Ich sitze auf dem Boden.
Warum
sitze ich auf dem Boden?
Lukas
Papa?
Georg
Nein.
Nein, nein, nein.
Lukas
Papa,
warum ist es so dunkel?
Ich kann dich nicht sehen.
Georg
Du bist nicht Lukas.
Du bist nicht mein Sohn.
Mein Sohn ist
Lukas
tot.
Georg
Ja.
Lukas
Warum hast du nicht aufgepasst, Papa?
Georg
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es nicht.
Es tut mir leid. Es tut mir so leid.
Lukas
Ich hatte solche Angst, Papa.
Es war so laut.
Und dann war alles still.
Und du hast mich nicht gehalten.
Georg
Lukas.
Der Wütende
Hörst du ihn?
Hörst du, was du angerichtet hast?
Acht Jahre alt. Acht Jahre. Und du hast dich hinters Steuer gesetzt mit anderthalb Flaschen Wein im Blut.
Der Richter
Und danach hast du gelogen.
Der Gutachter, der Richter, deine Frau.
Alle haben dir geglaubt, dass es der andere Fahrer war, dass du nüchtern warst.
Der Wütende
Und Margit hat es trotzdem gewusst.
Deshalb ist sie gegangen. Nicht wegen der Trauer,
wegen der Lüge.
Georg
Ich weiß.
Lukas
Papa,
ich bin müde. Darf ich jetzt schlafen?
Georg
Ja, Kleiner.
Schlaf.
Der Flüsterer
Georg.
Georg
Noch einer?
Natürlich.
Der Flüsterer
Ich bin nicht wie die anderen.
Ich will dir nicht wehtun.
Ich will, dass es aufhört.
Der Schmerz, die Stimmen,
alles.
Und,
Georg
und wie soll das gehen?
Der Flüsterer
Lass los, Georg.
Du hast so lange festgehalten
an der Schuld,
an der Lüge,
an diesem Leben, das gar keins mehr ist.
Gib mir die Kontrolle nur für einen Moment. Ich mache den Schmerz leise.
Ich mache alles leise.
Der Richter
Hör nicht auf ihn.
Der Wütende
Das ist eine Falle, du Idiot.
Der Flüsterer
Siehst du?
Sie wollen, dass du weiter leidest.
Der eine mit seiner Anklage,
der andere mit seiner Wut.
Aber ich, ich biete dir Ruhe.
Georg
Ruhe?
Das klingt.
Der Richter
Georg, du weißt, was er meint mit Ruhe. Das ist kein Frieden. Das ist Auslöschung.
Der Flüsterer
Auslöschung.
So ein großes Wort.
Ich nenne es Erleichterung.
Der Wütende
Er darf nicht aufhören. Er muss bezahlen. Er schuldet uns das.
Der Richter
Er schuldet die Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger.
Der Wütende
Die Wahrheit?
Die Wahrheit bringt Lukas nicht zurück.
Der Flüsterer
Seht ihr, Georg,
sie werden sich nie einig.
Das hört nie auf.
Außer
du lässt mich.
Georg
Ich kann euch nicht mehr auseinanderhalten.
Ich weiß nicht mehr, welcher Gedanke meiner ist.
Der Richter
Vielleicht war nie einer davon deiner, Georg.
Vielleicht warst du schon immer nur das Haus, in dem wir wohnen.
Der Wütende
Ich will raus. Ich will raus aus diesem Kopf. Dreißig Jahre in diesem Gefängnis.
Lukas
Aufhören. Bitte nicht so laut. Bitte.
Der Richter
Ruhe, alle beide. Es gibt Fakten und es gibt Hysterie. Beides gleichzeitig führt nirgendwohin.
Der Flüsterer
Seht euch an.
Vier Stimmen in einem kaputten Kopf und jede glaubt, sie hätte recht.
Georg
Hört mich noch jemand?
Der Wütende
Halt die Klappe, Georg.
Der Richter
Wir reden, du hörst zu. So ist die neue Ordnung.
Georg
Es ist mein Körper,
mein Kopf,
mein Leben.
Der Wütende
Dein Leben? Du nennst das ein Leben?
sechzig Jahre, davon dreißig im Koma. Du hast nichts gelebt. Du hast dich versteckt.
Der Richter
Er hat recht.
Du hast dreißig Jahre lang funktioniert. Aufgestanden, Kaffee, Zeitung.
Nicht, weil du leben wolltest, sondern weil Stillstehen dich an den 8. September erinnert hätte.
Lukas
Papa hat nie wieder gelacht.
Nach dem Unfall.
Nie wieder richtig.
Der Flüsterer
Und genau deshalb
solltest du loslassen, Georg.
Was hält dich noch? Die Wohnung?
Die Zeitung?
Frau Kessler?
Georg
Ich weiß es nicht mehr.
Der Flüsterer
Siehst du?
Nichts hält dich.
Dann lass einfach los.
Der Richter
Georg, hör mir zu. Nicht ihm, mir. Du hast eine Schuld. Die kann man tragen, aber nicht mit geschlossenen Augen.
Der Wütende
Er soll sie tragen?
Er konnte nicht mal zugeben, dass er betrunken gefahren ist.
Er hat seinen toten Sohn angelogen. Seinen toten Sohn.
Lukas
Stimmt das, Papa?
Hast du gelogen?
Georg
Ja.
Ja, ich habe gelogen. Vor allen.
Vor Mama,
vor dem Gericht,
vor dir.
Lukas
Warum?
Georg
Weil ich zu feige war.
Weil ich dachte, wenn ich es laut sage,
wenn ich es zugebe, dann wird es real.
Und solange ich es nicht sage, ist es vielleicht,
vielleicht nur ein Albtraum, aus dem ich aufwachen kann.
Der Richter
Aber du bist nicht aufgewacht.
Nein.
Georg
Nein,
bin ich nicht.
Der Wütende
Also, was machen wir jetzt? Mit diesem Körper, mit diesem Rest von Leben.
Der Richter
Er geht zur Polizei. Morgen früh.
Er legt ein Geständnis ab.
Dreißig Jahre zu spät, aber immerhin.
Der Wütende
Die Polizei.
Und dann? Sechs Monate auf Bewährung für einen dreißig Jahre alten Fall? Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist ein Witz.
Der Flüsterer
Hört euch zu.
Ihr plant sein Leben, als wäre er noch da.
Georg
Ich bin noch da.
Der Flüsterer
Bist du das, Georg?
Wirklich?
Oder ist das nur eine Gewohnheit?
Worte, die du sagst, weil du glaubst, dass jemand sie sagen muss.
Georg
Ich,
ich denke,
also bin ich.
Der Richter
Wir denken auch. Was macht dich besonderer als uns?
Georg
Weil ich,
weil ich Georg bin.
Ich,
ich bin der Echte.
Ihr seid-
Der Wütende
Was? Einbildung? Stimmen im Kopf?
Wir sind die Teile von dir, die du dreißig Jahre lang in den Keller gesperrt hast. Wir sind realer als du.
Lukas
Papa,
ich habe Angst.
Die streiten so laut.
Der Flüsterer
Keine Angst, Kleiner.
Bald ist es still.
Der Wütende
Fass das Kind nicht an, hörst du? Fass ihn nicht an.
Der Flüsterer
Ich fasse niemanden an.
Ich bin eine Stimme.
So wie du.
So wie wir alle.
Der Richter
Wir müssen abstimmen. Über morgen. Über das, was dieser Körper tun wird.
Georg
Abstimmen?
Ihr wollt abstimmen?
Über mein Leben?
Der Richter
Du hattest dreißig Jahre Alleinherrschaft, Georg. Schau, was du daraus gemacht hast.
Der Wütende
Ich sage, wir gehen zu Margret. Wir sehen ihr in die Augen und sagen die Wahrheit. Nicht der Polizei. Ihr. Sie hat es verdient.
Der Richter
Margret und die Polizei. Beides. In dieser Reihenfolge.
Der Flüsterer
Oder wir gehen nirgendwohin.
Wir bleiben hier
und lassen den Morgen nicht kommen.
Lukas
Ich will nur,
dass Papa nicht mehr weint.
Georg
Ich habe keine Stimme mehr in dieser Abstimmung,
oder?
Der Wütende
Es wird hell bald. Was tun wir?
Der Richter
Wir stehen auf, wir ziehen uns an, wir gehen.
Der Flüsterer
Wohin, Georg?
Georg
Georg will schlafen.
Der Flüsterer
Dann schlaf,
Georg.
Der Richter
Nein, nicht so.
Der Wütende
Lass ihn.
Der Richter
Du auch?
Der Wütende
Dreißig Jahre Wut.
Ich bin müde. Ich bin so verdammt müde.
Der Richter
Nein, es gibt ein Protokoll. Es gibt eine Reihenfolge. Erst die Wahrheit, dann-
Der Flüsterer
Pssssst....
Auch du
darfst aufhören.
Der Richter
Ich? Nein.
Die Fakten. Die Fakten stehen fest.
Der Flüsterer
Die Fakten sind müde, mein Freund.
So wie du.
So wie ihr.
So wie wir alle.
Lukas
Papa,
erzählst du mir noch eine Geschichte?
Der Flüsterer
Ich erzähle dir eine, Kleiner.
Es war einmal ein Mann, der sehr lange wach war.
Viel zu lange.
Und eines Nachts hat er endlich die Augen geschlossen.
Lukas
Und dann?
Der Flüsterer
Und dann
war es still.
Georg
Ich bin noch da.
Der Flüsterer
Nein, Georg.
Bist du nicht.