Abschrift · Drama
Siebenundzwanzig
Beim Ausräumen der Wohnung seiner Mutter findet Jonas siebenundzwanzig gespeicherte Nachrichten. Jede klingt kurz und reicht doch weiter, als er erwartet.
Jonas
Mama.
Es riecht noch nach dir hier.
Kaffee und
diese Seife.
Das Licht blinkt noch.
Siebenundzwanzig Nachrichten.
Ich wollte doch nur die Schränke ausräumen.
Margot
Hier ist der Anschluss von Margot Lindner. Ich bin gerade nicht zu erreichen, aber Sie dürfen mir gern eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe zurück.
Jonas
Mama, ich bin's. Hör mal, ich wollte nur kurz-- Ja, ich weiß. Ich sage immer kurz.
Also Samstag wird leider nichts. Die Sache in Düsseldorf zieht sich, dieses Maschinenprojekt.
Aber nächstes Wochenende, versprochen. Da komm ich und bring den Kuchen mit, den vom Bäcker an der Ecke, den mit den Kirschen, den du magst. So, muss los hier. Hab dich lieb, Mama.
Hey, Mama. Kurz nur, bin im Auto.
Also Weihnachten wird jetzt doch bei Sabines Eltern, das weißt du ja. Aber zwischen den Jahren, da komm ich. Ganz sicher. Einen Tag, vielleicht zwei.
Und das Buch müsste morgen ankommen, das über die englischen Gärten. Hab noch eine Karte reingelegt. Okay, pass auf dich auf bei dem Blatteis.
Hab dich lieb. Mama,
alles Gute zum Geburtstag.
Ich weiß, ich wollte heute Morgen schon anrufen, aber die Besprechung ging bis elf und dann hat der Müller noch--
egal.
Sechsundsechzig, Mama.
Das Paket kam an, ja?
Die Kette, die war von Sabine und mir zusammen.
Ich versuch heute Abend noch mal, aber falls nicht,
du weißt ja.
Hab dich ganz doll lieb.
Oh Mama.
Mama, ganz kurz nur. Wegen dem Regal. Donnerstag geht nicht. Mein Termin hat sich verschoben. Aber nächste Woche, ja? Oder die danach. Das geht schon nicht weg.
Meld mich. Kuss. Mama, ich bin's.
Also wegen Ostern.
Es wird wirklich eng dieses Jahr.
Die Reorganisation zieht sich und Sabine hat auch noch die Sache mit ihrer Schwester.
Aber ich meld mich noch mal, ja?
Vielleicht schaff ich's am Sonntag, zumindest kurz.
Hab dich lieb. Kurz.
Immer nur kurz.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre lang dasselbe Versprechen.
Margot
Hier ist Margot.
Ich bin gerade nicht da. Hinterlassen Sie mir eine Nachricht. Ich melde mich.
Jonas
Deine Stimme.
Sie klingt anders,
weicher.
Mama, ich bin's. Bin gut zurück aus Stuttgart. Alles so weit in Ordnung. Meld mich die Tage. Tschüss.
Hi, Mama. Kurze Info: Die Überweisung für die Heizungsrechnung ist raus. Müsste morgen bei dir sein.
Und wegen Tante Helgas Geburtstag: Ich schick eine Karte. Du schreibst meinen Namen mit dazu, ja? Gut. Bis dann.
Mama,
kurze Info: Der Handwerker kommt Mittwoch wegen dem Rohr im Bad.
Ich hab gesagt, du bist da. Bist du da?
Falls nicht, ruf mich an
oder ruf ihn an. Die Nummer liegt in der Schublade.
Gut.
Tschüss.
Mama,
Samstag geht nicht.
Nächstes Wochenende vielleicht.
Ach ja, und
herzlichen Glückwunsch nachträglich. War vorgestern, ich weiß.
Ich meld mich. Herzlichen Glückwunsch nachträglich. Das hab ich wirklich gesagt.
Du hast nie etwas gesagt, Mama.
Kein einziges Mal hast du mir einen Vorwurf gemacht.
Margot
Hier ist
Margot.
Ich bin gerade nicht am Apparat,
aber wenn Sie möchten, sprechen Sie gerne nach dem Ton.
Jonas
Die Pausen zwischen deinen Worten.
Wann hat das angefangen?
Mama, ich bin's.
Ich denke an dich.
Meld mich.
Neun Worte.
Mama, ich bin's.
Ich steh gerade am Fenster im Hotel in Hannover und
ich weiß auch nicht, warum ich anrufe.
Es schneit draußen.
Große Flocken, ganz langsam. Weißt du noch, wie wir immer am Fenster standen und gezählt haben, die viele Flocken auf die Laterne fallen?
Du und ich.
Ich hab lange nicht mehr an so was gedacht.
Meld mich die Tage. Da hab ich angefangen.
Da hab ich angefangen,
dich zu vermissen Mama, ich bin's. Ich war spazieren heute,
am Kanal,
da wo früher die Schleuse war. Die haben jetzt Bänke hingestellt
und eine alte Frau hat Enten gefüttert, genau wie du das immer gemacht hast im Stadtpark.
Weißt du noch?
Die eine Ente hatte nur ein Bein,
aber sie war die schnellste von allen. Ich musste an dich denken. Ich mein, ich denke an dich
öfter jetzt. Mama,
ich wollte dir was erzählen.
Ich war bei einem Kunden in der Pfalz und die hatten einen Kirschbaum im Garten, einen alten, so wie unserer damals in der Siedlung.
Und der hat geblüht, Mama, so weiß,
als hätte jemand ein Laken drübergelegt.
Und ich stand da und hab den Geruch eingeatmet.
Und für eine Sekunde,
für eine Sekunde war ich zehn
und du hast mich gerufen zum Abendessen.
Im Mai komme ich, Mama. Dann blüht bei dir vielleicht auch was.
Der Kirschbaum.
Natürlich,
der Kirschbaum.
Mama, ich bin's.
Ich sitze im Zug nach Hause und draußen ist der Himmel so ein Orangerot,
so wie nur im Oktober.
Die Felder sind abgeerntet, nur Stoppeln und darüber Krähen. Hunderte.
Du hast mal gesagt, Krähen sind klüger als die meisten Leute, die du kennst.
Ich ruf jetzt öfter an.
Ich weiß, ich sage das immer.
Aber diesmal meine ich es so, wie ich es sage.
Hab ich nicht.
Mama,
ich bin's. Heute Morgen bin ich aufgewacht, noch vor dem Wecker.
Es war still
und ich lag im Bett und hab an die Sonntagmorgen gedacht, als ich klein war.
Wie du in der Küche standest und gesummt hast.
Immer dieses eine Lied.
Ich weiß den Namen nicht mehr,
aber die Melodie, die ist noch da.
Ich komme bald, Mama.
Diesmal wirklich. Ich nehme mir frei, einen ganzen Tag.
Ich weiß den Namen, Mama.
Es war:
"Guten Abend,
gute Nacht".
Margot
Hier ist Margot.
Bitte sprich.
Jonas
Bitte sprich.
Das war alles.
Kein Nachname mehr.
Keine Erklärung.
Nur:
"Bitte sprich".
Mama,
ich bin's.
Ich hab heute den ganzen Nachmittag auf der Terrasse gesessen
und mir ist aufgefallen, dass ich nie,
dass ich dir nie richtig zugehört habe.
Du hast Fragen gestellt
und ich hab Antworten gegeben,
aber das ist nicht dasselbe.
Ich möchte dich etwas fragen, Mama, wenn ich komme. Ich möchte wissen, wie das war, als du jung warst,
was du dir gewünscht hast,
wie Papa gerochen hat morgens, bevor er zur Arbeit ging.
Ich ruf bald an.
Ich hab dich lieb, Mama.
Ich hab dich so lieb.
Ich wollte dich fragen.
Ich wollte dich so vieles fragen.
Und jetzt?
Jetzt ist niemand mehr da, den ich fragen kann.
Audioline 882.
Gebrauchsanweisung.
Deine Handschrift überall am Rand.
Was ist das?
Gesendete Nachrichten.
Gesendete Nachrichten.
Eine.
An meine Nummer.
Das Datum:
vor acht Monaten.
Nicht abgehört.
Die Nachricht auf meinem Telefon,
die ich nie abgehört habe.
Margot
Jonas, hier ist deine Mutter.
Ich weiß gar nicht, ob das jetzt richtig aufnimmt, dieses Gerät.
Also,
ich stehe auf dem Balkon. Es hat geregnet, aber es hört gerade auf. Ich kann das sehen. Da hinten am Rand, da wird der Himmel schon wieder heller.
Und auf dem Geländer sitzt eine Amsel, ganz nass und zerzaust, aber sie singt einfach so.
Die Luft riecht nach nasser Erde, weißt du?
So wie früher im Garten, wenn der Regen aufgehört hat und alles noch getropft hat von den Blättern. Und die Erde hat gerochen, als würde sie atmen.
Ich wollte nur, dass du es auch siehst.
Jonas
Mama.
Ich kann sie hören.
Die Amsel.
Margot
Hier ist Margot.
Bitte sprich.
Mama,
nur ganz kurz.