Abschrift · Drama

Sieben Gramm Kümmel

Ein alter Koch will sein Gulaschrezept bewahren. Doch zwischen Kümmel, Paprika und Zwiebeln tauchen Erinnerungen auf, die keine Zutat ersetzen kann.

Erzähler

Nachklang.

Wien, Favoriten, dritter Stock.

Das Treppenhaus riecht nach Bohnerwachs und gekochtem Kohl.

Marlene steigt die ausgetretenen Stufen hinauf, wie jeden Donnerstag. Die Hand am glatten Holzgeländer.

Vor der Tür mit der Nummer siebzehn bleibt sie stehen.

Heute ist die Tür einen Spalt offen.

Das ist neu.

Die Küche empfängt sie mit dem Geruch von Paprika und altem Holz.

Es ist eine Küche, die seit Jahrzehnten nicht renoviert wurde. Schwere Möbel, ein Gasherd mit vier Flammen und an der Wand ein verblichenes Foto einer Frau neben einem getrockneten Paprikabündel.

Aber heute ist etwas anders.

Auf dem Tisch stehen Gewürzdosen, aufgereiht wie Soldaten.

Daneben ein gusseiserner Topf

und ein leeres Schulheft mit marmoriertem Einband.

István

Marlene,

komm,

setz dich.

Ich habe Kaffee gemacht, aber der ist schon kalt.

Macht nichts. Setz dich.

Marlene

Guten Nachmittag, Istvan.

Sie haben aufgeräumt und der Tisch,

das sieht nach einem Vorhaben aus.

István

Ist auch ein Vorhaben.

Heute diktiere ich dir mein Gulasch.

Das Rezept.

Du schreibst es auf in das Hefter.

Alles.

Jede Zutat, jede Menge, jede Temperatur.

Marlene

Ihr Gulasch-Rezept?

Istvan, das ist--

natürlich. Natürlich schreibe ich das auf.

István

Nicht natürlich. Wichtig.

Es ist das Einzige, was bleiben soll.

Verstehst du?

Nicht die Möbel, nicht die Fotos.

Das Gulasch.

Erzähler

Marlene nimmt das Heft in die Hand. Der marmorierte Einband ist abgegriffen, die Ecken weich.

Es fühlt sich warm an, als hätte jemand es lange in den Händen gehalten.

Auf der ersten Seite steht etwas in zittriger Handschrift, aber sie blättert weiter zur nächsten leeren Seite und nimmt den Kugelschreiber.

Marlene

Ich bin bereit.

István

Gut. Also,

zuerst die Zwiebeln.

Drei große Zwiebeln, weiße, keine roten. Fein geschnitten, nicht gewürfelt. Das machen die Leute immer falsch. Geschnitten in dünne Halbringe, damit sie sich auflösen beim Braten. Verstehst du? Sie müssen verschwinden.

Marlene

Drei weiße Zwiebeln, dünne Halbringe. Ich hab's.

István

Zwiebeln sind das Erste, was man riecht, wenn man eine Küche betritt.

Bevor man sieht, wer kocht.

Bevor man weiß,

ob es ein guter Tag wird oder ein schlechter.

Im Dezember '56 in Budapest roch es überall nach Zwiebeln.

Jede Küche,

jedes Fenster.

Die Frauen kochten, obwohl draußen geschossen wurde.

Marlene

Soll ich das auch aufschreiben?

Die Erinnerung?

István

Du schreibst das Rezept,

aber das Rezept ist die Erinnerung.

Also ja,

schreib alles auf.

Jetzt der Paprika.

Das ist das Herz.

Zwei gestrichene Messerspitzen Edelsüßpaprika.

Nicht gehäuft.

Gestrichen.

Das ist ein Unterschied wie zwischen Leben und Tod.

Erzähler

Er öffnet die Dose mit dem vergilbten Etikett.

Darin leuchtet das Pulver tiefrot, fast unwirklich.

Der Geruch steigt auf, süß und erdig, und für einen Moment füllt er die ganze Küche.

István

Diese Farbe.

Genau diese Farbe hatte der Himmel über Budapest, wenn die Sonne unterging im Winter '56.

Rot und süß und traurig.

Die ganze Stadt war in dieses Rot getaucht, als die Panzer kamen.

Marlene

Zwei gestrichene Messerspitzen

und die Farbe von Budapest.

István

Dann röstet man die Zwiebeln. Langsam,

auf kleiner Flamme,

nie auf großer Hitze. Dann verbrennen sie und alles schmeckt nach Bitterkeit.

Man braucht Geduld. Eine halbe Stunde mindestens.

Sie müssen glasig werden, weich,

fast durchsichtig.

Erzähler

Das Nachmittagslicht kriecht langsam von den Gewürzdosen auf dem Tisch.

Istvans Hände liegen auf der Tischplatte, die Finger leicht gekrümmt, als formten sie eine Zutat, die nur er sehen kann.

Sein Akzent wird weicher, schwerer,

ungarischer.

István

Die Geduld beim Rösten,

das ist wie das Warten an der Grenze.

Wir haben drei Tage gewartet im Dezember, in einem Keller in Sopron.

Der Boden war so kalt, dass man die eigenen Füße nicht mehr gespürt hat.

Und man durfte nicht ungeduldig werden.

Ungeduld tötet.

An der Grenze

und beim Kochen.

Marlene

Sie sind über Sopron geflohen.

István

Sopron, ja.

Im Dunkeln.

Ohne Schuhe, weil Schuhe Geräusche machen auf gefrorenem Boden. Der Schnee hat gebrannt unter den Füßen,

wie heißes Fett.

Und dann

der Paprika dazu.

In die glasigen Zwiebeln sofort umrühren, sonst verbrennt er.

Vom Herd nehmen, umrühren, wieder drauf.

Kettpertz.

Zwei Minuten. Nur zwei Minuten.

Marlene

Kettpertz.

Ich schreibe das so auf, mit dem Ungarischen.

István

Das Ungarische auch?

Ja.

Ja, schreib das auch.

Manche Wörter gibt es nur auf Ungarisch.

Jetzt der Kümmel.

Genau sieben Gramm. Nicht sechs, nicht acht.

Sieben. Das ist wichtig.

Marlene

Sieben Gramm.

Warum genau sieben?

István

Weil Béla sieben Jahre älter war als ich.

Mein Bruder.

Er hat immer den Kümmel abgewogen. Genau sieben Gramm. Mit einer kleinen Waage, die er aus der Apotheke hatte.

Erzähler

Die Wanduhr tickt.

In der Stille zwischen den Worten wird sie lauter, als hätte jemand sie aufgedreht.

Istvan dreht das Glas mit dem Kümmel zwischen seinen Fingern. Langsam.

Immer wieder.

István

Béla ist nicht mitgekommen über die Grenze.

Er hat gesagt:

"Einer muss bleiben für die Mutter.

Also ist er geblieben

und die Mutter

ist drei Wochen später gestorben.

Und Béla,

Béla hat dann noch vierzehn Jahre gelebt, allein in der Wohnung

und hat jeden Sonntag Gulasch gekocht.

Sieben Gramm Kümmel.

Marlene

Sieben Gramm für Béla.

Ich hab's.

István

Dann der Knoblauch.

Drei Zehen. Nicht schneiden. Pressen. Mit der flachen Seite vom Messer, so dass er zerfällt.

So hat sie es immer gemacht.

Erzähler

Zum ersten Mal zögert seine Stimme nicht bei einer Anweisung, sondern danach. Bei dem Wort"sie".

Es hängt in der Luft wie der Geruch von Knoblauch, der sich in alles setzt.

Marlene

Sie?

István

Meine,

meine Frau.

Sie hatte kleine Hände, aber stark.

Wenn sie den Knoblauch gepresst hat, dann hat die ganze Küche gerochen. Nach Knoblauch und nach diesem Parfüm, das sie benutzt hat.

Ich rieche es manchmal noch,

hier an diesem Tisch.

Marlene

Wie hieß sie, Istvan?

István

Wie sie--

ich,

ich weiß, wie sie aussah.

Ich weiß, wie ihre Hände sich angefühlt haben,

aber der Name.

Weiter.

Schreib weiter. Es kommen noch mehr Zutaten.

Erzähler

Das Licht in der Küche wird fahler.

Durch das gekippte Fenster dringt kühlere Luft herein, vermischt sich mit dem warmen Geruch der Gewürze.

Marlene schreibt.

Ihre Hand bewegt sich jetzt langsamer über das Papier, als wüsste sie, dass sie mehr aufschreibt als ein Rezept.

István

Lorbeerblätter.

Zwei Stück, nicht mehr.

Die kommen aus dem Garten.

Sie hatte einen Lorbeerbusch auf dem Balkon.

In einem Topf, viel zu klein für die Pflanze, aber er hat trotzdem gewachsen. Wie alles, was sie angefasst hat. Majoran.

Getrocknet.

Ein halber Teelöffel.

Das war immer sonntags.

Majoran ist ein Sonntagsgewürz.

Unter der Woche Salz und Pfeffer, am Sonntag Majoran. So war das. Temperatur

hundertsechzig Grad,

nicht mehr.

Bei hundertundsiebzig wird das Fleisch trocken und alles war umsonst.

Hundertundsechzig.

Schreib das dreimal an dem Rand.

Marlene

Dreimal an den Rand. Hundertundsechzig Grad.

Lorbeer aus Ihrem Garten. Majoran am Sonntag.

Istvan, darf ich Ihnen vorlesen, was ich bisher habe?

István

Lies vor.

Marlene

Drei weiße Zwiebeln, dünne Halbringe, glasig rösten.

Zwei gestrichene Messerspitzen Edelsüßpaprika, die Farbe von Budapest.

Sieben Gramm Kümmel für Béla.

Dreizehn Knoblauch, gepresst mit der flachen Klinge, so wie sie es tat. Zwei Lorbeerblätter vom Balkon.

Ein halber Teelöffel Majoran, nur sonntags.

Hundertundsechzig Grad, nicht mehr.

István

Ja.

Ja, genau so.

Weiter. Das Schmoren. Drei Stunden auf kleinster Flamme.

Der Deckel muss drauf, aber einen Spalt offen. Drei Stunden, das ist die Zeit, die man braucht, um etwas zu vergessen.

Oder

um es endgültig zu behalten.

Erzähler

Istvans Hände werden unruhiger. Seine Finger schieben die Dosen hin und her, ordnen sie neu, als suchten sie eine Reihenfolge, die er verloren hat.

Seine Stimme wird drängender.

Die Sätze kommen schneller.

István

Salz,

eineinhalb Teelöffel.

Schwarzer Pfeffer, frisch gemahlen, sieben Umdrehungen von der Mühle.

Ein Schuss Rotwein, nicht zu süß, trocken, ein guter Ungarischer.

Und Tomatenmark, einen gehäuften Esslöffel. Das gibt die Tiefe.

Marlene

Rotwein, trocken, ungarisch. Tomatenmark gehäuft.

Ich komme mit.

István

Und dann,

ganz am Ende,

wenn alles drei Stunden geschmort hat

und die Küche so riecht, dass man weinen möchte,

dann nimmt man

Erzähler

Die Wanduhr schlägt vier.

Draußen ist das Licht beinahe verschwunden.

Istvans Gesicht liegt halb im Schatten.

Er hält inne.

Seine Hände, die eben noch so sicher waren, liegen still auf dem Tisch.

István

Dann nimmt man

etwas.

Am Ende rührt man etwas ein.

Etwas Süßes.

Marlene

Etwas Süßes? Zucker? Honig?

István

Nein.

Nein, kein Zucker, kein Honig.

Es ist

süß,

aber nicht wie Zucker. Es ist warm.

Es riecht nach,

nach Sommer,

nach einem bestimmten Sommer.

Es hält alles zusammen. Ohne diese Zutat zerfällt das Ganze.

Erzähler

Seine Hände beben jetzt.

Ein leichtes Zittern, das von den Fingerspitzen über die Handgelenke wandert.

Er greift nach den Dosen, öffnet eine, schließt sie, öffnet die nächste,

riecht daran,

schüttelt den Kopf.

István

Ich kann es schmecken.

Hier

auf der Zunge.

Ich kann die Farbe sehen, so ein dunkles Gold.

Und den Geruch.

Der Geruch ist da, genau hier, in dieser Küche.

Aber der Name.

Wie heißt es?

Wie heißt es?

Marlene

Istvan, bitte setzen Sie sich. Es ist in Ordnung.

István

Es ist nicht in Ordnung.

Es ist kein Gewürz.

Ich weiß, dass es kein Gewürz ist.

Es ist ein Mensch.

Es ist ein Mensch

und ich habe den Namen vergessen.

Erzähler

Stille.

Nur die Uhr und die leise Gasflamme.

Marlene sitzt da, den Stift in der Hand und spürt, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzieht.

Sie kennt diesen Moment, dieses Versäumnis,

diese letzte Lücke, die sich nicht mehr füllen lässt.

Sie denkt an ihre Großmutter, an den Besuch, den sie immer wieder verschoben hat,

an die letzten Worte, die sie nie gehört hat.

Marlene

Ich kenne das. Das Gefühl, dass etwas fehlt.

Etwas, das man hätte festhalten müssen.

István

Du auch?

Marlene

Meine Großmutter. Vor drei Monaten.

Ich hätte sie besuchen sollen. Ich habe es immer verschoben und dann,

dann war es zu spät für letzte Worte.

István

Deswegen bist du hier.

Nicht wegen dem Hospizdienst,

sondern wegen den letzten Worten.

Marlene

Ja,

vielleicht.

István

Dann sind wir heute beide richtig hier.

Ich brauche jemanden, der zuhört.

Und du brauchst jemanden,

der sich verabschiedet.

Erzähler

Marlene blickt auf das Heft.

Die Seiten mit dem Rezept sind fast voll.

Aber das Rezept ist nicht fertig.

Die letzte Zutat fehlt.

Sie dreht das Heft um, sucht eine neue Seite und dabei fällt ihr Blick auf die allererste Seite.

Die Seite, über die sie zu Beginn hinweggeblättert hat.

Marlene

Istvan, hier steht etwas auf der ersten Seite in Ihrer Handschrift.

István

Auf der ersten Seite?

Ich habe nichts geschrieben.

Erzähler

Dort, in zittriger Handschrift, mit Tinte, die schon verblasst, steht ein einziger Name.

Geschrieben an einem Tag, den er längst vergessen hat, für genau diesen Moment.

Marlene

Erzsebet.

Erzähler

Istvan schließt die Augen.

Sein Mund formt den Namen, bevor er ihn ausspricht.

Die Lippen erinnern sich an eine Form, die der Verstand verloren hat.

István

Erzsebet.

Erzsebet.

Ich weiß nicht, ob ich den Namen kenne,

aber ich kenne das Gefühl, das er macht. Hier.

Marlene

Das ist die letzte Zutat.

Sie haben sie längst aufgeschrieben, Istvan,

bevor Sie sie vergessen haben.

István

Dann fehlt nichts. Dann

ist es vollständig.

Erzähler

Marlene schreibt den Namen unter die letzte Zeile des Rezepts.

Erzsebet.

In großen, klaren Buchstaben.

Darunter setzt sie keinen Punkt.

Eine lange Stille.

Die Küche riecht nach Paprika und nach etwas Älterem, Tieferem.

Nach all den Abenden, an denen dieser Topf auf diesem Herd stand.

István

Dann kochen wir jetzt.

Erzähler

Marlene klappt das Heft nicht zu. Sie lässt es offen liegen, neben dem Herd, die Seiten nach oben. Als könnten die Wörter mitlesen, was nun geschieht. Zwiebeln in heißem Fett.

Das Zischen füllt die Küche und für einen Moment ist es der einzige Laut der Welt.

Dann, langsam, mischt sich das Ticken der Wanduhr wieder darunter.

Gleichmäßig,

unaufhaltsam.

Das Rezept war nie unvollständig.

Er hatte die letzte Zutat längst aufgeschrieben,

bevor er sie vergaß.

Und jetzt steht sie da, in zwei verschiedenen Handschriften, auf der ersten und auf der letzten Seite. Und dazwischen liegt ein ganzes Leben,

aufgewogen in Gramm und Messerspitzen und der Geduld, die man braucht, um etwas nicht zu verlieren.