Abschrift · Experimentell

Sand

Martin erzählt von Kaffee, Licht und einer Frau, die fehlt. Während der Tag weitergeht, beginnen die Wörter zu bröckeln und die Welt verliert ihre Kanten.

Martin

So,

Kaffee ist fertig.

Nicht gut heute. Besser als gestern, aber vielleicht bilde ich mir das auch ein.

Die Sonne kommt schon rein.

Immer um diese Zeit so ein Streifen quer über den Tisch.

Genau auf die Zuckerdose.

Jeden Morgen.

Zuverlässiger als alles andere in meinem Leben. Zeitung. Obwohl ich nicht weiß, warum ich die noch lese.

Steht ja doch immer dasselbe drin.

Aber die Hände brauchen was zu tun morgens, sonst weiß man gar nicht, wohin damit.

Der Nachbar hat wieder bis spät Musik gehört. Dieses Geklampfe. Immer dasselbe Lied. Ich glaube, er übt das seit drei Monaten. Wird auch nicht besser.

Aber irgendwie ist es nett.

Man hört, dass da jemand ist.

Ich sollte heute mal die Fenster putzen.

Die sind so trüb geworden.

Oder die Blätter auf dem Schlafkong,

dem Balkon, die Blätter auf dem Balkon zusammenkehren. Das wäre auch mal was.

Herbst war früh dieses Jahr.

Manchmal denke ich, die Wohnung ist zu groß für mich alleine.

Zwei Zimmer, Küche, Bad. Wofür?

Ich sitze doch sowieso immer hier am Tisch mit dem Kaffee und dem Sonnenstreifen.

Mein Vater hat immer gesagt:"Eine Wohnung ist so groß wie die Menschen, die drin sind.

Bei ihm und Mutter hat die kleine Küche gereicht.

Die haben da gesessen und geredet, stundenlang, über nichts Wichtiges und die Küche war riesig.

Und seine Werkstatt erst.

Da hat es nach Holz gerochen und nach diesem Maschinenöl, das er immer an den Fingern hatte.

Er hat gesagt:"Das geht nie wieder ab.

Stimmt,

hat es nie.

Auch beim Essen nicht. Mutter hat gemeckert und er hat gelacht und seine Hände hochgehalten und gesagt:"Das ist der Preis für einen neuen Schrank.

Ist alles so lang her.

Fühlt sich an wie ein Film, den man mal gesehen hat.

Man weiß noch die Handlung, aber die Garben,

die Farben verblassen.

Die Kirchenglocke

muss schon zehn sein. Oder elf.

Ich achte nicht mehr so drauf.

Tage haben keine Ränder mehr, wenn man in Rente ist.

Sie fließen so ineinander. Früher war der Tag wie ein Kasten.

acht Uhr Arbeit, zwölf Uhr Mittag, fünf Uhr Feierabend.

Alles klar.

Jetzt ist der Tag wie,

wie Wacke,

Wasser.

Er nimmt die Form an, die man ihm gibt.

Und wenn man ihm keine gibt, zerläuft er einfach.

Von hier oben sieht man den Park.

Die Bäume sind schon fast kahl.

Nur die eine Eiche hält noch fest. Die hält immer am längsten fest.

Sturer Baum. Hannah hat immer gesagt:"Die Eiche wartet auf den ersten Frost.

Erst dann lässt sie los.

Als würde sie sagen:"Gut, jetzt reicht es.

Jetzt dürft ihr fallen.

Hannah.

Ist komisch.

Man sagt einen Namen und plötzlich ist der ganze Mensch im Raum.

Der Geruch, die Stimme,

das Gesicht,

alles auf einmal.

Sie hat sich immer hier ans Fenster gestellt, genau hier,

und hat den Park angeschaut

und gar nichts gesagt.

Und ich hab sie angeschaut

und auch nichts gesagt.

Und das war genug. Genug.

Das war genug.

Acht Jahre ist das jetzt her.

Oder neun.

Man verliert die Zählung irgendwann.

Nicht, weil es weniger wird,

sondern weil es sich setzt, wie Bodensatz in einer Tasse.

Immer da, aber still.

So,

was mache ich jetzt mit dem restlichen Tag?

Ich könnte einkaufen gehen.

Der Breker, der Bäcker, hat donnerstags diese Zimtschnecken.

Oder war das freitags? Hannah mochte die mit den Rosinen. Ich fand Rosinen immer fürchterlich, aber ich hab sie trotzdem mitgebracht. Trotzdem. Weil sie so gelacht hat, wenn sie in die Tüte gegriffen hat und die Schnecke rausgezogen hat. Wie ein Kind an Weihnachten. Jedes Mal.

Man merkt erst hinterher, was die wichtigen Sachen waren.

Nicht die Urlaube oder die Geburtstage,

die Zimtschnecken,

das Schweigen am Vester, am Fenster,

die Hand auf dem Rücken, wenn man kocht.

So was.

Ich hab ihr nie gesagt, dass das die besten Momente waren.

Man denkt, dafür ist immer Zeit.

Und dann

ist keine mehr da.

Wo war ich? Ach ja, der Bäcker,

die Zimtschnepfen, Schnecken.

Komisch, heute verheddere ich mich dauernd in den Wörtern.

Bin wohl noch nicht richtig wach. Na ja, also der Bäcker, der hat auch diese Brötchen mit den Körnern. Die schmecken fast wie die von meiner Mutter.

Mutter,

schon wieder. Oben stimmt heute was nicht.

Vermutlich der Kaffee, der war zu stark. Mutter hat immer samstags gebacken. Das ganze Haus hat gerochen nach frischem Brot und Butter und diesem Anis, den sie immer reingetan hat.

Vater kam aus der Werkstatt und hat noch die Hände gewaschen und sich einfach an den Tisch gesitzt,

gesetzt.

Und dann saßen alle da und es war warm und

alles war in Ordnung.

Seltsam, wie der Körfer,

der Körper sich an Gerüche erinnert.

An Sachen, die dreißig, vierzig Jahre her sind.

Ich rieche den Anis manchmal noch, wenn ich morgens aufwache. Ganz kurz,

dann ist er weg. Hanna hat gesagt:"Erinnerungen sind wie Fücke,

wie Fucke,

wie Füchse.

Die kommen, wenn sie wollen, nicht wenn man ruft.

Hanna hat immer solche Sachen gesagt. Kluge Sachen, die so einfach klangen, dass man erst abends im Bett merkt, wie wahr sie sind.

Da ist sie,

das Foto vom Gardasee.

Ihr Kleid hatte diese blauen Blomen,

Blumen und der Wind hat es so geweht und sie hat gelacht und ich hab das Foto zu spät gemacht, deshalb ist es verwackelt.

Aber es ist das besser,

das beste,

das beste Foto. Ihre Haare waren so, wie sagt man?

Wie Litt, wenn es auf Wasser fällt. Licht, wenn es auf Wasser fällt.

So hat es ausgesehen, besonders nachmittags, wenn die Sonne so schläg, so schräg reinkommt.

Ich hab sie einmal gefagt, ob sie glüttlich ist,

glücklich.

Ob sie glücklich ist mit mir, mit allem.

Und sie hat mich angeschaut und nichts gesagt und einfach meine Hand genommen und auf den Tisch gelegt und ihre daneben. Und das war die Antwort.

Die Wohnung ist zu ruhig heit, heute.

Die Tanken,

die Gedanken machen das selber. Die gehen einfach, wo sie hinwölln.

Ich sitz hier im Sessel und die Fenner sind offen und draußen riecht es nach Regen.

Hanna hat den Regen gemocht.

Sie hat gesagt:"Regen macht alles neuer,

neuer.

Die Straßen, die Bäume,

sogar die Luft.

Als würde die Welt sich kurz waschen und dann frisch wieder anfangen. Manchmal denk ich an die früherner,

an das früher.

Da war alles so,

die Wörter waren da, einfach so, wie Luft.

Man hat nicht drüber nachgedenkt.

Die kamen, wenn man sie brauchte und jetzt?

Na ja, ich bin auch nicht mehr der Jüngste.

Dass man sich fehr bricht, fehr spricht,

verspricht. Nein,

verspricht ist auch falsch.

Verspricht,

versprecht.

Egal, weißt schon, was ich meine. Was ich sagen wollte, war, dass das Früher sich anfühlt wie ein warmes Zimmer, in das man durchs Fenster reinschauen kann, aber,

aber die Tür findet man nicht mehr.

Und das hier,

das ist vom letzten Silvester zusammen.

Sie hat dieses gollnene,

goldene Ding im Haar gehabt und sieht aus wie eine Königin.

Und ich daneben mit meinem schiefen Grinsen und dem Hemd, das nicht richtig zugeknöpft war. Sie hat immer gesahnt:"Martin, du bist der einzige Mensch, der ein Hemd anziehen kann und dabei aussieht, als hätte das Hemd verlorn,

verloren.

Ich vermisse sie.

Ich vermisse sie jeden Tag.

Nicht so laut, nicht so, dass man es sieht, aber so, wie man Luft vermisst, wenn man taucht.

Man merkt es erst, wenn man keine mehr hat.

Das Schlimme ist nicht das Alleinsein.

Das Schlimme ist, dass man die Dinge sieht und sie niemandem mehr zeigen,

zeigen kann.

Der Sonnenstreifen auf dem Tisch,

die Eiche im Park,

die Zimtschnecken.

Alles da,

aber keiner, dem man es reischen kann,

reichen.

Heute die Morgen war schon, ich hab am Fenster gestandich und die Vögel hatten ihre Lieder.

Und ich denke,

das ist doch,

das ist, wenn man sagt, das Güte,

das Gute. Nein,

das auch nicht. Die Frau, die war,

die immer die Haaren so,

wie Licht war das.

Und wenn sie lachte, dann war alles mehr weich.

Ich hab ihr nie gesahnt, dass sie das Wichtigste war, das Wichtigste.

Warum?

Die Wörter machen nicht, was ich--

sie stehen falschlich und ich kann sie nicht. Sie greifen nicht mehr.

Wie wenn man Waffer,

Wasser

mit den Händen fasst.

Ist bestimmt die Müdigkeit. Man schläft ja schlecht allein.

Das Bett ist zu grob, zu groß.

Immer diese eine Seite, die leer ist und die Decke,

die Decke rutscht nachts immer dahin, wo keiner liegt. Hanna hat immer die ganze Decke geklaut,

geklauft. Jede Nacht.

Und ich hab mich beschwert und sie hat im Schlaf gelachelt und die Decke noch fester gezogen. Und ich hab so getan, als wäre ich sauer, aber ich war so,

ich war so fröhlich,

so fröhlich, dass sie da war.

Es gab so viel, was ich sagen wollte und nie gesagt hab.

Dass sie die Wöhnung, die Wohnung groß gemacht hat. Dass der Kaffee besser geschmeckt hat, wenn sie daneben gesitzt hat.

Dass ich ihren Natten,

ihren Namen manchmal einfach so gesagt hab, leise,

nur um ihn zu hörten.

Hanna,

siehst du,

der sitzt noch. Der Name geht noch.

Es wird schon dunkler draußen.

Die Tage sind kurz jetzt.

Die Sonne geht um fünf runter und dann ist es so schnell schwarz. Schwarz, als hätte jemand das Licht ausgetan.

Ich sollte mal die Lampe anmachen.

Die in der Ecke,

die mit dem Scherben,

dem Schirm,

die Hanna vom Flohmarkt mitgebracht hat.

Die macht so ein wahres Licht,

wie ein kleiner Sonnenuntergang, der nie aufhört.

So,

besser.

Die Schatten gehen weg und die Wöhnung wird weicher. Weiß noch, wie Hanna und ich hier gesessen haben, abends. Und der Regen hat ans Fenster geklopft und sie hat ein Buch gelesen und ich hab die Zeitung gelesen und keiner hat geredet und es war einfach richtig. Sie hat so kleine Geräusche gemacht beim Lesen.

So ein leises Hummen, als würde sie die Wörter mitsummen.

Wörter.

Die Wörter.

Wörter. Und manchmal hat sie aufgeguckt und gesagt:

"Martin, hör mal.

Und dann hat sie mir was vorgelesen und ihre Stimme war wie,

war wie Musik, die man nicht mit den Ohren,

sondern mit dem Bauch hört.

Ich hab ihr nie gesagt, wie gern ich das mochte. Wie gern ich ihre Stimme mochte. Man denkt, die Menschen, die man liebt, die wissen das.

Aber wofer--

woher sollen sie es wissen, wenn man es nie sagt?

Hanna, ich,

ich wollte dir immer sagen, dass du,

dass du die Wöhnung groß gemacht hast

und den Kaffee besser

und die Abende wärmer.

Und dass ohne dich alles so,

so leer ist und so lauter und so--

Die Wörter,

die machten heute nicht, was sie sollten.

Es ist, wie wenn man greifen will

und die Hand geht daneben.

Na ja,

ist heute manchmal.

Wird morgen besser. Morgen.

Morgen wird besser. Ich wohl--

ich hab da doch noch so viel,

so viel, was drin ist.

Hier drin.

Aber es kommt nicht rauf.

Es bleibt alles im Dunkel und die Silben,

die Silben zerfliehen mir im Mund.

Bitte, die Worten sollen bleiben. Ich brauch sie noch.

Nur noch ein Biwchen.

Ich will doch nur sagen, dass ich, dass die,

dass alles war so.

Die Welten summen leis und alles verliert sich im Grauen.

Und ich bin noch hinter den Stillen und die Worte fassen nicht mehr.

Und es ist wie Warmes und Dunkles

und es geht und es geht und es geht. Die Frau mit den Haaren wie Licht, die sachte immer, die Dinger sagen mehr als Menschen.

Und die Bäume wissen alles.

Und man muss nur stehen und starren

und dann hört man es auch.

Und der Kater am Morgen und die Sonne auf dem Tisch und der Zucker, der leuchtet

und alles war ruhig

und alles war ganz

und ich war da

und sie war da

und wir hatten genug.

Genug.

Sonne schlief, Leime harren, Tunter felgen,

alles weit und Sommer und die Stinge weffen sacht im Linden.

Die Seele scheint noch immer

und ich siehe hier

und die Welt ist weit

und die weiß nur, dass ich hier bin.

Aber die Wörter haben Löcher

wie alles Becher und es fällt ein Achter. Ich hasse so geübt ins. Die Frau mit den Auen wie Wale.

Und die wollte sagen, dass alles gut war,

dass es geregelt hat,

dass sie,

dass.

Als ich so stehe jetzt,

die Gedanken sind nur da, aber die Buchaben gehen und die Kasini talen.

Sie fallen aus mir raus wie Sand.

Ich bin marven.

Ich bin nur hier.

Ich bin.

Ich wollte dir sagen, dass du alles warst.

Du hast alles weit und wahr gemacht

und ich hab dich so geliebt und vermisst

und ich hab es nie gesagt. Ich dich nicht verlieren hätte durch anders.

Ich hab da geliebt. Ich hab gefühlt.