Abschrift · Thriller

Restschuld

In einer regnerischen Nachtschicht zwingt ein Name über Funk zwei Menschen zurück zu einem Einsatz, der nie vorbei war. Manche Berichte schließen nichts ab.

Erzähler

Autobahnparkplatz Lehrter See. Irgendwo zwischen Hannover und Braunschweig.

zweiundzwanzig Uhr vierzig.

Der Regen trommelt auf das Dach des Rettungswagens, als wolle er sich Zutritt verschaffen.

Im Inneren riecht es nach Desinfektionsmittel, kaltem Kaffee und dem sauren Schweiß einer Zwölf-Stunden-Schicht.

Cem sitzt auf dem Fahrersitz, die Hände auf den Oberschenkeln.

Neben ihm Jule, die Notärztin, den Blick auf das Funkgerät gerichtet, als könne sie es mit reiner Willenskraft zum Schweigen zwingen.

Zwischen ihnen auf dem Armaturenbrett drei leere Kaffeebecher. Stumme Zeugen einer langen Nacht.

Cem

Defi gecheckt, Medikamentenkoffer aufgefüllt, Sauerstoff bei achtzig Prozent. Sollte reichen.

Jule

Reicht immer.

Bis es nicht reicht.

Cem

Willst du noch einen Kaffee? Müsste noch was im Kanister sein. Oder was das Ding da halt als Kaffee verkauft.

Jule

Nein.

Cem

Noch anderthalb Stunden. Vielleicht kommt ja nichts mehr. Wäre auch mal schön, oder? Ruhige Nacht. Nach Hause. Bett.

Kennst du das, wenn du so müde bist, dass du nicht mehr schlafen kannst?

Jule

Cem, wenn du so weitermachst, hören wir am Ende noch die Scheibenwischer denken.

Äh,

Cem

j-ja, ja klar. Sorry, ich.

Erzähler

Stille.

Nur der Regen und das leise Summen des Motors.

Cems rechte Hand wandert zu seiner Jackentasche. Seine Finger ertasten etwas Glattes, Festes, laminiert. Er umschließt es, wie man einen Talisman umschließt, der kein Glück bringt.

Jule

Du machst das wieder.

Cem

Was? I-ich, nein, die Tasche ist nur, der Reißverschluss klemmt manchmal.

Jule

Der klemmt seit sechs Monaten.

Erzähler

Cem zieht die Hand aus der Tasche, legt sie zurück auf den Oberschenkel.

Draußen zieht ein Lastwagen vorbei. Das Licht seiner Scheinwerfer wandert über Jules Gesicht.

Für einen Moment sieht er die Falte zwischen ihren Augenbrauen, tief wie eine Narbe. Dann ist es wieder dunkel.

Cem

Jule?

Jule

Hm?

Cem

Ähm, d-d-denkst du manchmal. Nein, vergiss es.

Jule

Ich denke an den nächsten Einsatz. Immer nur an den nächsten Einsatz.

Alles andere ist Luxus.

Leitstelle

Leitstelle an Rettung sieben vier. Verkehrsunfall A zwei, Kilometer dreiunddreißig Richtung Braunschweig. PKW gegen Leitplanke. Eine Person eingeklemmt, weiblich, circa fünfzig Jahre. Name der Verunfallten: Weidner. Doris Weidner. Bitte kommen.

Erzähler

Der Name hängt in der Luft wie ein Geruch, den man nicht zuordnen kann. Cems Hand verkrampft sich um die Armlehne. Seine Knöchel werden weiß.

Weidner. Seine Lippen formen das Wort, aber es kommt kein Ton.

Cem

Weidner.

D-das, das ist

Erzähler

.

Jule

Rettung sieben vier. Verstanden. Sind unterwegs. ETA acht Minuten.

Cem

Jule, das ist Weidner. Seine Frau. Ich kann nicht. Wir können nicht. Ruf die Leitstelle zurück. Die sollen jemand anders schicken.

Jule

Sitz angurten. Motor läuft.

Wir fahren.

Cem

Hast du nicht gehört, was ich-- Weidner. Martin Weidner. Der Patient von vor sechs Monaten, Jule. Sein Name war-

Jule

Ich weiß, wie er hieß.

Gurt.

Jetzt.

Erzähler

Der Rettungswagen schießt auf die Autobahn. Blaulicht schneidet durch den Regen, die Sirene zerreißt die Nacht.

Im Inneren zwischen zwei Menschen, die sich nicht ansehen, schrumpft der ohnehin enge Raum auf die Größe eines Sarges.

Cem

Das geht nicht, Jule. Wenn sie mich sieht. Wenn die Frau mich erkennt. Ich war dabei, als ihr Mann-- ich war derjenige, der-

Jule

Sie wird niemanden erkennen.

Sie ist eingeklemmt in einem Autowrack auf einer Autobahn bei Starkregen.

Die denkt nicht an dein Gesicht.

Cem

Aber ich denke daran. Jeden Tag, jede Schicht. Jedes Mal, wenn ich diesen Wagen besteige, sehe ich sein Gesicht.

Martin Weidner, achtundfünfzig Jahre alt. Herzinfarkt.

Und ich,

i-ich hab zu spät.

Jule

Du hast die Reanimation durchgeführt. Du hast alles gemacht, was im Protokoll steht.

Steht so im Bericht.

Cem

Der, d-der Bericht?

Ja.

Erzähler

Cems Hand greift in die Jackentasche. Diesmal zieht er es heraus. Ein laminiertes Blatt Papier, die Ecken abgegriffen, die Oberfläche fettig von hunderten Berührungen.

Einsatzbericht, siebzehnter März.

Er kennt jede Zeile auswendig.

Cem

Medikamentöse Erstversorgung leitliniengerecht durchgeführt. Dosierung laut ärztlicher Anordnung verabreicht. Zeitverzögerung im Rahmen der üblichen Einsatzparameter.

Klingt gut, oder? Sauber. Klingt nach jemandem, der nichts falsch gemacht hat.

Jule

Steck das weg.

Cem

Vierzehn Minuten. So lange hat es gedauert, bis ich den Zugang gelegt hatte. Vierzehn Minuten für etwas, das in fünf hätte passieren müssen. Und in dem Bericht steht acht.

Acht Minuten.

Wer hat die acht da reingeschrieben, Jule?

Jule

Ich habe den Bericht geschrieben. Das weißt du. Und ich habe geschrieben, was geschrieben werden musste.

Cem

Du hast gelogen. Für mich.

Und ich verstehe seit sechs Monaten nicht.

Warum? Wir sind keine-- wir sind nicht mal Freunde, Jule. Warum hast du deinen Kopf riskiert, um meinen zu retten?

Erzähler

Die Scheibenwischer schlagen.

Eins, zwei,

drei.

Das Blaulicht wirft blaue Schatten auf das laminierte Papier in Cems Hand.

Jule starrt geradeaus auf die Straße. Ihre Kiefer mahlen.

Jule

Weil es das Richtige war. Professionelle Solidarität. Fertig.

Wie weit noch?

Cem

Professionelle Solidarität.

Jule, du hast mir nicht mal zum Geburtstag gratuliert. Du weißt nicht mal, wo ich wohne. Und plötzlich professionelle Solidarität?

Jule

Was willst du hören? Dass ich ein guter Mensch bin? Dass mir deine Karriere am Herzen liegt?

Fein. Ja, genau das. Zufrieden?

Cem

Ich hab in den letzten sechs Monaten jede Zeile dieses Berichts studiert. Jede Uhrzeit, jede Medikamentenangabe, jede verdammte Formulierung.

Und mir ist was aufgefallen.

Jule

Fahr schneller.

Cem

Die Medikamentendosis. Im Bericht steht dreihundert Milligramm Amiodaron.

Aber ich hab dreihundert aufgezogen, weil du dreihundert gesagt hast. Und die Leitlinie sagt--

die Leitlinie sagt dreihundert für die Erstgabe, ja, das stimmt.

Aber das war nicht die Erstgabe, oder? Das war die zweite Gabe.

Und die zweite Gabe ist einhundertfünfzig.

Erzähler

Die Sirene heult, der Regen peitscht gegen die Windschutzscheibe.

Aber hier drinnen, in diesem Meter zwanzig zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, herrscht eine Stille, die schwerer wiegt als jedes Geräusch.

Jules Hände umklammern ihre Knie, ihre Knöchel sind weiß.

Jule

Das ist--

du verwechselst da etwas.

Im Einsatz passiert viel. Man erinnert sich nicht an jedes Detail.

Konzentrier dich auf die Straße.

Cem

Du hast dreihundert gesagt. Ich hab dreihundert aufgezogen. Ich erinnere mich, weil ich dich noch mal gefragt habe.

Dreihundert, Jule? Und du hast gesagt-

Jule

Ich weiß, was ich gesagt habe.

Cem

Du weißt es. Du weißt, dass die Dosis falsch war.

Und du,

du hast den Bericht so geschrieben, dass es aussieht wie

Jule

Der Bericht wurde nicht wegen dir gefälscht.

Erzähler

Die Worte hängen zwischen ihnen wie Glasscherben. Man kann sie nicht zurücknehmen, ohne sich zu schneiden. Cem nimmt den Fuß vom Gas. Nur kurz. Dann beschleunigt er wieder. Sein Mund ist trocken. Er schmeckt etwas Metallisches auf der Zunge.

Cem

Was hast du gerade gesagt?

Jule

Dass--

das kam falsch raus.

Ich meinte-

Cem

Nicht wegen mir.

Der Bericht wurde nicht wegen mir gefälscht, sondern wegen dir.

Jule

Du willst die Wahrheit?

Dreihundert Milligramm statt einhundertfünfzig. Meine Anordnung, mein Fehler.

Die doppelte Dosis bei einem Patienten mit vorgeschädigtem Herzen.

Cem

Oh Gott.

Jule

Die Obduktion war nicht eindeutig. Herzstillstand, ja, aber ob durch den Infarkt oder durch die

Das war ein Graubereich.

Und ich habe den Bericht so geschrieben, dass der Graubereich verschwindet.

Cem

Und der Graubereich,

das war ich.

Die vierzehn Minuten, mein langsamer Zugang. Du hast meine Verzögerung in den Vordergrund geschrieben, damit niemand nach deiner Dosis fragt.

Jule

Es hat doch funktioniert. Der Bericht ist durch. Keine Untersuchung, keine Konsequenzen. Für keinen von uns.

Cem

Keine Konsequenzen? Ich schlafe seit sechs Monaten nicht mehr, Jule. Ich trage diesen verdammten Bericht in meiner Tasche, weil ich ihn nicht loslassen kann. Weil ich dachte, weil ich dachte, ich hätte einen Menschen auf dem Gewissen.

Erzähler

Stille.

Nur die Sirene und der Regen.

Cem atmet schwer. Seine Hände zittern am Lenkrad. Neben ihm sitzt Jule reglos. Auf ihrer Stirn glänzt Schweiß, obwohl die Heizung längst aus ist.

Vor ihnen tauchen Warnlichter auf, blau und rot.

Jule

Sechs Minuten vierzehn hätten am Ergebnis nichts geändert. Das weißt du.

Die Dosis,

die Dosis schon.

Cem

Und trotzdem hast du mich glauben lassen, dass ich--

sechs Monate, Jule. Ich wollte aufhören. Ich wollte alles hinschmeißen. Und du hast,

du hast mich als Schutzschild benutzt

Jule

Schutzschild. Das ist ein großes Wort für jemanden, der, der einfach nur überleben wollte. So wie du.

Erzähler

Jule lacht. Es ist das einzige Mal in dieser Nacht. Ein kurzes, trockenes Geräusch, das in der Kehle stecken bleibt. Es klingt wie etwas, das zerbricht.

Der Unfallort.

Ein grauer Kleinwagen, die Fahrerseite in die Leitplanke gefaltet wie Papier. Glassplitter glitzern im Blaulicht wie nasser Schnee. Der Geruch von Benzin und heißem Gummi mischt sich mit dem Regen.

Und irgendwo in diesem Wrack wartet eine Frau, deren Mann sie nicht retten konnten.

Jule

Raus. Jetzt. Material mitnehmen. Wir funktionieren.

Was vorher war, existiert nicht. Nicht hier. Nicht jetzt.

Erzähler

Sie laufen durch den Regen. Kein Blick, kein Wort. Nur der Instinkt, der übernimmt, wenn der Verstand versagt.

Am Wrack angekommen, kniet Cem sofort neben der Fahrertür. Er sieht das Gesicht der Frau, eingekeilt zwischen Lenkrad und Sitz. Blut an der Stirn. Augen offen, aber glasig.

Cem

Patientin ist ansprechbar. GCS fünfzehn, Atemwege frei. Blutung an der Stirn, oberflächlich.

Thorax, Thorax beidseits belüftet, eingeklemmt im Beinbereich.

Frau,

Frau Weidner, können Sie mich hören?

Jule

Zugang legen. Ringerlaktat. Ich mache die Schmerztherapie. Ketanest. Null Komma zwei fünf Milligramm pro Kilo. Gewicht schätze ich auf siebzig.

Cem

Zugang liegt. Laufrate. Jule, die Dosis. Sag mir die Dosis noch mal.

Erzähler

Es ist nur ein Augenblick.

Eine Sekunde, in der Cems Blick Jules Blick trifft, über das Wrack hinweg, im Blaulicht und im Regen.

In dieser Sekunde liegt alles: die Schuld, die Lüge

und die Frage, ob Vertrauen etwas ist, das man reparieren kann.

Jule

Ketanest. Null Komma zwei fünf Milligramm pro Kilo. Bei siebzig Kilo macht das siebzehn Komma fünf.

Zieh achtzehn auf.

Korrekte Dosis, Cem.

Cem

Achtzehn aufgezogen. Injiziere. Frau Weidner, das ist gegen die Schmerzen, ja? Sie sind nicht allein. Wir holen Sie hier raus.

Jule

Feuerwehr schneidet. Cem, stabilisier die HWS. Stiff Neck anlegen. Vorsichtig.

Vitalzeichen?

Cem

Puls hundertzwanzig. Blutdruck neunzig zu sechzig. Sättigung vierundneunzig Prozent. Stiff Neck sitzt. Fertig zur Rettung.

Jule

Heben auf drei.

Eins,

zwei,

drei.

Erzähler

Sie tragen Doris Weidner durch den Regen. Vorsichtig, als könnte sie zerbrechen, wie alles andere in dieser Nacht.

Im Rettungswagen riecht es jetzt nach Blut und nassem Asphalt.

Cem legt die Infusion nach. Jule kontrolliert die Werte. Kein Wort zwischen ihnen, das nicht medizinisch ist. Keines, das sein müsste.

Leitstelle

Leitstelle an Rettung sieben vier. Status Patientin?

Jule

Patientin kreislaufstabil. Transport ins Städtische Braunschweig. ETA zwölf Minuten.

Ende.

23:

Erzähler

38 Uhr.

Der Notarzthubschrauber ist nicht gekommen. Nicht nötig. Doris Weidner ist stabil. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Atem gleichmäßig. Sie wird leben.

Cem und Jule stehen neben dem Rettungswagen. Der Regen hat nachgelassen, aber er hat nicht aufgehört.

Er hört nie auf, nicht in dieser Nacht.

Das Blaulicht dreht sich noch, wirft sein kaltes Licht über ihre Gesichter, ihre durchnässten Jacken.

Zwischen ihnen liegt ein Meter Asphalt und sechs Monate Lüge.

Cem

Hier.

Erzähler

Cem hält ihr den Einsatzbericht hin. Das laminierte Papier glänzt im Blaulicht. Regentropfen laufen darüber wie Tränen über ein Gesicht, das nicht weinen kann. Jule sieht den Bericht an, dann sieht sie Cem an, dann wieder den Bericht.

Jule

Cem, ich.

Cem

Nimm ihn.

Er gehört nicht mir.

Er hat nie mir gehört.

Erzähler

Jule nimmt ihn nicht.

Ihre Hände bleiben in den Taschen ihres Kittels. Sie schließt die Augen. Eine Sekunde.

Zwei.

Leitstelle

Leitstelle an Rettung sieben vier. Internistischer Notfall. Braunschweig, Stöckheim. Am alten Bahnhof zwölf. Männlich, siebzig Jahre. Verdacht auf Apoplex. Bitte kommen.

Erzähler

Das Funkgerät knackt. Der nächste Einsatz.

Cem steht noch einen Moment im Regen, den Bericht in der ausgestreckten Hand. Dann steckt er ihn zurück in die Tasche. Langsam, wie jemand, der ein Grab zuschaufelt.

Jule

Wir müssen fahren.

Cem

Ja,

ich weiß.

Erzähler

Sie sitzen wieder nebeneinander. Derselbe Wagen, dieselben Sitze.

Aber die Luft zwischen ihnen hat sich verändert. Sie riecht jetzt nach Regen und Wahrheit.

Cem legt den Gang ein. Die Scheibenwischer setzen sich in Bewegung. Eins, zwei, drei.

Der Rettungswagen fährt in die Nacht

zwischen Hannover und Braunschweig auf einer Autobahn, die kein Ende kennt.

In Cems Jackentasche liegt ein laminierter Bericht mit einer Schuld, die nicht seine ist.

Und neben ihm sitzt eine Frau, die weiß, dass der nächste Einsatz immer kommt.

Aber dass er auch alles wieder zudeckt, das weiß nur der Regen.