Abschrift · Drama
Parzelle 27
Margret will den Schrebergarten ihres verstorbenen Mannes auflösen. Zwischen Erde, Werkzeug und Gewohnheiten entdeckt sie, dass Liebe manchmal sehr spät spricht.
Margret
So,
da wären wir.
Der Kirschbaum.
Den hat er im ersten Jahr gepflanzt. Sagte er zumindest.
Sagte?
Gut,
fangen wir an.
Horst
Moin.
Margret
Oh,
hallo.
Horst
Horst. Parzelle achtundzwanzig nebenan.
Wir haben uns auf der Beerdigung kurz gesehen.
Margret
Ja.
Ja, ich erinnere mich.
Sie hatten die Nelken.
Horst
Aus dem Garten. Werner hätte geschimpft. Der mochte keine Schnittblumen. Hat immer gesagt:"Abschneiden ist das Gegenteil von Gärtnern.
Margret
Das klingt nach ihm.
Horst
Kaffee? Steht schon den ganzen Nachmittag auf dem Zaun, aber warm ist er noch.
Margret
Ich wollte eigentlich nur die Sachen durchsehen,
den Pachtvertrag kündigen.
Horst
Ja, klar.
Trotzdem Kaffee?
Margret
Ja, gerne.
Horst
Vorsicht, der Becher hat keinen Henkel mehr. Werner hat den beim Umtopfen fallen lassen. War ganz außer sich wegen einem Becher.
Margret
Stark.
Horst
Werner mochte ihn stark.
Margret
Ich weiß.
Horst
Soll ich Ihnen zeigen, was hier alles steht, bevor Sie die Säcke füllen?
Margret
Ich glaube nicht, dass das nötig ist.
Horst
Manche Sachen haben Wert. Die Stauden zum Beispiel.
Frau Kessler von Parzelle vierzehn nimmt die bestimmt.
Margret
Na gut, zeigen Sie mal.
Horst
Das hier, die Fetthenne. Die hat er von Gerda getauscht gegen Ableger vom Lavendel.
Margret
Gerda?
Horst
Gerda Bülow, Parzelle neun, die mit den Rosen.
Werner hat ihr im Winter die Wasserleitung repariert. Seitdem hat sie ihm jedes Wochenende Kuchen gebracht. Streuselkuchen. Immer Streusel.
Margret
Er hat nie von einer Gerda erzählt.
Horst
Na ja, erzählt. Werner hat nicht viel erzählt, oder?
Margret
Nein,
nicht viel.
Horst
Und das hier, Wittersporn.
Den hat er drei Jahre lang probiert. Immer wieder eingegangen, immer wieder neu gepflanzt.
Margret
Drei Jahre für eine Blume.
Horst
Den hat er Ihretwegen gepflanzt,
weil Sie den angeblich mögen.
Margret
Rittersporn?
Mag ich Rittersporn?
Horst
Das hat er jedenfalls gesagt.
Margret
Horst,
hat mein Mann oft von mir gesprochen?
Horst
Jeden Samstag. Immer wenn wir hier so saßen, mit Kaffee und Zaun dazwischen.
Ja, eigentlich ständig.
Margret
Ich,
ich wusste das nicht.
Horst
Was hat er denn zu Hause so gemacht?
Margret
Gelesen,
ferngesehen, wenig geredet.
Er war immer müde, wenn er vom Garten kam.
Horst
Müde? Hier war der Mann nicht zu bremsen. Der hatte immer drei Projekte gleichzeitig. Das Hochbeet, die Benjeshecke da hinten und dann wollte er noch einen Teich anlegen.
Margret
Einen Teich.
Horst
Mit Seerosen. Hat schon Folie gekauft. Drei Rollen. Liegt noch im Schuppen.
Margret
Zu Hause hat er auf dem Sofa gesessen,
stundenlang.
Und ich dachte immer,
ich dachte, er wollte einfach nicht bei mir sein.
Horst
Margret.
Margret
Entschuldigung. Ist schon gut.
Was ist das hier für ein Strauch?
Horst
Holunder.
Margret
Zeigen Sie mir einfach den Rest,
bitte.
Horst
Die Himbeeren.
Die hat er für die ganze Anlage gepflanzt. Jeder durfte pflücken. Der Vorstand hat geschimpft, weil die in den Hauptweg gewuchert sind.
Margret
Das sieht man.
Horst
Werner hat ein Schild drangehängt:"Bitte zugreifen. Wer Marmelade kocht, bringt mir ein Glas.
Hing da drei Sommer.
Margret
Typisch.
Horst
Haben Sie mal seine Marmelade probiert?
Margret
Er hat mir nie welche mitgebracht.
Horst
Nie?
Margret
Nie
Horst
Wissen Sie, Margret,
Werner war ein komischer Kauz.
Der konnte einem zwei Stunden erzählen, was Sie gern essen und welche Blumen Sie mögen.
Aber er hat vergessen, Ihnen die Blumen hinzustellen.
Margret
So kann man das wohl sagen.
Horst
Er war nicht verschlossen, Margret. Er war umständlich.
Er hat die Dinge nicht gesagt. Er hat sie gebaut.
Kommen Sie mal mit. Da hinten beim Geräteschuppen.
Margret
Was ist da?
Horst
Etwas, das Sie sehen sollten.
Margret
Das Hochbeet.
Werner hat davon erzählt.
Einmal.
Er sagte, er baut eins.
Horst
Lärche hat er extra bestellt. Kein billiges Zeug.
Werner hat gesagt:"Wenn schon, dann richtig.
Margret
Es ist nicht fertig.
Horst
Nein.
Margret
Eine Seite fehlt noch.
Horst
Die Seitenplanke, ja.
Aber die andere Seite. Gehen Sie mal rum. Schauen Sie sich die andere Seite an.
Margret
Mein Name.
Das ist mein Name.
Horst
Ja.
Margret
Eingebrannt
mit einem Brennstempel.
Horst
Den hat er sich extra machen lassen. In der Stadt, im Eisenwarenhandel. Hat drei Wochen gebraucht, bis der fertig war.
Margret
Warum steht da mein Name?
Horst
Weil es Ihres ist, Margret, das Hochbeet. Er hat es für Sie gebaut.
Margret
Für mich?
Aber ich bin noch nie hier gewesen. Er hat mich nie hergebracht.
Horst
Sie haben mal gesagt, Sie wollen Tomaten ziehen, zu Hause auf dem Balkon.
Margret
Tomaten?
Ich,
ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben.
Horst
Er schon.
Margret
Wann?
Wann soll ich das gesagt haben?
Horst
Weiß ich nicht mehr genau.
Irgendwann letzten Herbst.
Aber danach hat er angefangen mit dem Hochbeet. Jeden Samstag. Und hat immer dasselbe gesagt dabei.
Margret
Was?
Was hat er gesagt?
Horst
Margret will Tomaten.
Dann kriegt Margret Tomaten.
Aber richtig. Nicht auf dem Balkon. In ordentlicher Erde.
Margret
Warum hat er es dann nicht fertig gebaut?
Horst
Er konnte nicht mehr, Margret. In den letzten Monaten.
Margret
Was meinen Sie?
Horst
Er war schon krank. Hier draußen hat man das gemerkt.
Die Pausen wurden länger. Er hat sich öfter hingesetzt, mitten in der Arbeit. Er wusste es.
Margret
Er wusste es?
Horst
Er wollte das Hochbeet fertig machen. Das war ihm wichtig.
Wichtiger als alles andere, hat er gesagt.
Margret
Und mir hat er nichts gesagt.
Nichts.
Horst
Nein, mir auch nicht direkt. Aber ich hab Augen.
Ich glaube, er wollte es Ihnen nicht mit leeren Händen sagen.
Margret
Vierzig Jahre. Vierzig Jahre habe ich gedacht, der Garten ist der Ort, wo er lieber war als bei mir.
Horst
Ich weiß.
Margret
Woher wissen Sie das?
Horst
Weil er sich Sorgen gemacht hat. Nicht laut.
Aber er hat mich mal gefragt, ob ich glaube, dass Margret ihm den Garten übel nimmt. Ich hab gesagt:"Frag sie doch.
Margret
Und?
Hat er?
Horst
Was denken Sie?
Margret
Nein,
natürlich nicht.
Horst
Er hat nicht über Sie geredet wie jemand, der weg will, Margret.
Er hat über Sie geredet wie jemand, der nach vierzig Jahren noch staunen kann.
Er hat gesagt:"Weißt du, Horst,
ich versteh die Frau immer noch nicht ganz.
Und das ist das Beste daran.
Margret
Das hat er gesagt?
Horst
Mehr als einmal.
Ich lass Sie mal kurz. Die Bohnen brauchen Wasser.
Margret
Ach, Werner.
Tomaten also.
Die Schraube hier ist lose.
So.