Abschrift · Experimentell
Kopfhöhe
Ein alter Schlachter steht vor einem Kalb, das nicht flieht. Er sagt die Sätze, die ihn sein Leben lang ruhig gemacht haben. Doch an diesem Morgen antwortet nicht nur ein Blick, sondern ein Körper.
Johann
Fünf Uhr sechzehn. Dienstag. Kühlung läuft. Wasser läuft. Messer sind abgezogen. Der Boden ist sauber genug. Sauberer wird er nicht.
Und du stehst da, als hättest du eine Einladung bekommen.
Na komm, einen Schritt noch. Mehr will keiner von dir. Nur einen Schritt.
Es ist besser, wenn du nicht rutschst. Wenn du rutschst, erschrickst du. Wenn du erschrickst, wird es schwerer. Für dich. Für mich auch. Ich weiß, man soll nicht mit euch reden. Mein Vater hat gesagt: Wer redet, macht aus Vieh Besuch. Und Besuch bringt man nicht auf die Schiene. Besuch führt man ins Wohnzimmer.
Aber ich habe immer geredet. Nicht viel, nur so viel, dass die Hände ruhig bleiben.
Ruhig, sauber, kurz. Das ist alles. Alles andere ist Eitelkeit.
Das Tier
Der Boden zieht kalt in mein lahmes Bein.
Mein Maul schmeckt nach Metall und altem Wasser.
Das Licht ist hart.
Der Mann riecht nach Seife, Eisen und Nacht.
Er atmet langsam. Zu langsam.
Johann
Was war das? Nichts. Natürlich nichts. Rohrleitung, Kühlung. Morgens macht jedes Haus Geräusche, wenn es alt genug ist.
Du bist auch nicht alt genug für so einen Blick. Das ist das Gemeine an den Jungen. Die wissen noch nicht, dass Angst Arbeit macht. Die stehen einfach da und schauen.
Das Tier
Ich stelle mehr Gewicht auf die andere Seite.
Das schmerzt weniger.
In meinem Bauch ist wenig Gras.
Mein Ohr zuckt bei jedem Tropfen.
Der Mann sieht auf meine Füße, nicht in mein Gesicht.
Johann
Ich habe dich nicht ausgesucht. Der Bauer hat angerufen. Ein Kalb, sechs Monate, lahmt leicht, frisst schlecht, lohnt sich nicht mehr. So hat er es gesagt. Lohnt sich nicht mehr. Als wäre das eine Diagnose.
Ich habe nichts gegen dich, das musst du wissen. Ich hatte nie etwas gegen eins von euch. Das ist kein Hass hier. Hass macht ungenau. Hass macht grobe Hände.
Das Tier
Seine Stimme wird weich, wenn er das sagt.
Ich kenne weich.
Weiches Heu, warme Milch. Eine Hand am Hals, die noch nichts will.
Seine Stimme will etwas.
Johann
Da ist wieder was.
Hör auf, Johann. Du bist allein. Die anderen kommen erst um sieben. Bis dahin ist das erledigt. Routine. Ein einzelnes Kalb, nicht einmal eine schwere Nummer.
Mein Vater hat das mit vierzehn gelernt, ich mit zwölf. Mehr muss man darüber nicht erzählen.
Man wurde groß, indem man still blieb, wenn einem schlecht war.
Das Tier
In seinem Atem steckt ein kleinerer Atem.
Kurz.
Festgehalten.
Wie bei einem Tier, das nicht brüllen darf.
Johann
Mein Vater sagte:"Nie den Kopf streicheln. Wenn die Hand Fell sucht, taugt sie gleich nicht mehr.
Er hatte Sätze, die Arbeit wie Vernunft klingen ließen.
Und manchmal war es Vernunft.
Das macht es nicht leichter. Ein falscher Grund fällt irgendwann um, ein richtiger bleibt stehen.
Das Tier
Wenn er ruhig sagt, bewegt sich sein Hals zuerst,
als müsste der Satz an jemand anderem vorbei.
Johann
Du stehst immer noch falsch. Dreh dich ein bisschen. Nein, nicht zurück. Vorwärts.
Natürlich verstehst du das nicht. Warum solltest du? Du kennst nur Türen, die andere öffnen.
Das Tier
Ich kenne Hände. Eine roch nach Salz,
eine nach Heu,
eine nach kaltem Leder.
Eine hielt den Eimer,
eine schob.
Eine nahm den Strick kürzer.
Johann
Hör auf damit.
Ich habe genug geschlafen.
Ich bin nüchtern. Ich bin nicht krank. Es ist nur der Blick.
Es gibt Tiere, die schauen so.
Das kommt vor.
Das bedeutet nichts.
Blickkontakt nicht länger als nötig. Das steht sogar im Merkblatt. Ruhiges Zuführen, sichere Fixierung, Betäubung unmittelbar vor Entblutung. Worte, die sauber aussehen, weil keiner Blut an Buchstaben sehen will.
Das Tier
Mein Speichel tropft auf den Boden.
Der Tropfen wird klein und flach.
Der Mann hört ihn nicht,
aber seine Schulter hört ihn.
Johann
Meine Hände sind gut. Nein, nicht gut. Sauber. Das ist ein Unterschied. Gut ist ein Wort für Leute, die Abstand haben. Sauber ist ein Wort für Leute, die es machen.
Meine Tochter hat das nie verstanden. Mara. Sie war acht, als sie fragte, ob Kühe Namen haben. Ich sagte: auf dem Hof vielleicht, hier nicht mehr.
Das Tier
Ich hatte einen Laut, wenn die anderen mich fanden.
Kein Name. Nur ein Ruf aus einem warmen Maul.
Er reichte
Johann
Mara sagte damals:"Wenn etwas keinen Namen hat,
kann man so tun, als wäre es weniger traurig.
Ich sagte:"Traurigkeit bezahlt keine Rechnungen.
Das war ein richtiger Satz
und ein beschissener.
Heute bringt sie Kindern bei, genau hinzusehen. Da sieht man, was Kinder aus einem machen.
Das Tier
Bei dem Namen Mara hält seine Hand einen Moment in der Luft.
Nicht hoch,
nicht tief,
nur verloren.
Johann
Sie hat meine Hand genommen, früher. Beim Überqueren der Straße, im Freibad, auf dem Markt und irgendwann sah sie meine Hand an, bevor sie sie nahm. Dann nahm sie sie nicht mehr.
Warum erzähle ich dir das? Du bist ein Kalb. Du hast keine Verwendung für Töchter. Du brauchst Heu, Wasser, Schatten, eine Herde.
Und ich brauche, dass du jetzt einen Schritt machst.
Das Tier
Ich mache keinen Schritt.
Das linke Bein zittert.
Unter dem Huf ist Wasser.
Der Mann vor mir riecht jetzt nicht nach Eisen. Er riecht nach Flucht.
Johann
Nein, nein, so nicht. Das ist kein Gespräch. Das ist Müdigkeit. Das ist das Alter. Das ist zu viel Stille vor sieben Uhr morgens.
Du bist nicht besonders. Verstehst du? Du bist nicht das erste Tier, das mich ansieht. Nicht das Hundertste, nicht das Tausendste.
Ich habe Augen gesehen, die größer waren als deine. Ruhiger, wütender,
leerer.
Das Tier
Ich senke den Kopf.
Der Strick wird schwerer.
Ich höre seinen Atem gegen die Wand laufen und zurückkommen.
Johann
Ich habe meine Arbeit ordentlich gemacht. Dreiundvierzig Jahre. Keine Skandale, keine schlechten Betäubungen, wenn ich es verhindern konnte. Keine Angeberei, keine Grausamkeit.
Ich war besser als viele.
Das muss etwas zählen.
Das Tier
Er wartet, dass ich ihm widerspreche.
Ich kaue nicht. Ich schlucke nur Luft.
Johann
Wenn man es macht, muss man es sauber machen. Das hat mein Vater gesagt. Das sage ich den Jungen auch. Nur kommen keine Jungen mehr. Keiner will das lernen. Alle wollen Fleisch, aber keiner will diese Uhrzeit.
Das Tier
Die anderen sind nicht hier. Jetzt sind nur der Boden, die Tür, sein Arm
und mein Hals.
Johann
Ich stehe vor dir. Ich bin der Mann. Du bist das Tier. So einfach ist das. So muss das einfach sein.
Das Tier
Er steht höher.
Seine Knie sind nah an meinem Kopf.
Er hält sich dort oben, als wäre der Boden nur für mich.
Aber Angst riecht auch dort oben.
Johann
Höhe sei Unschuld.
Ja, als würde Höhe einen reinwaschen. Mara hätte so etwas gesagt. Mein Vater nicht. Mein Vater hätte gesagt:"Stell dich nicht an.
Hör auf, meine Tochter zu benutzen. Hör auf, so zu tun, als wärst du mehr als Haut, Knochen, Wärme und Gewicht.
Das Tier
Ich bin Haut. Der Strick scheuert.
Ich bin Knochen. Das Bein tut weh. Ich bin Wärme. Sie dampft im Licht.
Ich bin Gewicht.
Ich stehe hier.
Johann
Früher hätte ich gelacht. Wirklich. Ich hätte gesagt: Bedeutung ist was für Pfarrer, Studenten und Leute, die im Supermarkt Bio kaufen und den Preis nicht anschauen. Aber ich lache nicht. Nicht heute.
Heute stehst du da und ich merke, dass ich müde bin.
Nicht körperlich. Körperlich geht es noch. Die Schultern, der Rücken, die Knie, alles jammert, aber es geht.
Ich bin müde vom Teilen.
Das Tier
Sein Messer kennt Stellen.
Mein Bein kennt Kälte.
Mein Bauch kennt Hunger. Beides ist wahr im selben Raum.
Johann
Auge und Kopf. Ja,
das lernt man früh. Nicht das Tier sehen, sondern den Kopf. Nicht den Kopf, sondern die Stelle. Nicht die Stelle, sondern die Bewegung. Nicht die Bewegung, sondern den Ablauf.
Und wenn man den Ablauf lange genug sieht, sieht man irgendwann gar nichts mehr.
Das ist der Stolz des Handwerks
und vielleicht auch seine Strafe.
Das Tier
Ich sehe den Mann.
Nicht alles,
nur genug. Die nassen Schuhe,
den Daumen am Griff,
den Atem, der nicht weiter will Er riecht wie ein Tier, das einen Ausgang sucht.
Johann
Sag das nicht.
Sag nicht Tier zu mir. Ich habe gearbeitet. Ich habe bezahlt. Ich habe niemanden belogen. Ich habe gesagt, was hier passiert. Allen. Mir selbst auch.
Das Tier
Du hast gesagt, was passiert,
aber nicht, was es macht.
Johann
Was es macht.
Es macht, dass man nach Feierabend die Nägel kontrolliert, obwohl sie sauber sind. Es macht, dass man Fleisch kauft, aber keines aus der eigenen Theke.
Es macht, dass die Tochter beim Abendessen fragt, ob man sich vor sich selbst ekelt.
Sie sagte: „Papa, du klingst anders, wenn du aus dem Schlachtraum kommst.
Ich fragte: „Wie denn?
Sie sagte: „Als würdest du noch mit jemandem reden, der nicht mehr antwortet.
Sie war elf. Elf Jahre alt. Ich sagte: „Iss deine Kartoffeln. Das war meine Antwort. „Iss deine Kartoffeln.
Das Tier
Ich kenne solche Stimmen.
Im Stall schweigen Tiere anders, wenn eines fehlt.
Der Platz bleibt warm und wird leer.
Johann
Es muss manchmal sein.
Das stimmt doch. Es muss manchmal sein. Krankheit, Hunger, Winter, Preise, Höfe, die sonst schließen, Menschen, die essen wollen. Nicht jeder Tod ist Grausamkeit. Nicht jedes Messer ist Hass.
Das Tier
Ja,
und mein Bein tut weh.
Und ich stehe hier.
Johann
Das ist unfair. Das ist die ganze Gemeinheit, dass beides stimmt. Dass Menschen essen, dass Höfe schließen, dass Arbeit Arbeit ist, dass du trotzdem hier stehst.
Mein Vater hätte dich längst durchgeschoben. Er hätte mich am Kragen gepackt. Er hätte gesagt: „Wer zögert, verlängert.
Und er hätte recht gehabt.
Sogar jetzt hätte er recht.
Das Tier
Dann mach es kurz.
Johann
Nein, nein, sag das nicht. Das ist mein Satz. Das ist mein Satz, verdammt.
Das Tier
Wenn es dein Satz ist, warum passt er in meinen Mund?
Johann
Weil ich ihn euch gegeben habe.
Jeden Morgen,
jedem Einzelnen.
Ruhig, sauber, kurz. Wie einen Segen, der keiner war. Wie eine Entschuldigung, bevor etwas passiert.
Ich habe nie gehasst, was ich getötet habe.
Vielleicht war genau das mein Fehler. Ich habe es nicht gehasst. Ich habe es auch nicht geliebt. Ich habe es geschafft.
Das Tier
Geschafft klingt wie eine Tür hinter dir,
aber ich stehe noch davor.
Johann
Ich kann nicht.
Das Tier
Heute nicht.
Johann
Heute nicht.
Was ist morgen? Was ist mit morgen? Was ist mit dem Bauern, der Rechnung, den Männern, die um sieben kommen? Was ist mit allem, was nicht verschwindet, nur weil ich einmal stehen bleibe?
Das Tier
Morgen rieche ich nicht. Ich rieche diesen Morgen.
Wasser, Eisen, Diesel draußen.
Deine Hand, die heute sinkt.
Johann
Die Hand sinkt.
Ja,
sie sinkt.
Herr Gott, wie schwer so eine leere Hand sein kann.
Die Tür ist offen, nur einen Spalt, mehr nicht. Ich weiß nicht, ob du gehst. Ich weiß nicht, ob ich will, dass du gehst. Draußen ist kein Freispruch. Draußen ist nur draußen.
Das Tier
Draußen riecht es nach Gras, Diesel und Morgen.
Drinnen riecht es nach Wasser, Eisen und einem Mann, der zum ersten Mal nicht weiß, wie sein Beruf heißt.
Johann
Ich heiße Johann Rehm, einundsechzig Jahre, Metzgermeister, Schlachter, Sohn eines Schlachters,
Vater einer Tochter, die meiner Hand nicht mehr nimmt.
Und heute stehe ich hier und weiß nicht, wer von uns zittert.
Das Tier
Beide.
Johann
Beide.
Das Tier
Das ist ein Anfang.
Johann
Nein,
für einen Anfang reicht das nicht. Für einen Anfang müsste ich Mara anrufen. Für einen Anfang müsste ich den Bauern anrufen. Für einen Anfang müsste ich den Männern sagen, dass sie heute nicht kommen sollen. Für einen Anfang müsste ich einen Satz sagen, der nicht von meinem Vater ist.
Das Tier
Dann sag ihn.
Johann
Ich weiß nicht, wie es weitergeht,
aber das hier mache ich heute nicht.
Das Tier
Der Raum hat noch immer keinen Himmel,
aber die Tür ist offen.
Der Mann steht nicht höher.
Das Tier steht nicht tiefer.
Johann
Komm. Nicht raus, nicht rein. Nur komm.
Wir stehen nicht mehr allein.
Das Tier
Ich mache einen Schritt.
Das kranke Bein gibt kurz nach. Der Mann zuckt, als hätte es ihn getroffen.
Seine Hand bleibt leer.