Abschrift · Drama
Hanna - Ein Roman
Ein Schriftsteller liest seinen Roman über eine Ehe, bis die Frau aus den Seiten tritt und korrigiert. Auf einer leeren Bühne beginnt die Wahrheit zurückzuschreiben.
Erzähler
Nachklang.
Ein Theatersaal in Hamburg Altona nach der letzten Vorstellung.
Die Zuschauerringe liegen im Dunkeln. Vierhundert leere Sitze, die noch nach dem Parfüm und dem Schweiß des Publikums riechen.
Auf der Bühne brennt nur das Geisterlicht. Ein einzelner Strahler,
darunter zwei Stühle und zwischen ihnen auf dem kalten Bühnenboden ein Stapel Papier.
Wolfram
Eine Frau und ein Mann in Hamburg.
So beginnt diese Geschichte, wie alle großen Geschichten beginnen. Mit zwei Menschen, die sich noch nicht kennen und die nicht ahnen, dass sie einander zerstören werden.
Sie heißt Helena.
Sie übersetzt die Traurigkeit anderer Menschen von einer Sprache in die nächste und hat verlernt, ihre eigene zu benennen.
Er ist Schriftsteller. Er beobachtet sie in einer Buchhandlung nahe der Alster an einem Dienstagmorgen im März, wie sie einen Satz liest und dabei die Lippen bewegt, als koste sie jedes Wort einzeln. In diesem Moment, so wird er später schreiben, in diesem einen Moment entschied sich alles.
Die Liebe, die Ehe, die siebzehn Jahre und drei Monate, die dreihundertzwölf Seiten, die davon erzählen,
und das Ende, das keiner von beiden kommen sah.
Hanna
Das stimmt nicht.
So war es nicht. Und das weißt du, Wolfram.
Erzähler
Die Stimme, die eben las, gehört keinem Erzähler.
Sie gehört Wolfram Brand. Zweiundfünfzig Jahre alt, Schriftsteller, drei veröffentlichte Romane. Der Mann auf der Bühne liest aus seinem vierten. Er hat ihn Helena genannt. Untertitel: Ein Roman. Und die Frau, die ihn gerade unterbricht, ist keine Figur in einem Buch. Sie ist das Original.
Hanna Lindqvist, sechsundvierzig, Literaturübersetzerin für skandinavische Sprachen.
Seine Ex-Frau. Sie steht am Rand der Bühne, einen Mantel über dem Arm und in ihrer Hand hält sie eine Kopie seines Manuskripts.
Dreihundertzwölf Seiten. Auf fast jeder einzelnen stehen Anmerkungen in roter Tinte, ganze Absätze durchgestrichen, am Rand neu geschrieben.
Wolfram
Hanna,
was machst du hier?
Wie bist du reingekommen?
Hanna
Die Bühnentür stand offen. Wie passend.
Der große Schriftsteller Wolfram Brand probt seinen neuen Roman in einem leeren Theater.
Brauchst du inzwischen ein Publikum aus leeren Stühlen, um dir selbst zu glauben?
Wolfram
Ich lese meine Texte laut. Das habe ich immer getan. Das weißt du. Die Akustik hilft mir, den Rhythmus zu finden.
Hanna
Den Rhythmus.
Ja, den hast du gefunden, Wolfram. Auf Seite siebenundvierzig zum Beispiel. Wo du beschreibst, wie Helena nachts allein im Badezimmer weint.
Schöner Rhythmus. Iambischer Fünfheber, wenn ich mich nicht irre.
Sehr musikalisch für einen Nervenzusammenbruch.
Wolfram
Du hast es gelesen.
Wie hast du.
Das Manuskript liegt beim Verlag. Niemand außer meiner Lektorin hat Zugang.
Wie, Hanna?
Hanna
Du unterschätzt mich. Das war schon immer dein größter Fehler.
Im Leben und in der Literatur.
Erzähler
Hanna setzt sich auf den zweiten Stuhl. Zwischen ihnen liegt das Manuskript, aufgefächert wie ein Kartenspiel, das niemand gewinnen kann. Es riecht nach kaltem Kaffee und dem staubigen Samt der Theatervorhänge.
Die Lüftung summt über ihnen, geduldig wie ein Zeuge, der auf seine Aussage wartet.
Hanna
In sechs Wochen willst du das veröffentlichen.
Dreihundertzwölf Seiten über unsere Ehe.
Deine Version, nur deine. Ohne mich zu fragen. Ohne mich auch nur zu informieren.
Wolfram
Es ist ein Roman, Hanna. Fiktion. Die Figuren tragen andere Namen. Die Handlung ist verdichtet, die Schauplätze verändert.
Hanna
Die Figur heißt Helena. Sie ist Übersetzerin für skandinavische Sprachen. Sehr kreativ, Wolfram. Helena statt Hanna. Lindberg statt Lindqvist. Du hast die andere Hälfte des Alphabets für den Nachnamen verschwendet. Die Kritiker werden beeindruckt sein.
Wolfram
Jeder Schriftsteller verarbeitet sein Leben, Hanna. Das ist keine Neuigkeit. Das ist die Grundlage der gesamten Literaturgeschichte. Philip Roth, Knausgaard, Ernaux sie alle haben aus ihrem Leben geschrieben.
Hanna
Knausgaard hat seine Ex-Frau um Erlaubnis gebeten. Ernaux schreibt über sich selbst, nicht über andere. Und Roth? Roth hat wenigstens zugegeben, dass er lügt.
Hast du mich gefragt, Wolfram?
Ein einziges Mal?
Erzähler
Wolfram schweigt. Er atmet ein. Dann blättert er zurück, fast mechanisch, Seite um Seite, bis er den Anfang findet.
Seite dreiundzwanzig, das erste Kapitel. Er will beweisen, dass er die Wahrheit geschrieben hat, dass seine Version stimmt, dass die Erinnerung ihm gehört.
Wolfram
Er spricht sie an.
Sie steht zwischen den Regalen einer Buchhandlung nahe der Alster, ein Buch in der Hand und ihre Augen haben die Farbe von Novemberhimmel über der Elbe. Er sagt etwas über skandinavische Literatur, etwas Kluges, hofft er, und sie lächelt. Und in diesem Lächeln, so wird er viele Jahre später schreiben, in diesem einen Lächeln hörte er zum ersten Mal, wie seine Zukunft klingt.
Er wusste nicht, dass Zukunft auch ein Wort für Verlust sein kann. Aber an jenem Dienstagmorgen im März roch die Buchhandlung nach frischem Papier und alles war Anfang.
Hanna
Halt, Seite dreiundzwanzig, zweiter Absatz.
Das war keine Buchhandlung an der Alster. Das war ein Antiquariat in Ottensen. Und es war kein Dienstagmorgen im März. Es war ein Freitagabend im November und ich stand nicht zwischen den Regalen und las. Ich arbeitete dort, freitags nach der Uni. Ich sortierte Bücher ein und du hast mich nach dem Preis eines Ibsen gefragt, den du dann nicht gekauft hast.
Wolfram
Literatur verdichtet die Realität, Hannah. Das weißt du besser als die meisten Menschen. Du übersetzt Romane. Du weißt, was poetische Wahrheit bedeutet.
Hanna
Du hast nicht verdichtet, Wolfram.
Du hast dir die Version ausgesucht, in der du der Protagonist einer großen Liebesgeschichte bist.
Nicht ein Mann, der eine Buchhändlerin nach dem Preis eines Taschenbuchs fragt.
Wolfram
Was ich empfinde, wird zur Wahrheit des Textes. Das ist kein Betrug. Das ist Literatur. Ich schreibe, wie ich die Welt erlebe. Das ist alles, was ein Schriftsteller tun kann.
Hanna
Du schreibst auf Seite dreiundzwanzig:"Sie lächelte, als habe der Autor nur für sie geschrieben. Ich habe nicht gelächelt. Ich habe dir den Weg zur Kasse gezeigt, aber natürlich: In deiner Erinnerung lächle ich, weil Frauen in deinen Romanen immer lächeln, wenn der Held den Raum betritt.
Wolfram
Wunderbar. Jetzt bist du also auch Literaturkritikerin, Übersetzerin, Lektorin und Kritikerin in Personalunion.
Fehlt nur noch die Autorin.
Hanna
Autorin bin ich nicht,
aber Figur in deinem Roman bin ich auch nicht.
Jedenfalls nicht freiwillig.
Erzähler
Die Luft zwischen ihnen ist schwer geworden. Wolfram hat das Manuskript auf den Knien aufgeschlagen wie eine Bibel, die plötzlich in einer fremden Sprache geschrieben ist.
Das Geisterlicht wirft lange Schatten über die Bühne. Zwei Menschen, die einmal alles geteilt haben. Jetzt teilen sie nur noch den Text.
Hanna
Weißt du, was mich am meisten verletzt?
Nicht, dass du die Fakten änderst.
Dass du den Moment änderst.
Dieser Abend im Antiquariat, Wolfram. Das war der einzige Moment in siebzehn Jahren, den ich genau so behalten wollte, wie er war.
Wolfram
Hannah,
ich wollte das nicht.
Wirklich nicht.
Hanna
Sanning.
Wolfram
Was?
Hanna
Sanning.
Wahrheit.
Das ist das erste Wort, das ich auf Schwedisch gelernt habe.
Damals in der Schule in Kiel.
Weil ich fand, dass es im Deutschen nie gereicht hat. Zu hart, zu endgültig.
Sanning klingt weicher, wie etwas, das man anfassen kann, ohne sich daran zu schneiden.
Erzähler
Für einen Moment ist es still auf der Bühne. Nur die Lüftung summt.
Wolfram schaut auf das Manuskript in seinen Händen, als sähe er es zum ersten Mal.
Dann blättert er weiter,
weiter, an den roten Anmerkungen vorbei, über durchgestrichene Absätze hinweg bis zur Mitte des Buches,
zur Ehe.
Kapitel acht:
Sieben Jahre Ehe.
In Wolframs Roman beginnt hier der Bruch, die erste Fissur im Fundament. Er hat diesem Kapitel den Titel"Oktober"gegeben. Es ist der Monat, in dem Dinge sterben und es noch nach Wärme riecht.
Wolfram
An einem Abend im Oktober, sieben Jahre und drei Monate nach der Buchhandlung, sitzen wir mit Freunden beim Essen. Kerzen auf dem Tisch, Rotwein in den Gläsern und das Gespräch ist so leicht und so bedeutungslos wie Herbstlaub.
Helena dreht ihr Weinglas zwischen den Fingern
und dann, mitten in eine Stille hinein, sagt sie, laut genug für den ganzen Tisch:
"Du schreibst keine Romane. Du schreibst dreihundert Seiten lange Entschuldigungen an dich selbst.
Hanna
Seite hundertdrei, unten: Ich habe diesen Satz nie gesagt.
Nicht an diesem Abend und nicht an irgendeinem anderen.
Aber du hast an diesem Abend etwas gesagt, Wolfram. Vor allen Gästen.
Du hast dich zu Thomas gebeugt und gesagt:"Hannah übersetzt keine Bücher. Sie übersetzt ihre Unfähigkeit, etwas Eigenes zu schaffen, in die Sprache anderer Leute.
Wolfram
Das war ein Scherz. Das war nicht bösartig gemeint.
Der Abend war angespannt und ich habe mich gehen lassen.
Hanna
Und dann hast du gelacht. Und alle haben mitgelacht.
Und ich habe den Satz auf Schwedisch wiederholt. Leise, nur für mich, weil ich mich geschämt habe. Nicht für mich Für dich.
Wolfram
Du zerlegst alles, was ich schreibe. Jede Szene, jeden Satz, jedes Wort. Du nimmst mir die Geschichte auseinander und legst nur die Teile hin, die dir passen.
Hanna
Ich übersetze Wolfram. Das ist mein Beruf. Ich nehme einen Text in einer Sprache und finde die Wahrheit in einer anderen.
Der Unterschied ist, dass ich dabei nichts erfinde.
Erzähler
Die Temperatur auf der Bühne hat sich verändert.
Es ist kälter geworden oder es fühlt sich so an.
Wolframs Hände zittern leicht, kaum sichtbar, als er die nächsten Seiten aufschlägt.
Hannas Rücken ist kerzengerade. Ihre Anmerkungen in roter Tinte leuchten im Geisterlicht wie kleine offene Wunden.
Wolfram
Du wirfst mir vor, ich hätte dein Leben gestohlen.
Du hast in siebzehn Jahren kein einziges eigenes Wort veröffentlicht, Hannah. Nicht eine Zeile. Immer nur die Worte anderer Leute, von einer Sprache in die nächste geschoben.
Hanna
Richtig.
Ich schreibe die Geschichten anderer Menschen, nicht meine eigene Version über andere Menschen.
Das ist der Unterschied zwischen uns, Wolfram.
Ich weiß, wo die Grenze verläuft zwischen meinem Text und einem fremden Leben.
Wolfram
Ich liege nachts neben ihr und zähle ihre Atemzüge.
Nicht meine. Ihre.
Als versicherte ich mich, dass sie noch da ist. Dass unter der Decke noch jemand liegt, der einmal beschlossen hat, neben mir zu schlafen.
Für immer, haben wir gesagt.
Für immer ist ein Wort, das Schriftsteller benutzen, die nicht wissen, wie lang die Nacht wird, wie viele Atemzüge zwischen Mitternacht und Morgengrauen passen, wie laut das Schweigen neben einem Menschen klingt, der einmal alles war.
Hanna
Hier.
Hier lügst du nicht.
Wolfram
Was?
Hanna
Du lügst nicht. Nicht in dieser Passage. Weil du hier nicht über mich schreibst, Wolfram.
Endlich auf Seite hundertdreiundvierzig schreibst du über dich, über deine Angst.
Und die ist echt.
Die erkenne ich wieder.
Wolfram
Ich hatte jede Nacht Angst,
dass du aufhörst zu atmen.
Nicht, weil du krank warst.
Weil ich dachte, wenn du aufhörst zu atmen,
merke ich vielleicht nicht den Unterschied.
So weit weg warst du schon.
Oder ich.
Erzähler
Für einen Augenblick sind sie nicht mehr Kläger und Angeklagter, nicht mehr Autor und Figur, Schriftsteller und Zeugin.
Für einen Augenblick sind sie nur zwei Menschen, die sich an dieselbe Nacht erinnern und zum ersten Mal dasselbe meinen.
Hanna
Aber dann kommt Seite hundertsechzig
und Seite hundertsiebzig
und Seite zweihundert.
Und auf jeder einzelnen dieser Seiten bin wieder ich diejenige, die zerstört,
die kalt ist, die geht.
Dreihundertzwölf Seiten, Wolfram, und du gibst nicht ein einziges Mal zu, dass du etwas falsch gemacht hast.
Wolfram
Weil ich nichts falsch gemacht habe.
Ich war da, Hannah. Jede Nacht, jeden Morgen, siebzehn Jahre lang war ich da.
Und du warst in deinen Büchern,
in deinen Übersetzungen, in deinem Schwedisch und deinem Norwegisch und deinem verdammten Dänisch.
Überall warst du.
Nur nicht bei mir.
Hanna
Lies weiter. Seite zweihundertsechs.
Wolfram
Hannah, bitte.
Nicht diese Seite.
Hanna
Lies.
Erzähler
Seite zweihundertsechs.
In Wolframs Roman ist es das Kapitel ohne Überschrift. Nur ein Datum. Und wer genau hinsieht, erkennt, es ist das Datum, an dem ihre Ehe endete.
Nicht juristisch. Juristisch dauerte es noch vierzehn Monate. Aber was an diesem Abend gesagt wurde, ließ sich nicht mehr zurücknehmen.
Wolfram
Diese Szene, Hannah.
Muss das wirklich sein?
Wir wissen beide, was passiert ist. Wir waren beide da.
Hanna
Genau. Wir waren beide da. Und trotzdem steht in deinem Roman eine Version, die ich nicht wiedererkenne. Lies den Satz, Wolfram. Den einen Satz. Du weißt, welchen ich meine.
Wolfram
Es ist drei Uhr morgens.
Ich stehe in der Küche und halte ein Glas Wasser in der Hand, das ich nicht trinken werde.
Die Haustür geht auf. Helena kommt herein.
Sie sieht mich nicht an.
Ich frage nicht, wo sie war. Ich weiß es. Und sie weiß, dass ich es weiß.
Das Schweigen zwischen uns hat die Dichte von etwas Festem. Man könnte es anfassen, wenn man sich traute.
Dann dreht Helena sich und ihre Stimme klingt nicht wütend, nicht traurig, nicht schuldbewusst.
Sie klingt müde.
So müde, wie nur jemand klingen kann, der aufgehört hat zu kämpfen.
Und sie sagt Ich bin nicht gegangen, weil ich aufgehört habe zu lieben.
Ich bin gegangen, weil du es nicht einmal bemerkt hast.
Hanna
Halt.
Lies diesen Satz noch einmal.
Langsam.
Wolfram
Ich bin nicht gegangen, weil ich aufgehört habe zu lieben.
Ich bin gegangen,
weil du es nicht einmal bemerkt hast.
Hanna
Diesen Satz habe ich nie gesagt.
Den hast du gesagt, Wolfram.
Zu mir.
Du stehst in der Küche. Es ist drei Uhr morgens. Ich komme nach Hause und du drehst dich und sagst genau diesen Satz. Wort für Wort. Zu mir.
Du hast die Rollen getauscht. Du hast dir meinen Satz gegeben, meinen Platz in der Tür, mein Schweigen,
damit du in deinem Roman derjenige sein kannst, der wartet. Nicht derjenige, der den Satz ausspricht.
Nein, nein,
Wolfram
nein.
Ich erinnere mich genau, Hanna. Du standest in der Tür. Du hattest deinen Mantel noch an und du hast mich angesehen und diesen Satz gesagt. Ich höre deine Stimme, wenn ich die Augen schließe.
Hanna
Und ich höre deine.
Ich stehe in der Tür, ja. Ich habe meinen Mantel an, ja.
Aber du stehst am Fenster, nicht in der Küche,
am Fenster.
Und du drehst dich um und du sagst diesen Satz.
Und danach sagst du nichts mehr.
Vierzehn Monate lang nichts mehr.
Erzähler
Und in diesem Moment, auf dieser leeren Bühne, in diesem leeren Theater, geschieht etwas, das kein Roman einfangen kann.
Zwei Menschen sitzen sich gegenüber. Beide erinnern sich an denselben Abend, dieselbe Uhrzeit, denselben Satz.
Und in beider Erinnerung ist es der andere, der ihn ausspricht.
Wolfram
Ich habe es aufgeschrieben, wie ich es erlebt habe.
Es steht hier, Hanna. Schwarz auf weiß.
Ich habe nicht gelogen. Ich habe niemals gelogen.
Hanna
Genau wie du es erlebt hast. Nicht wie es war.
Und das ist das Schlimmste, Wolfram. Nicht, dass du lügst,
dass du ehrlich bist. Du bist vollkommen ehrlich und ich auch. Und trotzdem erzählen wir nicht dieselbe Geschichte.
Erzähler
Keiner lügt. Das ist die Wahrheit, die schlimmer ist als jede Lüge. Beide erinnern sich aufrichtig. Beide hören die Stimme des anderen.
Aber die Erinnerung hat die Rollen vertauscht. Sie hat jedem die Version geschenkt, in der er das Opfer ist.
Und die Wahrheit ihrer Ehe existiert in keiner der beiden Fassungen. Sie existiert nirgends.
Wolfram
Dann gibt es keine Wahrheit.
Nicht deine,
nicht meine.
Dann gibt es nur dreihundertzwölf Seiten,
die niemand geschrieben hat.
Hanna
Minne.
Wolfram
Was?
Hanna
Minne.
Erinnerung.
Auf Schwedisch.
Es klingt so klein, so zerbrechlich wie etwas, das man in der Hand halten kann und das einem zwischen den Fingern zerbröselt, wenn man zu fest zudrückt. Wir haben beide zu fest zugedrückt, Wolfram.
Erzähler
Die Lüftung summt, das Geisterlicht brennt und auf der Bühne sitzen zwei Menschen, die gerade begriffen haben, dass sie siebzehn Jahre in verschiedenen Ehen gelebt haben,
in verschiedenen Zimmern desselben Hauses, mit verschiedenen Versionen derselben Nächte.
Die Stille zwischen ihnen hat sich verändert.
Sie ist nicht mehr feindlich. Sie ist etwas anderes. Etwas, das keinen Namen hat. Wolfram dreht das Manuskript in seinen Händen. Dreihundertzwölf Seiten, schwer wie eine Schuld, die man nicht zuordnen kann.
Wolfram
Achtzehn Monate habe ich an diesem Buch geschrieben.
Achtzehn Monate, um zu beweisen, dass ich recht hatte, dass meine Erinnerung die richtige ist.
Hanna
Und?
Wolfram
Und ich weiß nicht mehr, ob das stimmt.
Ob irgendetwas davon stimmt.
Ich weiß nicht mehr, ob ich mich erinnere oder ob ich erfinde. Ob da noch ein Unterschied ist.
Hanna
Das ist das Ehrlichste, was du je geschrieben hast, Wolfram.
Und es steht auf keiner deiner dreihundertzwölf Seiten.
Erzähler
Wolfram steht auf. Er nimmt das Manuskript, alle dreihundertzwölf Seiten und legt es langsam auf den Stuhl, auf dem er gesessen hat.
Wie eine Übergabe, wie ein Geständnis, das man auf einen Tisch legt und von dem man zurücktritt.
Hanna steht auf.
Sie geht zum Stuhl.
Sie nimmt das Manuskript, hält es.
Dreihundertzwölf Seiten.
Sein Blick auf ihren Händen,
ihre Hände um sein Buch.
Hanna
Ich schreibe das Ende.
Wolfram
Das kannst du nicht.
Hanna
Warum nicht?
Wolfram
Weil du nicht weißt, wie es ausgeht.
Hanna
Du auch nicht.
Erzähler
Sie stehen sich gegenüber. Er ohne sein Manuskript,
sie mit dreihundertzwölf Seiten in den Armen, die nicht ihre Geschichte erzählen und nicht seine.
Dann dreht Hanna sich um.
Stille. Wolfram steht allein auf der Bühne. Dann löst sich ein einzelnes Blatt vom Manuskriptstapel auf dem Stuhl. Es gleitet langsam, fast lautlos über die Kante und fällt auf den Bühnenboden.
Die Lüftung hört auf.
Zum ersten Mal an diesem Abend hört das Theater auf zu atmen. Als hielte der Raum selbst die Luft an.
Auf dem Boden liegt ein einzelnes Blatt,
leer, unbeschrieben. Die Seite nach der letzten Seite.
Seite dreihundertdreizehn. Die Wahrheit ihrer Ehe liegt nicht auf seinen dreihundertzwölf Seiten,
nicht in ihren Korrekturen am Rand.
Sie liegt in dem Raum dazwischen,
in der Lücke zwischen zwei Stimmen, die beide die Wahrheit sagen und die einander nie erreichen.