Abschrift · Drama

Gegenüber

Zwei Fenster, ein Innenhof und zwei Menschen, die einander nur als Gewohnheit kennen. Aus heimlichem Beobachten wird eine leise Form von Fürsorge.

Helmut

Sieben Uhr zwölf.

Die Unruh schlägt drei Hundertstel zu spät an.

Das hört kein Mensch.

Aber ich höre es.

Vierzig Jahre lang war das mein Beruf.

Fehler hören, die niemand hört.

November.

Sonntag.

Der Hof liegt da wie eine aufgeschlagene Schachte.

Grau das Pflaster, grau die Fassaden.

Der Spalt zwischen den Vorhängen reicht.

Reichte schon immer.

Dritter Stock links, das war die Familie Kessler.

Zwei Kinder, immer Lärm.

Zweiter Stock rechts, Frau Detmann mit ihren Katzen.

Alles leer jetzt. Sanierung, sagen sie.

Die Gerüste stehen seit März, aber es kommt niemand.

Renate.

Dein Sessel steht noch da, wo er immer stand.

Rechts neben meinem, leicht nach links gedreht,

damit du beim Lesen das Licht vom Fenster hattest.

Ich habe ihn nicht verrückt.

Zweiter Stock,

das mittlere Fenster.

Da ist sie schon.

Jeden Morgen.

Die Frau mit dem Vorhang.

Sie öffnet ihn immer genau so weit, dass man die Umrisse sieht.

Schultern,

manchmal den Kopf,

nie das Gesicht.

Ich kenne ihren Ablauf.

Morgens gegen sieben das Licht,

gegen halb acht die Silhouette am Fenster.

Dann verschwindet sie.

Dann kommt sie wieder.

Um Punkt sechzehn Uhr der Tee.

Immer Punkt vier. Wie ein Uhrwerk.

Margot

Sonntag.

Der Tag, an dem sich die Stadt benimmt, als wäre sie schon gestorben. Gratuliere, Berlin. Ausnahmsweise überzeugend.

Der Hof.

Drei Fenster mit Gardinen, der Rest nackte Scheiben, staubig, blind.

Früher hat man sonntags den Teppich rausgeklopft. Da war der Hof voller Stimmen. Jetzt nur noch die Tauben und ich.

Und er.

Dritter Stock, das Fenster ganz rechts.

Der dunkle Spalt in seinem Vorhang, der sich nie bewegt.

Aber dahinter sitzt er, jeden Tag.

Ich weiß, dass er dort sitzt, bei der Spalt morgens um sieben erscheint und abends um neun verschwindet.

Margot Friedländer,

ehemals Mezzosopran, dritter Chor von links.

Zweihundert Vorstellungen Carmen, hundertfünfzig Aida.

Und jetzt spiele ich Alltagstheater für ein Publikum von einem.

Ohne Applaus, ohne Vorhang,

ohne Gage.

Helmut

Da. Sie ist am Fenster.

Stellt etwas auf die Fensterbank.

Blumen.

Jeden Sonntag neue Blumen.

Woher sie die hat, weiß ich nicht.

Chrysanthemen vielleicht

oder Astern.

Ohne Farben kann man es schlecht sagen.

Margot

Chrysanthemen. Die letzten vom Markt gestern.

Ich stelle sie immer so, dass sie über den Topfrand fallen, damit die Silhouette auch von oben lesbar ist. Regie für ein Schattenpublikum.

Albrecht würde lachen.

Helmut

Was mich wundert, Renate.

Diese Frau hat eine Art, Dinge hinzustellen.

Langsam,

bedacht.

Sie dreht den Topf, dreht ihn noch mal,

als gäbe es einen richtigen Winkel dafür.

Das verstehe ich.

Margot

Dreizehn Monate. So lange schon.

Am Anfang war es Zufall. Ich habe Tee gekocht und als ich mich umdrehte, sah ich den Spalt in seinem Vorhang. Und etwas darin.

Einen Schatten, der sich nicht bewegte.

Da wusste ich, dass jemand zusieht.

Und dann habe ich angefangen, es für ihn zu tun. Nicht für mich.

Für ihn.

Den Tee langsamer einschenken, die Tasse mit beiden Händen halten, in Büchern blättern, die ich gar nicht lese.

Weil jemand, der so still zusieht, sonst nichts mehr hat.

Helmut

Die Tage sind wie Zahnräder.

Einer greift in den nächsten.

Keine Überraschung,

kein Schlupf Das ist beruhigend.

Das war es bei Uhren auch.

Man weiß, was kommt.

Man muss nicht fragen.

Wann habe ich zuletzt etwas gesagt?

Laut meine ich. Mit Stimme.

Beim Bäcker.

Damals im August.

Zwei Mischbrötchen.

Seitdem nichts. Wozu auch?

Der Toaster braucht keine Anweisungen.

Die Standuhr erst recht nicht.

Manchmal, Renate.

Manchmal denke ich,

dass es nicht mehr geht.

Dass die Stimme weg ist.

Nicht im Kopf,

im Hals.

Dass die Muskeln vergessen haben, wie das funktioniert.

Und dann versuche ich es nicht,

weil ich es nicht wissen will.

Margot

Ich habe aufgehört zu zählen, wann zuletzt jemand meinen Namen gesagt hat.

Margot.

Drei Silben.

Niemand mehr, der sie ausspricht.

Im Supermarkt sagen sie:"Nächste bitte. Beim Arzt:"Die Nummer achtundzwanzig.

"Margot"sagt niemand.

Aber da oben sitzt einer, der mich ansieht,

der mich erwartet.

Nicht mich.

Meine Umrisse.

Das Stück, das ich für ihn aufführe.

Und das reicht.

Das muss reichen.

Helmut

Die graue Taube ist wieder da.

Auf dem Sims vom dritten Fenster links,

dem leeren.

Sie sitzt dort jeden Morgen,

dreht den Kopf

erst links, dann rechts,

wartet auf etwas, das nicht kommt.

Wir verstehen uns.

Margot

Da ist sie wieder, die Taube.

Sie sitzt vor dem leeren Fenster und tut so, als gehöre ihr das ganze Haus.

Wenigstens eine hier, die noch Besitzansprüche stellt.

Fliegt weg. Kommt morgen wieder. So wie er.

So wie ich.

Helmut

Du hast immer gesagt, ich beobachte zu viel und rede zu wenig.

Dass ich in jeder Uhr das Werk sehe,

aber nie die Zeit.

Vielleicht hattest du recht.

Jetzt sehe ich nur noch das Werk

und die Zeit vergeht trotzdem.

Margot

In der Oper stand ich immer in der dritten Reihe des Chors.

Weit genug vorne, um das Publikum zu sehen, weit genug hinten, um nie gemeint zu sein.

Ich habe gelernt, sichtbar zu sein, ohne aufzufallen.

Offenbar mein Lebensthema.

Manchmal frage ich mich, ob er auch allein ist.

Ob dort drüben noch jemand wohnt, den ich nicht sehen kann.

Ob er abends am Tisch sitzt und jemandem erzählt, was die Frau gegenüber heute gemacht hat.

Oder ob er es nur denkt. So wie ich.

Helmut

Renate,

manchmal riecht es hier noch nach deiner Handcreme.

Lavendel und etwas Bitteres.

Oder ich bilde es mir ein.

Die Ledersessel riechen nach vierzig Jahren,

das Metall der Werkzeuge nach Öl.

Aber dein Geruch,

der verschwindet.

Das ist das Schlimmste.

Gleich vier.

Das Licht wird schon flacher.

Im November wird es um diese Zeit grau hinter den Häusern und die Fenster fangen an zu leuchten.

Nur ihres,

meines nicht.

Ich mache kein Licht an.

Jetzt müsste sie aufstehen,

zur Küche gehen.

Der Wasserkocher,

dann das Warten,

dann die Tasse.

Ich kenne die Abstände.

Drei Minuten, bis das Wasser kocht,

eine Minute für den Beute,

dann das Fenster.

Verlässlicher als die meisten Uhrwerke, die ich repariert habe.

Margot

Vier Uhr. Vorhang auf.

Wasserkocher an. Earl Grey. Zweiter Aufguss, weil der erste zu dunkel ist und man die Tasse dann gegen das Licht nicht erkennt.

Ich habe das ausprobiert. Solche Dinge denke ich jetzt. Bühnenbeleuchtung für eine Teetasse.

So.

Tasse in beiden Händen. Ans Fenster.

Langsam, Margot. Nicht hastig.

Wie eine Prozession für eine Person.

Ich stelle mich so, dass das letzte Licht hinter mir fällt und der Dampf sichtbar wird.

Premiere Nummer dreihundertachtundneunzig.

Helmut

Da ist sie

mit der Tasse.

Genau wie gestern.

Genau wie vorgestern. Der Dampf steigt auf, eine dünne Linie vor dem grauen Licht.

Das ist beruhigend.

Das einzig Verlässliche in diesem Hof voller leerer Fenster.

Margot

Der Dampf ist gut heute.

Manchmal, wenn die Luft zu warm ist, sieht man ihn kaum.

Aber im November, wenn die Scheibe kalt ist, zeichnet er sich ab wie Atem im Winter. Kleine Signale.

Rauchzeichen einer Frau, die vergessen hat, wie man ruft.

Helmut

Mein Taschentuch.

Es muss in der Schublade sein.

Was ist das?

Sand.

Ein Etui.

Abgewetzt an den Kanten. Die Farbe fast weg.

Das kenne ich. Das kenne ich doch.

Renate,

dein Opernglas,

das mit dem Perlmuttgriff.

Dein letztes Geburtstagsgeschenk an mich.

2017, im Oktober.

Ich hatte es vergessen.

Hier, in dieser Schublade, die ganze Zeit.

Wie vergisst man so etwas?

Schwer liegt es in der Hand.

Missing.

Kalt.

Der Perlmuttgriff ist glatt,

schimmert selbst in diesem trüben Licht.

Du hast es im Theater benutzt. Zweiter Rang, dritte Reihe.

Ich hebe es ans Fenster.

Zum ersten Mal seit Jahren.

Unscharf.

Das Rädchen an der Seite nach links drehen.

Die Mechanik ist sauber, Renate. Du hast es gepflegt.

Die Linse klärt sich,

der Rahmen ihres Fensters,

der Vorhang. Und dann:

ein Gesicht.

Zum ersten Mal

ein Gesicht.

Falten um die Augen, tiefe Linien um den Mund,

helles Haar zurückgesteckt

und die Augen.

Die Augen schauen nicht am Fenster vorbei,

nicht in den Hof.

Sie schaut nicht auf die Tauben,

nicht auf die leeren Fenster.

Sie schaut nach oben.

Genau hierher.

Genau

in meinen Spalt.

Diese Augen sind ruhig,

wissend,

als hätten sie mich schon tausend Mal gesehen.

Margot

Heute ist etwas anders.

Er hat sich bewegt. Zum ersten Mal seit Wochen hat sich der Schatten hinter dem Spalt bewegt.

Etwas glänzt dort oben, kurz, wie ein kleiner Stern hinter dem Vorhang.

Ein Glas, ein Fernglas vielleicht.

Er sieht mich.

Nicht meine Silhouette,

nicht meine Umrisse.

Mich.

Zum ersten Mal sieht er mein Gesicht

und ich schaue zurück. Ruhig,

so wie ich es seit dreizehn Monaten übe.

Unter dem Fensterbrett liegt die Pappe. Seit zwei Wochen. Ich habe die Buchstaben großgeschrieben mit dem dicken Filzstift, damit man sie von oben lesen kann.

Fünf Wörter.

So viel braucht man doch nicht mehr in unserem Alter.

So,

langsam ins Licht,

damit er lesen kann.

Ich halte sie still, ganz still.

Wie eine Textseite, die man jemandem zeigt, der in der letzten Reihe sitzt.

Morgen wieder Tee um vier?

Helmut

Eine Pappe.

Sie hält eine Pappe ins Licht.

Buchstaben.

Große schwarze Buchstaben.

Morgen

wieder

Tee

um vier.

Ein Fragezeichen.

Sie weiß es.

Sie wusste es die ganze Zeit.

Sie hat nicht zufällig am Fenster gestanden,

nicht zufällig den Tee gekocht,

nicht zufällig die Blumen gedreht. Alles war absichtlich.

Alles war für mich.

Renate.

Ich war nicht unsichtbar.

Ich war nie unsichtbar.

Ich saß hier in meinem Dunkeln und dachte, ich beobachte.

Ich dachte, ich hätte die Kontrolle.

Aber sie hat mich die ganze Zeit gehalten,

wie du es getan hast,

ohne dass ich es gemerkt habe.

Morgen wieder Tee um vier? Das ist eine Frage.

Fragen brauchen Antworten

und Antworten brauchen

eine Stimme.

Margot

Er legt etwas ab, das Glänzende.

Er hat gelesen.

Jetzt sitzt er wieder still. Aber es ist eine andere Stille als vorher. Dichter, voller.

Ich spüre das auch über den Hof, auch durch zwei Scheiben und dreißig Meter kalte Luft.

Ich lasse die Pappe sinken.

Mehr kann ich nicht tun.

Der Rest liegt bei ihm.

Wie immer im Theater. Der Text steht,

aber ob das Publikum aufsteht oder sitzen bleibt, das entscheidet es selbst.

Helmut

Drei Monate.

Der Mund

eine geschlossene Werkstatt.

Aber Werkstätten kann man wieder öffnen.

Man muss nur den Schlüssel finden

und den Mut,

ihn zu drehen.

Renate.

Morgen um vier trinkt eine Frau Tee, die ich nicht kenne.

Sie hat es für mich getan.

Jeden Tag.

Dreihundertachtundneunzig Mal,

ohne dass ich es wusste.

Ohne ein Wort,

ohne eine Erwartung.

Das ist das Freundlichste, was mir seit deinem Tod jemand geschenkt hat.

Ein Wort.

Nur ein Wort.

Zwei Buchstaben.

Die einfachste Mechanik, die es gibt.

Luft nach oben, Stimmbänder zusammen, Zunge nach unten.

Jedes Kind kann das. Also.

Ja.

Das war eine Stimme.

Meine Stimme.

Brüchig

wie ein Uhrwerk, das man nach Jahren wieder aufzieht.

Das erste Ticken.

Unsicher,

schief,

aber da.

Margot

So,

genug für heute.

Der Vorhang fällt.

Morgen wieder, wenn er möchte. Und wenn nicht, dann auch. Dann stelle ich mich trotzdem ans Fenster.

So ist das mit dem Spielen. Man hört nicht auf, nur weil das Haus nicht voll ist.

Helmut

Das Klicken eines Wasserkochers

von der anderen Seite.

Die Standuhr tickt weiter.

Drei Hundertstel zu spät,

aber verlässlich,

wie sie.

Margot

Morgen um vier.