Abschrift · Drama

Für die, die ich sein werde

Cora archiviert Gerüche, Farben und Berührungen für ein zukünftiges Ich. Aus einem nüchternen Experiment wird ein zärtlicher Versuch, die Welt festzuhalten.

Cora

Aufnahme eins.

13. März 2023.

Mein Name ist Cora Brand. Biologin, Fachbereich Molekulare Ökologie, Eberhard Karls Universität Tübingen.

Was ich hier beginne, ist ein Experiment,

ein sensorisches Archiv.

Die Idee ist einfach: Ich beschreibe Sinneseindrücke. Systematisch.

Gerüche, Geschmäcker, Berührungen, Licht.

Alles, was sich nicht fotografieren lässt, was keine Kamera einfängt und kein Lehrbuch bewahrt. Die Dinge, die zwischen den Messungen liegen. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Eiche, 19. Jahrhundert. Viel zu groß für dieses Zimmer.

Vor mir drei Glasgefäße mit Bodenproben aus dem Schönbuch. An der Wand die Phalaenopsis. Sie blüht seit drei Wochen. Weiß mit einem Hauch von Rosa in der Lippe.

Es riecht nach feuchter Erde und nach dem Kaffee, der neben mir steht.

Aus dem Fenster sehe ich die Platane vor dem Haus. Ihre Rinde blättert ab in Stücken von weiß, grün und hellem Braun. Dahinter die Dächer der Altstadt.

Und wenn ich den Kopf drehe, ganz am Rand der Neckar.

Heute hat das Wasser die Farbe von Zinn. Erster Eintrag:

Kaffee.

Arabica, frisch gemahlen, handgefiltert. Zweiundneunzig Grad.

Bei dieser Temperatur lösen sich die flüchtigen Verbindungen optimal aus dem Zellgewebe.

Über achthundert Aromastoffe. Aber das beschreibt nicht, wie Kaffee riecht. Nicht wirklich.

Kaffee riecht nach sechs Uhr morgens.

Nach einer Stille, die gerade erst aufgestanden ist.

Nach dem ersten Gedanken des Tages, der noch keinem gehört.

Das ist unwissenschaftlich, ich weiß.

Aber vielleicht ist es genauer.

Interessant. Ich wollte den Geruch katalogisieren und habe stattdessen eine Erinnerung beschrieben. Vielleicht lässt sich das eine nicht vom anderen trennen. Vielleicht ist jeder Geruch eine Tür und dahinter steht jemand, den man kannte. Ende der ersten Aufnahme. Ich mache morgen weiter. Systematischer.

Vielleicht.

Aufnahme zwei,

2. April.

Heute Regen und Donner.

Was wir riechen, wenn es regnet, heißt Petrichor.

Griechisch:

Petra, der Stein und Ichor, das Blut der Götter.

Götterblut auf Stein.

Das ist kein schlechter Name für einen Geruch. Verantwortlich ist ein Molekül namens Geosmin, produziert von Streptomyces-Bakterien im Boden.

Wenn Regentropfen auf trockene Erde treffen, schleudern sie Aerosole in die Luft.

Winzige Partikel und der menschliche Geruchssinn kann Geosmin in Konzentration von fünf Teilen pro Billion wahrnehmen.

Fünf Teile pro Billion.

Das bedeutet, unsere Nase ist empfindlicher für den Geruch von Regen als jedes Messgerät in meinem Labor. Wir sind dafür gebaut, Regen zu riechen. Evolutionär optimiert.

Und trotzdem beschreibt das nicht, wie Regen riecht.

Als Kind bin ich bei Gewitter auf den Balkon gelaufen.

Meine Mutter hat geschimpft. Aber dieser Geruch:

frisch und alt zugleich, wie eine Tür, die aufgeht, wie der erste Atemzug nach langem Tauchen.

Regen klingt anders auf Zinnen als auf Glas,

auf Blättern anders als auf Steinen, auf einem Regenschirm anders als auf einer Kapuze. Auf nackter Haut klingt Regen gar nicht. Da fühlt er sich an wie tausend winzige Fragen. Riech mal! Ich rede mit einem Diktiergerät,

aber das Fenster steht offen und es riecht tatsächlich.

April in Tübingen. Die Platane dampft.

Ich habe vorhin gesagt, Regen riecht wie eine Tür, die aufgeht.

Das ist unwissenschaftlich, aber ich lasse es stehen.

Manche Dinge sind genauer, wenn man sie schief beschreibt.

Ende der zweiten Aufnahme.

Es regnet immer noch. Ich lasse das Fenster offen.

Dritte Aufnahme, 19. Mai.

Heute frisches Brot.

Die Kruste.

Wenn man frisches Brot bricht, gibt es dieses Geräusch,

dieses leise Knacken und dann kommt der Dampf.

Heiß und feucht und süßlich.

Hefe, die gearbeitet hat. Stärke, die sich verwandelt hat. Mehl hat einen Geruch, den die meisten Menschen nicht bemerken.

Trocken und pudrig und ein bisschen wie Kreide,

aber gemischt mit Wasser und Hefe. Nach Stunden im Ofen wird daraus etwas völlig anderes.

Etwas Warmes.

Den Teig anfassen

vor dem Backen, wenn er aufgegangen ist. Er ist weich und lebendig und ein bisschen klebrig. Und wenn man ihn eindrückt, kommt er langsam zurück. Wie Haut. Fast wie Haut.

Meine Mutter hat sonntags gebacken. Weißbrot mit Kümmel. Die ganze Wohnung hat danach gerochen. Schon morgens um sechs, bevor jemand wach war. Ich bin aufgewacht und wusste, welcher Tag es ist. Nur am Geruch.

Butter auf warmem Brot.

Das Stück Butter, das man auf die frische Scheibe legt und das sofort nachgibt, weich wird, sich in die Poren zieht.

Man muss schnell sein. Zu früh ist die Butter hart, zu spät ist das Brot kalt.

Es gibt ein Fenster von vielleicht dreißig Sekunden

und der Geschmack

salzig und mild zugleich. Die Kruste knackt zwischen den Zähnen und dann die Weiche darunter, die sich auf der Zunge auflöst. Man schmeckt die Zeit darin, die Stunden, die der Teig gegangen ist.

Mir fällt auf, dass diese Aufnahmen persönlicher werden, als ich geplant hatte.

Ich wollte ein Archiv anlegen, nicht Tagebuch schreiben.

Aber vielleicht geht das eine nicht ohne das andere. Vielleicht gibt es keinen Geruch ohne Erinnerung,

keinen Geschmack ohne jemanden, der ihn geteilt hat.

Vierte Aufnahme, 8. Juni.

Auf meinem Schreibtisch steht ein Glas Wasser

und die Sonne fällt gerade so hindurch, dass auf der Tischplatte ein kleiner Regenbogen liegt.

Kaum größer als eine Briefmarke.

Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau.

Die Spektralfarben, aufgefächert durch ein gewöhnliches Wasserglas.

Das ist Brechung. Refraktion. Das Licht ändert seine Geschwindigkeit im dichteren Medium und wird in seine Bestandteile zerlegt.

Ich weiß das. Ich habe das hundertmal erklärt.

Aber gerade jetzt, in diesem Moment, sieht es aus wie ein Geschenk, das jemand auf meinen Tisch gelegt hat und die Staubkörner in der Luft. Wenn die Sonne flach hereinkommt, sieht man sie tanzen. Hunderte kleine goldene Punkte, die ohne Wind ihre Richtung ändern.

Brownsche Molekularbewegung, sichtbar gemacht durch Licht und Staub.

Und es ist schön.

Es ist einfach schön.

Licht auf Haut.

Die Art, wie Sonnenlicht auf einen Unterarm fällt und man die feinen Härchen sieht, jedes einzelne vergoldet.

Und die Wärme,

nicht die Wärme einer Heizung, nicht die Wärme von Kleidung. Sonnenwärme hat ein Gewicht.

Sie legt sich auf die Haut wie eine offene Hand.

Warum habe ich das nie festgehalten?

Dreiundfünfzig Jahre und ich habe nie beschrieben, wie Licht durch Wasser fällt.

Es gibt Dinge, die so alltäglich sind, dass man vergisst, sie zu bemerken.

Ich will sie nicht vergessen.

Ich habe gerade gesagt, ich will sie nicht vergessen.

Ich meine, ich will, dass sie nicht vergessen werden.

Von niemandem.

Das meinte ich.

Ende Aufnahme vier.

Der Regenbogen auf der Tischplatte ist gewandert. Er liegt jetzt auf meiner Hand.

Fünfte Aufnahme, 20. Juli.

Heute wird es schwieriger.

Heute: Berührung. Eine Hand auf der Wange. Die Temperatur eines anderen Menschen.

Sechsunddreißig Komma sechs Grad im Durchschnitt. Aber das ist nur die Kerntemperatur. Die Haut an den Fingerspitzen ist kühler. Zwei, drei Grad weniger.

Man spürt das. Wenn jemand einem die Hand auf die Wange legt, spürt man zuerst die Kühle und dann langsam die Wärme darunter.

Haut auf Haut.

Die Fingerkuppen, dort wo die Papillarlinien am engsten liegen, dort sitzen die meisten Rezeptoren. Deshalb berühren wir mit den Fingerspitzen, was uns wichtig ist:

Gesichter, Blütenblätter,

die Wange eines schlafenden Kindes,

den Rücken eines Menschen, der weint. Es gibt eine Berührung, die man nicht beschreiben kann.

Wenn jemand einem die Hand auf den Rücken legt, wortlos und man weiß, dass dieser Mensch da ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Nur da.

Barfuß auf Holzdielen am Morgen.

Der Boden ist kühl, das Holz glatt und man fühlt die Maserung unter den Fußsohlen.

Jede Diele ist ein bisschen anders.

Manche knarren.

Die dritte vor dem Fenster knarrt immer. Ich spüre sie, bevor ich sie höre.

Ich merke, dass ich.

Wenn du das hier hörst,

wer auch immer du bist,

leg dir die Hand auf die Wange. Jetzt, während du zuhörst, spür die Kühle deiner Fingerspitzen

und dann die Wärme.

Wenn es regnet und man streckt die Hand aus dem Fenster,

dann fühlt sich der Regen an wie etwas, das einen meint.

Jeder Tropfen einzeln.

Ich glaube, ich hatte schon einmal über Regen gesprochen.

Aber Regen gehört zu allem. Der kommt immer wieder.

Merk dir das.

Wie sich Wärme anfühlt, wie sich Kühle anfühlt Merk dir, wie es ist, wenn jemand da ist.

Ende der fünften Aufnahme.

Es ist dreiunddreißig Grad draußen. Die Zikaden singen.

Ist singen das richtige Wort?

Sie reiben ihre Flügel aneinander,

aber es klingt wie singen.

Also singen sie.

Aufnahme sechs.

Ja, sechs.

14. September. Sand zwischen den Zehen. Wenn man barfuß am Strand geht, dort, wo der Sand nass ist, dann gibt er ein kleines bisschen nach unter jedem Schritt.

Man sinkt ein, vielleicht einen halben Zentimeter und der Sand schließt sich um die Zehen wie eine Faust, die sich langsam öffnet.

Trockener Sand fühlt sich anders an:

körnig, rieselnd, warm von der Sonne.

Er rinnt durch die Finger wie etwas, das man nicht festhalten kann, egal wie fest man die Hand schließt.

Immer bleibt etwas zwischen den Linien der Handfläche in den kleinen Furchen.

Sand vergisst nicht, wo er war.

Die Luft am Meer:

salzig. Man schmeckt sie auf den Lippen, bevor man den ersten Atemzug nimmt.

Und der Wind, der vom Wasser kommt, anders als jeder andere Wind.

Feucht und kühl und voller Bewegung, voller irgendwohin. Und das Licht.

Am Meer ist das Licht.

Es fällt auf das Wasser und zerbricht in tausend Stücke

und jedes Stück bewegt sich.

Ich hatte schon einmal über Licht gesprochen, glaube ich.

Über, über ein Glas Wasser auf meinem Schreibtisch.

Oder war das.

Hatte ich das?

Ja, ich glaube, ich hatte über Licht im Glas gesprochen.

Aber das hier ist anders.

Am Meer ist das Licht keine Briefmarke auf einem Tisch.

Am Meer ist das Licht überall. Es kommt von oben und von unten und von den Seiten, weil das Wasser es zurückwirft.

Man steht mitten darin.

Man ist darin.

Wenn du jemals an einem Strand stehst und das Wasser deine Füße erreicht, dann steh still.

Einfach still

und spür, wie der Sand unter deinen Sohlen weggespült wird.

Es fühlt sich an, als würde die Erde sich bewegen. Nicht du, die Erde.

Sie atmet.

Das musst du dir merken.

Wie Sand sich anfühlt, wie Salz schmeckt,

wie das Licht am Wasser in tausend Stücke bricht.

Ende.

Der Herbst kommt.

Die Platane vor dem Fenster wird gelb. Gelb ist eine schöne Farbe.

Darüber müsste ich auch mal sprechen. Über Farben.

Oktober.

Ich-- Welche Nummer ist das?

Es steht irgendwo. Bestimmt, aber egal. Oktober. Das reicht. Ich will heute über Farben sprechen.

Rot.

Rot ist die Farbe von Blut unter der Haut, von der Innenseite der Augenlider, wenn man in die Sonne schaut.

Rot ist warm. Die einzige Farbe, die eine Temperatur hat.

Die Blätter vor meinem Fenster.

Manche sind rot. So rot, dass es fast wehtut, sie anzusehen.

Ahorn. Wie heißt der?

Der rote.

Das Wort ist weg. Es war gerade noch da.

Es passiert immer öfter.

Wörter, die ich kenne, die ich seit Jahrzehnten kenne.

Sie sind da und dann sind sie weg und an ihrer Stelle ist nur noch

ein Umriss.

Die Form einer Lehrstelle.

Aber der Baum ist trotzdem rot,

auch ohne das Wort. Der Baum braucht seinen Namen nicht, um schön zu sein. Vielleicht ist er sogar schöner ohne. Vielleicht sehe ich ihn zum ersten Mal wirklich, weil ich nicht mehr sagen kann, was er ist.

Nur noch, wie er aussieht. Blau.

Blau ist leichter zu beschreiben.

Blau ist der Himmel an einem Tag im,

im Sommer, wenn kein,

kein Weiß darin ist.

Wolken.

Wenn keine Wolken da sind.

Wolken. Ja,

das Wort ist noch da.

Ich vergesse Wörter. Ich weiß das jetzt.

Ich weiß, was das bedeutet.

Ich bin Biologin. Ich weiß genau, was in meinem Kopf passiert, welche Proteine sich falsch falten, welche Synapsen aufhören zu feuern.

Ich kenne den Mechanismus,

aber das macht es nicht leichter.

Aber

was ich nicht vergesse, sind die Dinge hinter den Wörtern.

Den Baum, dessen Namen ich nicht mehr weiß, sehe ich klarer als je zuvor.

Die Farben werden lauter, als ob sie schreien, weil die Wörter leiser werden. Es regnet jetzt.

Ich hatte über Regen gesprochen, damals in einer der ersten Aufnahmen.

Über Götterblut auf Steinen. Ich erinnere mich daran.

Ich erinnere mich an das Wort.

Manche Dinge bleiben.

Blau ist auch die Farbe von Adern unter dünner Haut,

am Handgelenk, am Hals. Leben, das sich zeigt.

Blau und rot, direkt unter der Oberfläche.

Wir tragen alle Farben in uns. Jeden Tag, ohne es zu wissen. Ich mache weiter. Ich mache weiter, solange ich kann. Jede Aufnahme ist ein Stein, den ich auf einen Weg lege für die, die nach mir kommt, die nach mir geht,

auf diesem Weg.

Für dich.

Ich sage heute nicht, welcher Tag es ist, weil ich nicht sicher bin.

November, das weiß ich.

Es regnet seit Tagen. Es riecht nach nassem Stein und nach den letzten Blättern, die noch an der Platane hängen.

Ich will dir sagen, was wichtig ist.

Ich habe Angst, dass ich nicht alles schaffe,

dass ich etwas vergesse, das du wissen musst.

Also höre zu, bitte.

Morgens.

Das Licht am Morgen, wenn es gerade erst hell wird, ist nicht weiß und nicht gelb.

Es hat die Farbe von,

von Versprechen.

Ich weiß, das ist kein richtiges Wort dafür,

aber du wirst es erkennen, wenn du es siehst.

Geh ans Fenster, früh

und schau.

Hände.

Deine Hände.

Ich weiß nicht, ob du noch wissen wirst, was Hände alles können.

Sie können halten und loslassen,

streicheln und zupacken,

schreiben und die Erde aufgraben und jemandem die Haare aus dem Gesicht streichen. Leg deine Hände auf etwas Lebendiges, eine Pflanze, eine Wange,

irgendwas, das warm ist. Ich habe so viele Pflanzen.

Dreiundzwanzig. In diesem Zimmer: dreiundzwanzig.

Die Phalaenopsis blüht nicht mehr. Es ist November, aber sie ist trotzdem da. Sie wartet.

Gieße sie mittwochs. Nur ein kleines Glas. Sie mag nicht zu viel Regen. Habe ich schon mal über Regen gesprochen?

Bestimmt.

Aber ich sage es noch mal, weil es wichtig ist.

Weil es vielleicht das Wichtigste ist.

Regen riecht.

Die meisten Menschen wissen nicht, dass Regen einen Geruch hat.

Es gibt ein Molekül dafür. Es heißt,

es heißt.

Das Wort ist weg,

aber der Geruch ist da. Er ist da, direkt jetzt vor meinem Fenster.

Und er riecht nach etwas, das noch kein Wort hat und trotzdem wahr ist. Regen riecht nach Anfang. Merk dir das.

Auf der Rückseite dieses Geräts klebt ein Aufkleber:

"Für die, die ich sein werde.

Das bist du.

Ich weiß nicht, wer du sein wirst. Ich weiß nicht, was du noch weißt und was nicht.

Aber ich weiß, dass du die Welt spüren kannst.

Auch wenn du die Wörter dafür nicht mehr hast,

weil die Welt keine Wörter braucht. Sie braucht nur jemanden, der die Augen aufmacht, der die Hand ausstreckt,

der atmet.

Ich habe eine Nachbarin,

Farah.

Falls du das hier nicht allein hörst, falls jemand dir das vorliest, dann vertrau dieser Stimme.

Sie ist jung und sie hört genau zu.

Genauer als die meisten.

Und jetzt leg die Hand auf die Fensterscheibe.

Spürst du die Kälte?

Spürst du den Regen auf der anderen Seite?

Der riecht nach Anfang.

Farah

Hier ist,

hier ist Farah,

deine Nachbarin

aus dem zweiten Stock,

die mit den Tonscherben und dem zu lauten Radio.

Du hast mir das hier gegeben, Cora.

Dieses Diktiergerät

mit einer Notiz

auf einem gelben Zettel in deiner Handschrift:

"Erzähl mir, wer ich war.

Ich habe alle Aufnahmen gehört,

jede einzelne.

Vom 13. März bis November.

Du hast nie gesagt, was mit dir passiert. Kein einziges Mal. Aber ich habe es gehört, Cora.

An den Lücken,

an den Wörtern, die dir gefehlt haben.

Ich habe gehört, wie deine Stimme sich verändert hat.

Aufnahme für Aufnahme, wie der Herbst in die Blätter kriecht, langsam und dann auf einmal überall. Du hast mich gebeten, dir zu erzählen, wer du warst.

Also höre zu, Cora, bitte.

Höre genau zu.

Du warst eine Frau, die die Welt so genau angesehen hat, dass sie das Schöne darin gesehen hat.

In einem Glas Wasser,

in einem Stück Brot,

im Regen.

Du warst eine Frau, die den Regen gemocht hat. Kaffee riecht nach 6 Uhr morgens.

Nach einer Stille, die gerade erst aufgestanden ist.

Nach dem ersten Gedanken des Tages, der noch keinem gehört.

Cora

Das ist schön.

Das mit der Stille, die aufsteht.

Das ist ein schönes Bild.

Farah

Butter auf warmem Brot.

Das Stück Butter, das man auf die frische Scheibe legt und das sofort nachgibt.

Man muss schnell sein. Es gibt ein Fenster von vielleicht dreißig Sekunden.

Cora

Dreißig Sekunden.

Das stimmt.

Woher weiß ich, dass das stimmt?

Farah

Wenn jemand einem die Hand auf den Rücken legt, wortlos

und man weiß, dass dieser Mensch da ist.

Nicht mehr und nicht weniger.

Nur da.

Cora

Das klingt, als hätte jemand sehr genau hingehört.

Auf die Welt,

auf alles, was die meisten übersehen.

Wer hat das geschrieben?

Farah

Jemand, der die Welt sehr geliebt hat.

Cora

Kenne ich diese Person?

Farah

Ja,

sehr gut sogar.

Cora

Ich glaube, ich würde sie gerne kennenlernen. Sie muss eine besondere Frau gewesen sein.

Farah

Das ist sie.

Warte,

da ist noch etwas auf dem Band. Hör zu:

Cora

Regen riecht nach Anfang. Merk dir das.

Riecht Regen?

Farah

Ja.

Cora

Wonach?

Farah

Nach Anfang.

Cora

Anfang.

Das ist ein schönes Wort.