Abschrift · Drama

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Markus bereitet sich auf einen Termin vor, als hinge sein ganzer Tag an einer einzigen Rechnung. Doch gerade die Kraft, die er sammelt, könnte gegen ihn sprechen.

Erzähler

Nachklang.

Sechs Uhr dreißig.

Der Wecker zerrt Markus Brenner aus einem Schlaf,

der keiner war. Eher ein Liegen mit geschlossenen Augen.

Die Luft in der Zweizimmerwohnung schmeckt nach abgestandenem Kaffee und der Nacht, die nicht enden wollte.

Dritter Stock, Dortmunder Altbau, die Rollos halb heruntergelassen.

Markus

Fünfunddreißig Prozent,

vielleicht.

Erzähler

Auf dem Nachttisch zwischen Tablettenpackungen und einem Pulsoximeter liegt ein liniertes Notizbuch.

Jede Seite eine Buchführung des Mangels.

Anschriftlich.

Jeden Tag.

Markus

Fünfunddreißig Prozent Tageskapazität.

Duschen:

zwölf.

Anziehen:

fünf.

Frühstück: acht.

Bleiben zehn Prozent Reserve für den Gutachter vierzehn Uhr.

Zehn Prozent.

Für den Mann, der entscheidet, ob ich eine Rente bekomme oder nicht.

Mein Energiekonto war mal achthundert Seiten Abiturklausuren am Wochenende.

Heute reicht es für eine warme Dusche und ein Gespräch.

Nicht beides richtig.

Erzähler

Er schwingt die Beine über die Bettkante.

Kaltes Linoleum unter nackten Füßen.

Allein das kostet etwas.

Alles kostet etwas in Markus Brenners Ökonomie.

Markus

Duschen

oder aufräumen.

Beides zusammen geht nicht.

Der Gutachter soll sehen, dass ich krank bin, aber er soll mich nicht für verwahrlost halten.

Das Paradox fängt schon vor dem Termin an.

Duschen.

Ein gepflegter Kranker ist glaubwürdiger als ein ungepflegter. Das habe ich in einem Forum gelesen.

Von jemandem, dessen Antrag trotzdem abgelehnt wurde.

Erzähler

Acht Minuten,

nicht eine Sekunde länger.

Er hat gelernt, die Zeit unter der Dusche zu rationieren, wie ein Soldat das Trinkwasser.

Markus

So,

zwölf Prozent

weg.

Hinlegen.

Sofort hinlegen.

Erzähler

Er liegt auf dem Rücken.

Die nassen Haare drücken kalt ins Kissen.

Sein Puls hämmert in den Schläfen, als hätte er einen Sprint hinter sich.

Er hat geduscht.

Acht Minuten.

Markus

Puls einhundertsechs im Liegen.

Früher hatte ich den nach zehn Kilometern joggen.

Erzähler

Neun Uhr.

Markus hat sich angezogen. Jeans, T-Shirt, der tägliche Kampf mit den Socken.

Fünf Prozent.

Ein Toast mit Butter im Stehen gegessen, weil der Weg zum Küchenstuhl und wieder hoch mehr kostet als das Kauen.

Markus

Fünfzehn Prozent.

Der Wasserhahn tropft seit vier Monaten.

Ich schaffe es nicht, den Klempner anzurufen. Nicht, weil ich nicht telefonieren kann, sondern weil danach nichts mehr geht.

Das ist der Unterschied, den niemand versteht.

Mama.

Hallo Mama.

Renate

Schätzchen, ich bin's. Ich wollte nur schnell hören, wie es dir geht. Hast du was gegessen heute Morgen? Du musst was essen. Die Frau Kramer von nebenan, du weißt doch, die mit dem Dackel. Also deren Sohn hatte auch so eine Erschöpfung und der hat dann eine Kur gemacht an der Nordsee und danach ging es dem blendend.

Markus

Mama,

Frau Kramers Sohn hatte einen Burnout. Das ist nicht dasselbe.

Renate

Ja, aber Erschöpfung ist doch Erschöpfung, oder? Und der Doktor im Fernsehen, dieser Professor, wie hieß der noch? Der hat gesagt:"Bewegung an frischer Luft hilft bei allen Erschöpfungszuständen. Fünfzehn Minuten am Tag, Schätzchen. Nur fünfzehn Minuten. Du musst mal raus.

Markus

Mama,

wenn ich fünfzehn Minuten spazieren gehe, liege ich danach zwei Tage flach. Nicht müde, flach, wie nach einer Grippe mit vierzig Fieber.

Das nennt sich Post-Exertional Malaise und es ist genau das Gegenteil von dem, was dein Fernsehprofessor empfiehlt.

Renate

Aber du kannst doch nicht einfach den ganzen Tag in der Wohnung liegen. Das ist doch kein Leben. Und heute kommt doch der Gutachter. Hast du aufgeräumt? Zieh dir was Ordentliches an, ja? Erster Eindruck ist wichtig.

Markus

Mama,

ich habe geduscht.

Das hat zwölf Prozent meiner Tagesenergie gekostet. Aufräumen wäre noch mal zehn gewesen. Beides zusammen ging nicht. Ich musste mich entscheiden.

Renate

Prozent? Markus, du redest schon wieder in diesen Prozenten. Das versteht doch kein Mensch. Sag doch einfach, du bist müde.

Markus

Ich bin nicht müde, Mama.

Müde ist, wenn man eine Nacht schlecht geschlafen hat und am nächsten Tag gähnt.

Was ich habe, ist, als würde jemand den Stecker ziehen, mitten am Tag, ohne Vorwarnung. Und kein Schlaf der Welt steckt ihn wieder rein.

Renate

Ich will dir doch nur helfen.

Ich habe da was gelesen über einen-- also es gibt da eine Praxis, die-- ach, ist ja egal. Ich will doch nur, dass es dir besser geht, Schätzchen.

Markus

Ich weiß, Mama, ich weiß.

Ich muss jetzt Schluss machen. Ich muss mich hinlegen vor dem Termin.

Renate

Ja, natürlich. Leg dich hin. Ruf mich an nachher, ja? Egal wie spät, ich bin da. Ich bin immer da, Schätzchen.

Markus

Acht Prozent.

Ein Telefonat mit meiner Mutter.

Acht Prozent.

Und sie hat recht:

Es ist kein Leben.

Erzähler

Die Stunden bis vierzehn Uhr dehnen sich.

Markus liegt im Halbdunkel, die Luft stickig und schwer.

Auf dem Küchentisch wartet ein Stapel ungeöffneter Post: Krankenkasse, Rentenversicherung, Versorgungsamt. Jeder Brief eine Aufgabe, die er sich nicht leisten kann.

Markus

Letzte Woche hätte ich fast den Rentenantrag zurückgezogen.

Zwei Jahre Verfahren, sechs Ärzte.

Drei davon haben gesagt, organisch sei alles in Ordnung.

Und irgendwann fängt man an, denen zu glauben.

Vielleicht bilde ich mir das wirklich ein. Vielleicht bin ich einfach nur schwach.

Nein.

Puls einhundertsechs. Im Liegen.

Nach acht Minuten duschen.

Das bildet man sich nicht ein. Das ist Physik, keine Psychologie.

Die Nachbarn. Mittagessen. Geschirr, Gespräche. Jemand lacht über irgendwas im Fernsehen.

Drei Meter Wand

und ein ganzes Universum dazwischen.

Dreizehn Uhr.

Noch eine Stunde.

Was soll ich dem Gutachter erzählen?

Die Wahrheit ist ein liniertes Notizbuch, in dem ein erwachsener Mann Prozentzahlen neben Tätigkeiten schreibt, die andere Menschen nicht einmal bemerken.

Und dann das Paradox:

Wenn ich mich zusammenreiße, aufrecht sitze, klar spreche, dem Mann in die Augen schaue,

dann bin ich nicht krank genug.

Und wenn ich es nicht tue, bin ich unkooperativ

oder depressiv.

Es gibt keinen richtigen Weg durch dieses Gespräch.

Erzähler

Vierzehn Uhr.

Markus sitzt auf der Sofakante.

Er trägt ein sauberes Hemd, das noch nach Waschmittel riecht.

Die Medikamentenschachteln auf dem Nachttisch hat er stehen lassen, als Beweis.

Das Notizbuch liegt griffbereit.

Sieben Prozent hat er noch.

Markus

Showtime.

Dr. Weidner

Guten Tag, Herr Brenner? Dr. Weidner, medizinischer Gutachter, Deutsche Rentenversicherung Westfalen. Darf ich reinkommen?

Markus

Ja, bitte. Kommen Sie rein.

Dr. Weidner

So, dann machen wir's uns bequem. Ich habe hier Ihre Unterlagen. Das Gespräch dauert ungefähr eine Stunde, wenn es Ihnen recht ist.

Markus

Ja, natürlich.

Dr. Weidner

Gut, also: Sie haben einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt. Diagnose: Myalgische Enzephalomyelitis Schrägstrich Chronisches Fatigue-Syndrom. Seit wann bestehen die Beschwerden?

Markus

Seit Oktober 2022,

nach einem Virusinfekt.

Am Anfang dachte ich, es geht vorbei.

Ging es nicht.

Dr. Weidner

Und wie würden Sie Ihren aktuellen Gesundheitszustand im Alltag beschreiben?

Markus

Ich habe eine begrenzte Menge Energie pro Tag. Sehr begrenzt. Wenn ich die aufbrauche, geht gar nichts mehr.

Ich kann mich nicht bewegen, nicht denken, manchmal nicht sprechen.

Deshalb teile ich mir alles ein.

Jede Handlung.

Ich führe sogar ein Notizbuch mit Prozentwerten.

Dr. Weidner

Ja, also Erschöpfung im Wesentlichen. Und schlafen Sie gut?

Markus

Es ist keine Erschöpfung, Herr Dr. Weidner. Nicht im alltäglichen Sinne. Und nein, der Schlaf ist nicht erholsam. Ich schlafe zehn Stunden und wache auf, als hätte ich gar nicht geschlafen.

Dr. Weidner

Haben Sie Schmerzen? Wenn ja, wo?

Markus

Ja, überall. Wechselnd. Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen. Dazu Schwindel, Herzrasen, Konzentrationsprobleme Manche Tage schlimmer, manche weniger.

Dr. Weidner

Und was nehmen Sie an Medikamenten?

Markus

Gegen die Krankheit selbst gibt es keine zugelassenen Medikamente.

Ich nehme was gegen die Schmerzen und was zum Schlafen. Symptommanagement. Keine Therapie.

Dr. Weidner

Herr Brenner, ich sehe in den Unterlagen, Sie waren bei mehreren Fachärzten. Die somatische Diagnostik war weitgehend unauffällig. Haben Sie schon mal eine psychotherapeutische Behandlung in Betracht gezogen?

Markus

Es ist keine psychische Erkrankung, Herr Doktor.

ME/CFS ist eine neuroimmunologische Multisystemerkrankung.

Die WHO klassifiziert sie unter G93. 3. Neurologisch, nicht psychiatrisch.

Dr. Weidner

Das mag sein, aber wenn die somatische Diagnostik keinen eindeutigen Befund ergibt, wäre eine psychosomatische Komponente zumindest in Erwägung zu ziehen.

Das ist ja kein Vorwurf, Herr Brenner.

Markus

Es gibt keinen spezifischen Bluttest für ME/CFS.

Das heißt nicht, dass die Krankheit nicht existiert.

Es heißt nur, dass Ihre Formulare keine Kategorie dafür haben.

Dr. Weidner

Ich verstehe, dass das frustrierend ist. Erzählen Sie mir doch mal, wie ein typischer Tag bei Ihnen aussieht. Ganz konkret.

Markus

Ich wache auf.

Meistens zwischen sechs und sieben.

Dann liege ich erst mal, manchmal eine Stunde, bevor ich aufstehen kann.

Dann entscheide ich, welche Aufgabe heute die eine ist, die ich schaffe. Eine. Nicht drei, nicht zwei. Eine.

Dr. Weidner

Und Sie waren vorher Gymnasiallehrer? Deutsch und Geschichte? Vierzehn Jahre lang.

Markus

Ja.

Dr. Weidner

Und das können Sie sich gar nicht mehr vorstellen? Vor einer Klasse stehen, unterrichten?

Markus

Herr Dr. Weidner,

ich habe dreißig Kinder unterrichtet. Jeden Tag. Fünf Stunden vor der Klasse, danach Konferenzen, Elternabende, abends Klassenarbeiten korrigiert bis Mitternacht. Am Wochenende Wanderungen mit der Geschichts-AG. Zwanzig Kilometer durch den Teutoburger Wald mit einem Rucksack voller Bücher.

Und heute?

Heute habe ich eine Stunde flach gelegen, weil ich geduscht habe.

Acht Minuten, Herr Doktor.

Ich habe acht Minuten geduscht.

Dr. Weidner

Das,

das klingt tatsächlich sehr belastend, Herr Brenner.

Ich möchte Ihnen trotzdem empfehlen, zusätzlich eine psychotherapeutische Begleitung in Betracht zu ziehen. Das kann auch bei somatischen Erkrankungen hilfreich sein. Bei der Krankheitsverarbeitung.

Markus

Ja,

danke.

Dr. Weidner

Noch ein paar Fragen zum Alltag: Haushalt, einkaufen, kochen, putzen. Wie sieht das aus?

Markus

Einkauf online. Einmal die Woche, wenn es geht.

Meine Mutter bringt manchmal was vorbei.

Kochen ist Toast oder Tiefkühlpizza.

Putzen,

selten.

Dr. Weidner

Soziale Kontakte? Freunde? Hobbys?

Markus

Nein.

Dr. Weidner

Wie ist es mit Konzentration? Können Sie noch lesen? Fernsehen?

Markus

An guten Tagen eine halbe Stunde.

An schlechten verstehe ich die Sätze nicht mehr, die ich gerade gelesen habe.

Ich war Deutschlehrer, Herr Weidner. Ich habe Büchner und Kafka unterrichtet. Heute schaffe ich manchmal die Packungsbeilage nicht.

Dr. Weidner

Gut, Herr Brenner. Ich denke, ich habe ein ausreichendes Bild.

Ich fasse jetzt meine Einschätzung für das Protokoll zusammen, für mein Diktiergerät.

Erzähler

Dr. Weidner hebt ein kleines silbernes Aufnahmegerät an den Mund.

Dr. Weidner

Gutachterliche Stellungnahme. Aktenzeichen eins drei null Schrägstrich vierundzwanzig.

Patient erschien pünktlich zum vereinbarten Termin. Äußere Erscheinung: wach, gepflegt, Kleidung adäquat.

Kognitiv unauffällig. Konzentration und Aufmerksamkeit im Gespräch nicht erkennbar eingeschränkt. Affektlage weitgehend ausgeglichen mit situationsadäquater emotionaler Beteiligung. Gesprächsdauer: neunzig Minuten. Patient durchgehend belastbar und kooperativ.

Markus

Belastbar.

Neunzig Minuten belastbar.

Das war alles.

Verstehen Sie das?

Das war mein ganzer Tag, meine ganze Energie.

Alles, was ich hatte, steckt in diesen neunzig Minuten.

Dr. Weidner

Herr Brenner, ich, ich schreibe auf, was ich sehe. Das ist meine Aufgabe.

Markus

Ich habe tagelang gespart

für dieses Gespräch.

Ich habe gestern nichts gemacht und vorgestern nichts.

Ich habe heute auf das Aufräumen verzichtet, damit ich duschen kann, damit ich gepflegt aussehe, damit Sie mir glauben.

Und Sie schreiben „gepflegt"und „kognitiv unauffällig"und „belastbar".

Je mehr ich mich anstrenge, Ihnen zu zeigen, was mit mir los ist, desto gesünder sehe ich aus.

Das ist das Paradox. Und es gibt keinen Ausweg.

Dr. Weidner

Ich, Herr Brenner, ich sehe, dass Sie leiden. Das steht für mich nicht in Frage. Aber mein Auftrag ist, den Befund zu dokumentieren, den ich erhebe. Und ich kann nur aufschreiben, was ich sehe.

Markus

Ja,

ich weiß.

Erzähler

Dr. Weidner packt seine Unterlagen zusammen.

An der Tür dreht er sich noch einmal um.

Sein Mund öffnet sich, als wolle er etwas sagen.

Dann schließt er ihn wieder. Er nickt nur.

Markus

Null Prozent.

Erzähler

Zwanzig Uhr.

Die Wohnung liegt im Dunkeln.

Markus hat das Licht nicht eingeschaltet.

Er liegt auf dem Bett, vollständig angezogen, die Schuhe noch an den Füßen.

Das Hemd, das er für den Gutachter angezogen hat, klebt feucht an seinem Rücken.

Durch die dünne Wand dringt das Leben der Nachbarn.

Markus

Ein normaler Mittwochabend.

Für alle außer mich.

Tor! Hast du das gesehen? Den hätte ich mit links reingemacht.

Gib mir das Bier rüber

und bestell die Pizza. Ich verhungere.

Erzähler

Drei Jahre.

Andere Wohnung, anderes Sofa.

Der Geruch von Pizza und Bier. Ein Mann, der aufsteht, zum Kühlschrank geht, sich ein zweites Bier holt, ohne nachzudenken, ohne zu rechnen.

Markus

Morgen kann ich nichts.

Übermorgen wahrscheinlich auch nicht.

Und das ist keine Faulheit.

Das ist Physik.

Erzähler

In der Küche tropft der Wasserhahn.

Er zählt die Sekunden.

Markus zählt nicht mehr.