Abschrift · Mystery
Frequenzwechsel
In der letzten Nacht seiner Radiosendung ruft eine Frau an, die seit Jahren zuhört. Was wie ein Musikwunsch beginnt, wird zur Antwort auf eine lange offene Frage.
Erzähler
Nachklang.
Zwei Uhr nachts. Studio drei des Lokalsenders.
Ein Raum, der nach warmem Staub riecht und nach Elektronik.
Die schalldichten Wände schlucken jeden Laut von draußen. Was bleibt, ist das leise Knistern der Plattenspielernadeln auf Vinyl und eine Stimme.
Hannes
Und damit geht es weiter bei Frequenzwechsel, Ihr Nachtprogramm, wie immer bis in die frühen Morgenstunden. Hier ist Hannes Vogt und ich spiele Ihnen jetzt etwas Ruhiges. Für alle, die noch wach sind,
und für alle, die es nicht mehr sein wollen.
Erzähler
Hannes schiebt den Regler hoch und lehnt sich zurück.
Das rote Sendelicht über der Tür glüht gleichmäßig. Er streift die Kopfhörer ab und legt sie neben das Mischpult. Einen Moment lang schließt er die Augen.
Hannes
Letzte Sendung.
Na ja, musste ja irgendwann kommen.
Erzähler
Auf dem Mischpult zwischen zwei Kaffeeflecken liegt ein handgeschriebener Zettel. Die Tinte ist blau, die Schrift hastig.
Die Geschäftsführung hat sich nicht einmal die Mühe einer gedruckten Kündigung gemacht.
Hannes
Letzte Sendung. Danke für alles.
Danke für alles.
Vier Worte für zwanzig Jahre. Effizienter geht es nicht.
Erzähler
Durch die Glasscheibe sieht er in den Redaktionsraum.
Leere Schreibtische, dunkle Bildschirme.
Seit Stunden ist niemand mehr hier.
Das ganze Gebäude gehört ihm, dem Plattenspieler und den Geistern vergangener Sendungen.
Hannes
Zwanzig Jahre
und kein Mensch da draußen, der es merkt, wenn morgen Nacht eine Maschine statt meiner quatscht. Wahrscheinlich merkt es keiner.
Erzähler
Zwei Uhr zwölf.
Die Nadel gleitet durch die letzten Rillen der Platte. Hannes greift automatisch zum nächsten Cover. Seine Finger wissen, was sie tun. Zwanzig Jahre Muskelgedächtnis.
Hannes
Und da haben wir es. Für die Nachtschwärmer und die Schlaflosen. Für die, die nicht können und die, die nicht wollen.
Frequenzwechsel, die zweite Stunde.
Erzähler
Die Stimme sitzt perfekt. Warm, tief, mit genau der richtigen Prise Ironie. Zwanzig Jahre hat er diese Stimme geformt. Sie passt wie ein Handschuh.
Aber unter dem Handschuh ist die Hand kalt.
Hannes
Zwanzig Jahre Nachtprogramm.
Nie beworben, nie gewechselt. Einfach sitzen geblieben wie einer, der den letzten Bus verpasst hat und jetzt auf der Bank wartet, weil er nicht weiß, wohin sonst. Und das Schlimmste ist:
Ich bin erleichtert.
Diese Kündigung, diese vier lächerlichen Worte auf dem Zettel und ich spüre so etwas wie Erleichterung.
Was sagt das über mich?
Erzähler
Das Telefon auf dem Pult schweigt.
Es schweigt die meisten Nächte.
Manchmal ruft ein Betrunkener an, manchmal jemand, der sich verwählt hat,
manchmal niemand.
Heute Nacht ist die letzte Nacht und das Telefon schweigt.
Hannes
Einen Toast auf die letzte Sendung.
Kalter Kaffee und eine Platte, die keiner hören wird.
Stilvoll, Vogt. Wirklich stilvoll.
Erzähler
Das Telefon.
Es ist kurz nach zwei und plötzlich klingelt das Telefon.
Der Ton schneidet durch die Stille wie ein Messer durch Seide.
Hannes starrt das Gerät an, als hätte er vergessen, wofür es da ist.
Hannes
Frequenzwechsel. Sie sind auf Sendung.
Guten Abend. Oder besser gesagt: Guten Morgen.
Margot
Guten Abend, Herr Vogt. Entschuldigen Sie die späte Störung. Mein Name ist Margot Brenner.
Hannes
Frau Brenner, um diese Uhrzeit ist nichts eine Störung. Was kann ich für Sie tun? Einen Musikwunsch? Einen Gruß in die Nacht?
Margot
Einen Musikwunsch, ja. Ich möchte ein Lied hören
für jemanden, der nicht mehr zuhören kann.
Erzähler
Etwas in ihrem Tonfall bringt Hannes dazu, sich aufzusetzen.
Die lässige Haltung ist verschwunden. Er spürt, wie sich die Luft im Studio verdichtet.
Hannes
Natürlich.
Welches Stück soll es sein?
Margot
Das wissen Sie doch, Herr Vogt.
Erzähler
Stille.
Nur das Knistern der Telefonleitung. Das wissen Sie doch.
Vier Worte und Hannes Radiostimme hat plötzlich keinen Text mehr.
Hannes
Ich-- verzeihen Sie, Frau Brenner, aber kennen wir uns?
Margot
Sie kennen mich nicht,
aber ich kenne Sie seit achtundzwanzig Jahren.
Seit dem 14. Oktober 1997.
Hannes
'97?
Das ist fast dreißig Jahre her.
Daran erinnere ich mich nicht.
Margot
Der Anfang von allem. Darf ich Ihnen erzählen, Herr Vogt? Wir haben ja noch ein wenig Zeit.
Hannes
Bitte,
erzählen Sie.
Erzähler
Margots Stimme verändert sich.
Die sorgfältige Höflichkeit weicht etwas Weicherem, etwas Älterem. Sie spricht jetzt, wie man von einer Narbe erzählt, die längst verheilt ist, aber noch immer bei Regen zieht.
Margot
Mein Mann Walter war Lehrer wie ich. Mathematik und Physik.
Ein ruhiger Mann.
Einer, der lieber zuhörte, als redete. Am 13. Oktober '97 kam er von der Schule nach Hause und sagte, er habe Kopfschmerzen.
Um acht Uhr abends fand ich ihn auf dem Küchenboden.
Schlaganfall.
Er war vierundfünfzig,
jünger als Sie jetzt sind, Herr Vogt.
Im Krankenhaus sagten sie, man müsse abwarten. Die ersten achtundvierzig Stunden seien entscheidend.
Also wartete ich.
In diesem Zimmer, das nach Desinfektionsmittel roch und nach etwas anderem, das ich bis heute nicht benennen kann.
Die erste Nacht.
Ich konnte nicht schlafen.
Walter lag da, die Augen geschlossen und die Maschinen zählten seine Herzschläge.
Auf dem Nachttisch stand ein kleines Radio. Irgendjemand hatte es dort vergessen.
Ich drehte am Rad, durch Rauschen und Stimmen und Werbung. Und dann fand ich Ihre Sendung, Ihre Stimme, mitten in der Nacht. Es war zwei Uhr vierunddreißig. Sie sagten etwas über die Nacht, dass sie manchmal gnädiger sei als der Tag.
Und dann spielten Sie ein Stück.
Und Walter.
Walter öffnete die Augen.
Erzähler
Hannes' Hand liegt auf dem Mischpult.
Seine Finger haben aufgehört, sich zu bewegen.
Er atmet flach, als könnte jedes Geräusch die Stimme am anderen Ende der Leitung vertreiben.
Hannes
Er hat die Augen geöffnet?
Einfach so?
Margot
Zum ersten Mal seit dem Schlaganfall.
Die Ärzte hatten gesagt, es könne Tage dauern, Wochen.
Aber als die Musik anfing, schaute er mich an,
direkt an, als wäre er nur kurz eingeschlafen.
Und dann war die Musik vorbei
und er schloss die Augen wieder.
Hannes
Frau Brenner, das ist--
ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Margot
Am nächsten Tag fuhr ich in die Stadt und kaufte einen Kassettenrekorder.
Einen von diesen silbernen mit den großen Tasten.
Erzähler
Ihre Stimme wird jetzt fester.
Das hier ist kein Schmerz mehr. Es ist Routine.
Achtundzwanzig Jahre Routine, Nacht für Nacht wiederholt, bis sie zur zweiten Natur wurde.
Margot
Jeden Abend um Punkt zehn das Radio einschalten, den Rekorder daneben stellen, Aufnahme drücken. Vier Stunden Sendung.
Jeden Morgen die Kassette herausnehmen und beschriften. Datum, Uhrzeit und was Sie gespielt haben. Das konnte ich meistens heraushören. Sie haben die Titel ja immer angesagt, Herr Vogt.
Hannes
Jede,
jede einzelne Sendung?
Margot
Jede einzelne.
Eintausenddreiundsechzig Kassetten bis heute Nacht.
Erzähler
Eintausenddreiundsechzig.
Hannes wiederholt die Zahl stumm.
Seine Lippen bewegen sich, aber kein Ton kommt heraus.
Eintausenddreiundsechzig Nächte, in denen jemand die Aufnahmetaste gedrückt hat, für ihn.
Hannes
Tausend Kassetten.
Aber warum? Warum das alles?
Erzähler
Und jetzt, zum ersten Mal in diesem Gespräch, wird es still am anderen Ende der Leitung.
Margot atmet ein,
zweimal, dreimal,
als sammle sie Kraft für das, was jetzt kommt.
Hannes
Frau Brenner,
Ihr Mann Walter.
Sie erzählen das alles in der Vergangenheit.
Margot
Sie denken, er ist gestorben.
Hannes
Ja.
Margot
Walter lebt, Herr Vogt.
Erzähler
Und jetzt hört Hannes es.
In der Stille nach Margots Worten, hinter dem Knistern der Leitung, ein zweites Atmen.
Leise,
gleichmäßig,
wie ein Schlafender, der sich nicht an seinen Traum erinnern wird.
Margot
Er sitzt neben mir
in diesem Moment, hier am Küchentisch,
in seinem blauen Bademantel, den er so gern trägt.
Hannes
Er ist da?
Jetzt?
Neben Ihnen?
Margot
Walter hat--
er hat Demenz, Herr Vogt. Seit elf Jahren. Fortschreitend.
Erzähler
Hannes greift nach seiner Brille, nimmt sie ab,
drückt Daumen und Zeigefinger gegen die geschlossenen Augen.
Die Haut seiner Stirn fühlt sich kalt an unter seinen Fingern.
Margot
Er erkennt mich nicht mehr. Nicht mich,
nicht unsere Tochter, nicht das Haus, in dem wir seit vierzig Jahren leben.
Manchmal sieht er mich an und fragt, wer ich bin. Und dann sage ich ihm meinen Namen und er lächelt höflich wie zu einer Fremden.
Aber wenn ich abends die Kassetten einlege,
wenn Ihre Stimme durch den Lautsprecher kommt und die Musik anfängt,
dann wird er ruhig. Dann hört er auf zu wandern und zu suchen und zu fragen.
Dann setzt er sich hin
und hört zu
und dann ist er da.
Nicht ganz,
aber ein Stück von ihm ist da.
Hannes
Meiner,
meine Stimme?
Margot
Ihre Stimme, Herr Vogt. Ihre Musik, Ihre Art, über die Nacht zu sprechen. Das ist das Einzige, was noch zu ihm durchdringt.
Jede Nacht seit achtundzwanzig Jahren.
Erzähler
Die Worte sinken in Hannes ein wie Steine in einen See.
Langsam,
einer nach dem anderen. Achtundzwanzig Jahre,
eintausenddreiundsechzig Kassetten.
Eine Stimme, die einen Menschen erreicht, den die Welt verloren hat. Seine Stimme.
Das Studio ist ein anderer Raum geworden.
Die schalldichten Wände rücken näher. Die Luft schmeckt nach etwas Bitterem, nach kaltem Kaffee und Erkenntnis.
Der Zettel auf dem Pult, letzte Sendung, danke für alles, scheint zu einer anderen Zeit zu gehören. Einer, die noch nicht wusste.
Margot
Herr Vogt, ich rufe nicht an, um mich zu verabschieden.
Hannes
Warum dann?
Margot
Weil ab morgen Nacht die Kassetten leer bleiben.
Erzähler
Die Worte stehen im Raum wie ein Gegenstand.
Greifbar, schwer.
Hannes starrt auf das rote Sendelicht. Es leuchtet gleichmütig. Es weiß nichts von Kassetten und nichts von Walter.
Margot
Keine neuen Sendungen,
keine neue Musik.
Und irgendwann wird Walter auch die alten Aufnahmen vergessen. Und dann verliere ich ihn
ganz.
Hannes
Zwanzig Jahre.
Ich habe zwanzig Jahre lang geglaubt, es hört niemand zu.
Ich habe mich für diese Sendung geschämt, Margot. Für dieses Nachtprogramm, das keiner braucht.
Margot
Wir haben immer zugehört. Jede Nacht,
Walter und ich.
Hannes
Ich kann den Sender nicht retten, Margot. Das ist nicht in meiner Hand.
Ich kann das nicht ändern.
Margot
Das weiß ich.
Hannes
Aber ich kann,
ich kann das Stück noch einmal spielen.
Das Stück von damals.
Wenn Sie mir sagen, welches es war.
Erzähler
Etwas verändert sich in Hannes' Gesicht.
Es ist kein Lächeln.
Es ist etwas darunter. Etwas, das zwanzig Jahre lang geschlafen hat
und jetzt die Augen aufschlägt.
Hannes
Margot,
welches Stück war es? Erinnern Sie sich?
Margot
Natürlich erinnere ich mich.
Es war ein Klavierstück. Sie sagten damals dazu, es sei Musik für die Stunde, in der man aufhört zu kämpfen und anfängt zu vertrauen.
Erzähler
Hannes steht auf.
Seine Beine sind unsicher, als hätte er vergessen, wie groß er ist.
Er tritt an das Regal an der hinteren Wand, in dem Hunderte von Platten stehen, alphabetisch sortiert von seiner Hand.
Seine Finger wandern über die Rücken der Hüllen.
Hannes
Musik für die Stunde. Da.
Da ist es.
Erzähler
Seine Hände zittern.
Er hält die Platte, als trüge er etwas Lebendiges.
Vorsichtig legt er sie auf den Teller. Die schwarze Scheibe dreht sich, die Nadel schwebt über der Rille.
Hannes
Liebe Hörer,
falls noch jemand da draußen ist,
dieses Stück ist für Walter
und für Margot
und für alle, die in dieser Nacht jemanden festhalten, der ihnen entgleitet.
Erzähler
Die Musik füllt das Studio.
Sie fließt durch das Mischpult, durch die Kabel, durch den Sender, hinaus in die Nacht,
durch die Telefonleitung, in eine Küche, in der ein alter Mann im blauen Bademantel sitzt und nicht weiß, wo er ist.
Margot
Walter,
hörst du?
Hörst du die Musik?
Erzähler
Das Rascheln von Stoff.
Margot hält den Hörer an Walters Ohr.
Die Musik fließt durch die Membran und Hannes hört seinen eigenen Atem in der Leitung. Er wartet.
Die ganze Welt wartet.
Sekunden vergehen.
Fünf,
zehn.
Nur Musik und-Hannes schließt die Augen. Sein Herz schlägt gegen seine Rippen, als wollte es aus der Brust.
Und dann, ganz leise, ganz zaghaft,
ist da ein Ton.
Walter summt
zwei Takte.
Unsicher, brüchig, kaum hörbar.
Aber die Melodie ist da, erkennbar, lebendig.
Ein Mann, der seine Frau nicht mehr erkennt, erkennt die Musik.
Margot
Er summt. Hören Sie das, Herr Vogt?
Er summt mit.
Hannes
Ich höre es.
Ja,
ich höre ihn.
Erzähler
Hannes sitzt reglos vor dem Mikrofon.
Tränen laufen über sein Gesicht und tropfen auf das Mischpult zwischen Kaffeeflecken und dem handgeschriebenen Zettel.
Die Musik spielt weiter, die Platte dreht sich.
Und am anderen Ende der Leitung summt ein Mann, der vergessen hat, dass er lebt, aber sich erinnert, wie Musik klingt.
Hannes
Hier ist Frequenzwechsel
und hier ist Hannes Vogt.
Zum letzten Mal.
Frequenzwechsel geht vom Sender.
Aber die Frequenz bleibt
für alle, die jetzt zuhören.
Erzähler
Keine Einschaltquote,
keine Abschiedsrede, kein Pathos.
Nur ein Mann, ein Mikrofon und eine Platte, die sich dreht.
Hannes spielt weiter,
Lied nach Lied.
Er greift in das Regal und legt auf, ohne zu sprechen.
Die Musik füllt die Nacht wie Wasser ein leeres Gefäß.
Margot
Danke, Herr Vogt.
Für alles.
Erzähler
Die Stunden ziehen vorbei.
Drei Uhr.
Vier Uhr.
Hannes wechselt Platten und die Musik fließt weiter.
Draußen wird die Nacht dünner. Er spürt es nicht.
Er spielt einfach weiter. Für Margot, für Walter,
für alle, die er nie kennen wird. 5: 37
Uhr. Draußen kündigt sich das erste Licht an, aber hier drin riecht es nach kaltem Kaffee und Vinyl
und dem Ende einer Ära.
Hannes sitzt vor dem Mikrofon, die Augen halb geschlossen.
Die Platte dreht sich.
Das rote Sendelicht leuchtet.
Und dann, mit einem leisen Klacken,
erlischt das rote Licht.
Die Nadel läuft in der letzten Rille.
Hannes rührt sich nicht.
Irgendwo in einer Küche, zwanzig Kilometer entfernt, drückt eine Frau die Stopp-Taste eines Kassettenrekorders. Die Spule steht still,
aber auf dem Band ist alles. Jeder Ton, jedes Lied,
die ganze letzte Nacht.
Frequenzwechsel ist vom Sender,
aber die Frequenz bleibt.
In eintausenddreiundsechzig Kassetten, handbeschriftet, in einem Regal, in einer Küche, in der ein Mann sitzt, der vergessen hat, wer er war,
aber nicht, wie Musik klingt.
Sie drückt auf Play.