Abschrift · Tragikomödie

Erzähl mich nicht

Jens Berger wird erzählt, obwohl er nur in Ruhe gelassen werden will. Zwischen trockenem Kommentar und echtem Leben beginnt er, seiner Geschichte zu widersprechen.

Erzähler

Es gibt Geschichten, die erzählt werden müssen. Große Geschichten.

Geschichten von Helden und Königen, von Liebe und Verrat, von Männern, die Geschichte schreiben.

Dies ist keine davon.

Dies ist die Geschichte von Jens Berger, zweiundvierzig Jahre alt, Systemadministrator bei einem mittelständischen Unternehmen für Sanitärbedarf.

Ein-Zimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus aus den Siebzigern. Zweiter Stock links. Klingelschild schief.

Man muss nehmen, was man kriegt.

Sechs Uhr fünfzehn. Der Wecker zerreißt die Stille der Nacht und Jens Berger erwacht, wie er jeden Morgen erwacht. Langsam, widerwillig und mit dem dumpfen Gefühl, dass auch dieser Tag nichts hervorbringen wird, was das Aufstehen rechtfertigt.

Jens

Was?

Hallo? Wer redet da?

Erzähler

Seine Hand tastet nach dem Telefon. Eine Geste von tragischer Vergeblichkeit.

Wie oft hat diese Hand ins Leere gegriffen? Wie oft.

Jens

Hey, ich rede mit dir.

Wer bist du? Und warum redest du in meinem Schlafzimmer?

Erzähler

Ich bin dein Erzähler.

Jens

Mein was?

Erzähler

Dein Erzähler.

Ich erzähle dein Leben. Das ist mein Beruf.

Wobei Beruf in diesem Fall ein sehr großzügiges Wort ist.

Jens

Na toll. Vielen Dank.

Und das muss um Viertel nach sechs morgens sein?

Erzähler

Ich erzähle, wann die Geschichte beginnt

und die Geschichte

beginnt jetzt. Also

Jens Berger schält sich aus einem Bett, dessen Laken seit mindestens zwei Wochen nicht gewaschen wurden und-

Jens

Sonntag! Ich habe die Laken am Sonntag gewaschen.

Erzähler

Am Sonntag.

Jens

Am Sonntag. Sechzig Grad Buntwäsche.

Erzähler

Wie heroisch.

Korrektur: Jens Berger schält sich aus einem Bett mit frisch gewaschenen Laken.

Ein einsamer Triumph in einem ansonsten ereignislosen Dasein.

Jens

Das ist ja nicht auszuhalten.

Erzähler

Das Badezimmer.

Vier Quadratmeter geflieste Tristesse.

Jens greift zur Zahnbürste. Eine elektrische Zahnbürste, deren Bürstenkopf seit einem halben Jahr nicht gewechselt wurde und deren Borsten in alle Richtungen abstehen, wie die Hoffnungen eines Mannes, der aufgehört hat, sich Mühe zu geben.

Hey, sag mal, spinnst du?

Jens

Letzte Woche. Bitte? Ich habe den Bürstenkopf letzte Woche gewechselt. Dreierpack von DM. Vier neunundneunzig. Soll ich dir den Kassenbon zeigen?

Erzähler

Du machst es einem wirklich nicht leicht.

Oh,

Jens

tut mir leid, dass mein Leben nicht traurig genug für dich ist.

Erzähler

Jens betrachtet sich im Spiegel. Ein Gesicht, in dem die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben.

Die Augenringe eines Mannes, der zu viel arbeitet und zu wenig lebt.

Das Gesicht eines Mannes, den niemand vermisst, wenn er zu spät kommt.

Jens

Also erstens: Ich war gestern Abend zu lange wach, weil Dortmund gespielt hat. Daher die Augenringe.

Und zweitens:

Meine Tochter vermisst mich.

Erzähler

Seine Tochter.

Lina. Neun Jahre alt. Sie lebt bei ihrer Mutter.

Jens sieht sie jedes zweite Wochenende.

Ein Arrangement, das die Gesellschaft-

Jens

Pass auf, was du jetzt sagst.

Erzähler

Ein Arrangement.

Jens

Genau, ein Arrangement. Weiter.

Erzähler

Die Küche.

Ein Raum, der einst für zwei gedacht war.

Jens öffnet den Kühlschrank. Diese traurige Höhle der Einsamkeit, dieses weiße Mahnmal an das, was einmal-

Jens

Da sind Eier drin und Käse und drei Flaschen Bier und ein Glas Senf und Butter und ein halber Brokkoli.

Erzähler

Ein halber Brokkoli. Die andere Hälfte ist vermutlich vergammelt.

Jens

Nein, die habe ich gestern in die Nudeln gemacht. Penne mit Brokkoli und Knoblauch. Olivenöl, Parmesan.

War gut.

Erzähler

Du kochst?

Jens

Jeden Abend.

Ich mag kochen.

Erzähler

Du sollst nicht kochen. Du sollst Tiefkühlpizza essen und dabei aus dem Fenster starren.

Jens

Tut mir leid, dass ich dein Klischee ruiniere.

Erzähler

Jens macht sich Frühstück. Rührei mit Toast, Kaffee schwarz.

Er deckt den kleinen Tisch. Ein Teller, eine Tasse, eine Gabel.

Gegenüber steht ein Stuhl. Er ist leer. Er ist immer leer.

Jens

Der Stuhl ist zum Draufwerfen von Jacken da.

Erzähler

Natürlich. Jens isst schweigend. Das einzige Geräusch ist das Kratzen der Gabel auf dem Teller und das leise Schlagen seines Herzens, das niemand hört

und das niemand vermisst.

Jens

Ich höre Podcast.

Moment. Der Schichtspodcast. Heute über die Hanse. Ist total interessant. Die hatten dieses Handelssystem, wo--

egal, interessiert dich wahrscheinlich nicht.

Erzähler

Ich bin ein Erzähler, kein Zuhörer.

Jens kleidet sich an.

Er wählt ein Hemd, das einmal weiß war, heute aber die Farbe resignierten Graus trägt. Die Uniform des modernen Bürokriegers. Kragenweite: Kapitulation.

Jens

Es ist blau, hellblau, von C

Erzähler

und A. C und A.

Natürlich.

Jens

Bügelfrei. Hundert Prozent Baumwolle. Gute Cent.

Erzähler

Die Linie sieben. Um diese Uhrzeit voll mit Menschen, die ihre Bedeutungslosigkeit in der Masse verstecken.

Jens steht zwischen ihnen, hält sich an der Stange fest und starrt aus dem Fenster. Wie ein Mann, der aufgehört hat, nach einem Ziel zu suchen.

Jens

Ich schaue, ob es regnet, weil ich keinen Schirm dabei habe.

Morgen, Herr Petersen.

Erzähler

Du kennst den?

Jens

Klar. Fährt jeden Morgen die gleiche Strecke. Netter Typ. Rentner. Erzählt mir immer von seinem Schrebergarten.

Letzte Woche hat er mir Tomaten mitgebracht. Tomaten. Ochsenherzen. Die Großen.

Riiichtig Gute.

Erzähler

Die anonyme Masse der Großstadt,

die sich offenbar gegenseitig Tomaten schenkt.

Nicht jede Geschichte kann Anna Karenina sein.

Das Großraumbüro.

Jens betritt diesen seelenlosen Ort, dieses Labyrinth aus Trennwänden und zerstörten Träumen, wo das Licht der Neonröhren jeden letzten Rest von-

Jens

Morgen zusammen.

Sandra, ist noch Kaffee da?

Erzähler

Du magst das hier.

Jens

Ja,

nette Kollegen, guter Kaffee. Und letzte Woche haben wir den ganzen Serverraum neu verkabelt. Das war ehrlich gesagt ziemlich befriedigend.

Erzähler

Befriedigend.

Serverraum verkabeln.

Befriedigend.

Ich habe Literatur studiert.

Die Stunden vergehen. Jens sitzt vor seinem Bildschirm und repariert Drucker, die nie hätten gebaut werden dürfen, für Menschen, die nie hätten drucken sollen.

Es ist die Art von Arbeit, die auf keinem Grabstein erwähnt wird.

Jens

Moment, ich muss kurz.

So. Firewall-Update für die Buchhaltung.

Sag mal, machst du das den ganzen Tag?

Erzähler

Ich begleite dein Leben mit Sprache.

Jens

Und findest du nicht, dass du dabei ein bisschen übertreibst?

Erzähler

Ich übertreibe nicht. Ich kontextualisiere.

Jens

Du hast meine Zahnbürste als Metapher für gescheiterte Hoffnungen benutzt.

Erzähler

Das war ein Stilmittel.

Und die Borsten standen ab.

Jens

Weil es eine neue Bürste war. Die stehen am Anfang immer etwas ab.

Erzähler

Mittagspause. Zwölf Uhr dreißig.

Jens sitzt allein im Pausenraum. Die Kollegen sind beim Italiener die Ecke. Jens ist nicht mitgegangen.

Er geht nie mit.

Er sitzt hier allein vor einer Tupperdose mit den Resten von gestern Abend und tut so, als wäre das eine Entscheidung und kein Eingeständnis.

Jens

Ich bin nicht mitgegangen, weil ich die Penne aufbrauchen wollte

und weil ich in der Mittagspause gerne meine Ruhe habe.

Das ist erlaubt.

Erzähler

Und es hat nichts damit zu tun, dass du in Gruppen nicht weißt, worüber du reden sollst.

Seit Katrin weg ist.

Jens

Wie kommst du auf Katrin?

Erzähler

Ich bin dein Erzähler.

Ich kenne die ganze Geschichte.

Auch die Kapitel, die du so gerne überspringst.

Jens

Katrin und ich haben uns in guten getrennt.

Erzähler

Das sagt man so.

Jens

Weil es stimmt. Wir haben es versucht. Es hat nicht funktioniert. Und jetzt versuchen wir, gute Eltern zu sein.

Das ist kein Scheitern. Das ist,

das ist Erwachsen sein.

Erzähler

Jens legt die Gabel hin.

Sein Blick geht zum Fenster.

Draußen regnet es jetzt.

Er hat keinen Schirm dabei.

Er hat es heute Morgen noch gewusst.

Jens

Hör auf.

Erzähler

Womit?

Jens

Damit, aus allem eine Tragödie zu machen.

Es regnet. Ich werde nass. Das ist alles.

Nicht jeder Regen ist eine Metapher.

Erzähler

Manchmal schon.

Der Nachmittag.

Jens arbeitet schweigend.

Zwischen ihnen liegt das Thema Katrin wie ein Gegenstand, um den man herumgeht.

Jens

Du bist stiller geworden.

Erzähler

Ich wähle meine Worte.

Jens

Das wäre das erste Mal heute.

Erzähler

Touché.

Siebzehn Uhr. Feierabend. Jens fährt nach Hause. Die Linie sieben, dieselbe Strecke, nur in umgekehrter Richtung.

Herr Petersen ist nicht mehr da. Stattdessen Schüler, Einkaufstüten, nasse Regenschirme. Der Bus riecht nach feuchter Wolle.

Jens

Sag mal,

erzählst du nur mich oder auch andere Leute?

Erzähler

Nur dich.

Jens

Und was hast du dir vorgestellt als Erzähler, bevor du mich gekriegt hast?

Erzähler

Krieg oder Liebe?

Irgendwas mit einem Ozean.

Vielleicht ein Mann, der auf einem Schiff über den Atlantik fährt und am Horizont sein Schicksal sieht.

Stattdessen Linie sieben, Sanitärbedarf, halbe Brokkoli.

Jens

Klingt, als wärst du auch nicht da gelandet, wo du hin wolltest.

Erzähler

Nein.

Die Wohnung empfängt Jens mit Stille.

Keine Stimme ruft aus der Küche,

kein Kinderlachen aus dem Flur,

nur das Ticken der Heizung und der Regen am Fenster.

Der Stuhl in der Küche steht noch da, wo er heute Morgen stand.

Eine Jacke hängt über der Lehne.

Jens

Ich weiß, was du jetzt sagen willst.

Erzähler

Was denn?

Jens

Irgendwas mit Leere

oder Einsamkeit. Oder dass die Stille in dieser Wohnung klingt wie das Echo einer Familie, die mal hier gewohnt hat.

Hab ich auch Literatur studiert.

Erzähler

Das war ziemlich gut formuliert.

Jens

Ja,

war es.

Erzähler

Jens kocht, wie jeden Abend.

Heute Kartoffeln mit Spiegelei und Spinat. Er würfelt die Kartoffeln sorgfältiger, als es nötig wäre.

Gleichmäßige Stücke.

Er hat das von seiner Mutter.

Jens

Das stimmt sogar.

Erzähler

Ich weiß.

Jens

Du hast den ganzen Tag über mein Leben geredet.

Aber du hast nie gefragt,

ob ich es mag.

Erzähler

Magst du es?

Jens

Meistens.

Nicht immer,

aber meistens.

Donnerstags ist es am schwersten, weil Lina mich donnerstags immer angerufen hat, als sie kleiner war. Das macht sie nicht mehr.

Ist normal. Sie ist neun.

Erzähler

Heute ist Donnerstag.

Jens

Ja,

ich weiß.

Erzähler

Jens legt den Kochlöffel hin. Das Telefon vibriert auf der Arbeitsplatte.

Eine Sprachnachricht von Lina.

Mach sie an.

Fünfzehn Sekunden,

dann ist es still.

Jens

Sie übt für die Mathearbeit

und sie fragt, ob ich ihr am Wochenende bei den Brüchen helfe.

Bei den Brüchen.

Na los,

sag schon was.

Die einzige Stimme in der leeren Wohnung oder so.

Der Vater, der nur noch per Sprachnachricht existiert.

Na los, das ist doch dein Moment.

Erzähler

Nein,

die war schön.

Jens

Was?

Erzähler

Die Nachricht. Sie war schön.

Ein Mädchen, das seinen Vater um Hilfe bei Brüchen bittet.

An einem Donnerstagabend,

weil sie weiß, dass er da ist.

Ha,

und

Jens

warum machst du das jetzt nicht kaputt?

Erzähler

Weil manche Dinge nicht erzählt werden müssen.

Die sind einfach.

Jens

Weißt du was?

Ich glaube, du bist gar kein so schlechter Erzähler.

Erzähler

Und du bist kein so schlechter Protagonist.

Jens

Na ja,

kein Ozean, keine Schiffe.

Erzähler

Nein.

Kartoffeln mit Spiegelei, Regen am Fenster

und ein Mädchen, das bei Brüchen Hilfe braucht.

Es gibt Schlimmeres.

Dreiundzwanzig Uhr.

Jens liegt im Bett.

Die Laken sind frisch.

Sechzig Grad Buntwäsche.

Die Wohnung ist still.

Durch das Fenster fällt das Licht einer Straßenlaterne auf die Decke. Ein schmaler Streifen Gold auf Weiß.

Auf dem Nachttisch liegt das Telefon. Linas Nachricht ist noch geöffnet.

Jens

Du?

Erzähler

Ja?

Jens

Die Wohnung ist still.

Aber still ist nicht dasselbe wie leer.

Erzähler

Das wollte ich sagen.

Jens

Ich weiß.

Erzähler

Stille,

Regen,

das leise Summen der Heizung.

Irgendwo in dieser Stadt macht ein Mädchen namens Lina die Augen zu und denkt an Brüche und an das Wochenende.

Und irgendwo in einer Einzimmerwohnung im zweiten Stock links liegt ein Mann in frisch gewaschenen Laken und hört auf, gegen seine Geschichte zu kämpfen.

Nicht, weil sie perfekt ist,

sondern weil sie seine ist.