Abschrift · kammerspiel
Ein besorgter Hausbewohner
Nach der Beerdigung ihres Vaters findet Mara Berger in dessen Wohnung einen Ordner voller anonymer Beschwerden gegen Familie Yilmaz. Als Emine Yilmaz den Ordner erkennt, wird aus Maras privater Trauer eine Begegnung mit der Gewalt, die ihr Vater über Jahre höflich verwaltet hat.
Mara Berger
Nachklang.
Drei Kisten Küche, zwei Kisten Schlafzimmer, eine Kiste Papier.
Du hast wirklich alles aufgehoben, Papa. Sogar die Garantie für den Wasserkocher von 1998.
Alles beschriftet: Besteck, Sicherungen, Winterdecken,
sogar die Batterien in kleinen Tütchen.
Du warst schon anstrengend ordentlich, das muss man dir lassen.
Schon gut, nur das Haus.
Ich rede hier mit deinen Möbeln und das Haus antwortet.
Haus, natürlich.
Ein ganzer Ordner nur für das Haus.
Du hast vermutlich sogar die Kellerfenster nummeriert. Hausgeldabrechnung 2011,
Protokoll der Eigentümerversammlung,
Treppenhausreinigung, Mülltonnen.
Ja, das bist du.
Lärmbelästigung durch Kinder im Innenhof?
Hm,
Aktenzeichen hat er auch noch notiert.
An die Hausverwaltung ohne Absender.
Sehr geehrte Damen und Herren, seit Wochen kommt es wiederholt zu unzumutbaren Geschrei im Hof, insbesondere durch die Kinder der Familie Yilmaz.
Mit freundlichen Grüßen, ein besorgter Hausbewohner.
Kinderlärm?
Du hast dich über alles beschwert, über Tauben, über Fahrräder, über Laub im Lichtschacht.
Das war nicht schön,
aber ich dachte, es war nur dein alter Ärger.
Fremde Gerüche im Treppenhaus, häufig wechselnde Besucher,
Schuhe vor der Wohnungstür,
Kinderwagen im Fluchtweg.
Bitte um Prüfung der Wohnsituation.
Bitte um Prüfung.
Was ist das denn?
Fotos.
Kinderwagen, Schuhe,
eine Einkaufstasche vor einer Tür.
Das Küchenfenster von oben.
Papa, was hast du da gemacht?
Anlage eins bis sieben:
Dokumentation wiederholter Verstöße.
Dokumentation.
Du hast die fotografiert. Du hast dich ans Fenster gestellt und ihre Schuhe fotografiert.
Nein,
nein, das ist nicht richtig.
Das ist nicht, nach was es aussieht.
Du warst einsam. Du warst alt.
Du hast dich hineingesteigert.
Ja,
einen Moment, bitte.
Emine Yilmaz
Frau Berger, entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte Ihnen nur die Schale zurückbringen. Die Suppe von gestern. Sie müssen sie nicht ausspülen.
Hallo,
Mara Berger
Frau Yilmaz.
Danke. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich bin gerade etwas durcheinander. Ich räume hier noch ein bisschen auf.
Emine Yilmaz
Nach einer Beerdigung räumt man immer zu früh auf oder zu spät. Richtig geht das nicht.
Mara Berger
Ja, das merke ich gerade.
Emine Yilmaz
Ihr Vater war lange hier im Haus. Sehr lange. Mein Beileid.
Mara Berger
Danke.
Das ist freundlich von Ihnen.
Emine Yilmaz
Sie haben Besuch von seinem Papier.
Mara Berger
Ja, er hatte sehr viel davon.
Möchten Sie kurz reinkommen? Es ist ein bisschen chaotisch, aber kommen Sie gern kurz rein.
Emine Yilmaz
Nur kurz.
Ich stelle die Schale in die Küche, wenn es recht ist. Ach,
den hat er also behalten.
Mara Berger
Den Ordner?
Sie kennen den?
Emine Yilmaz
Nicht die Pappe, aber die Sätze. Die Klingel danach. Die Briefe der Hausverwaltung. Die Umschläge vom Amt. Ja, ich kenne ihn.
Mara Berger
Ich habe ihn gerade erst gefunden. Ich wusste nichts davon.
Emine Yilmaz
Das glaube ich Ihnen.
Mara Berger
Danke.
Ich meine, er war schwierig.
Er konnte sehr eng sein mit Dingen, aber das hier ist etwas anderes.
Emine Yilmaz
Sagen Sie nicht schwierig, wenn Sie noch nicht wissen, was Sie sagen wollen.
Mara Berger
2. Februar 2006:
An die Hausverwaltung.
Wiederholte Ruhestörung durch die minderjährigen Kinder der Familie Yilmaz.
Ich war damals nicht mehr hier. Ich war schon in Leipzig.
Emine Yilmaz
Ihre Abwesenheit hat Ihr Vater oft mitgeschrieben.
Er schrieb, sogar seine Tochter könne am Wochenende nicht mehr schlafen.
Mara Berger
Das steht da?
Emine Yilmaz
Nicht in diesem vielleicht. In einem anderen.
Es waren viele.
Mara Berger
Ich habe das nie gesagt. Nicht so. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht schlafen kann.
Emine Yilmaz
Vielleicht nicht so, vielleicht haben Sie nur gesagt, dass es laut ist. Vielleicht hat er den Rest daraus gemacht. Für uns kam es in einem Brief an.
Hier auf dem Foto.
Hm.
Mara Berger
Das ist ein Kinderwagen. Ist das ihrer?
Emine Yilmaz
Ja, der gehörte meiner Tochter. Grün mit einem kleinen Riss am Griff. Wir haben ihn hochgetragen, weil ihr Vater schrieb, der Fluchtweg sei blockiert.
Mara Berger
Ich kann mich an den Kinderwagen erinnern. Da standen manchmal Sachen im Flur.
Emine Yilmaz
In diesem Flur standen oft Sachen. Schuhregale, Pflanzen, ein alter Schirmständer von Frau Krüger. Aber geprüft wurde unser Kinderwagen.
Mara Berger
Da sind Kinder.
Emine Yilmaz
Ja,
noch. Bis jemand einen Ordner anfängt.
Mara Berger
Frau Yilmaz, es tut mir leid.
Ich weiß, dass das zu wenig ist,
aber es tut mir wirklich leid.
Emine Yilmaz
Entschuldigen Sie sich nicht zu schnell. Das ist meistens nur eine Tür, durch die der andere wieder gehen soll.
Mara Berger
Ich will nicht, dass Sie gehen.
Ich weiß nur nicht, was ich sagen soll.
Emine Yilmaz
Dann hören Sie. Das ist schwerer.
Der erste Brief kam, als mein Sohn acht war. Er hieß Cem. Er rannte im Hof, weil Kinder laufen, wenn sie Platz sehen. Danach stand im Brief, unsere Erziehung lasse zu wünschen übrig.
Ihr Vater schrieb von mangelnder Rücksichtnahme. Die Hausverwaltung schrieb von wiederholten Beschwerden. Der Unterschied war für uns nicht groß.
Mara Berger
Mit freundlichen Grüßen,
ein besorgter Hausbewohner.
Emine Yilmaz
Dieser Satz war seine beste Tarnung. Besorgt, nicht wütend, nicht rassistisch, nicht einsam und nicht grausam, nur besorgt.
Mara Berger
Unangenehme Ausdünstungen durch offenbar landestypisches Kochen. Oh Gott.
Emine Yilmaz
Meine Mutter war gestorben.
Ich habe an dem Tag Linsensuppe gekocht. Nicht türkisch, nicht deutsch. Einfach Suppe für Menschen, die nicht wussten, was sie sonst tun sollen.
Mara Berger
Das war der Tag?
Emine Yilmaz
Am nächsten Morgen lag der erste Brief wegen Geruch im Kasten der Hausverwaltung.
Zwei Wochen später kam ein Schreiben, dass wir beim Lüften auf die Nachbarschaft achten sollen.
Mara Berger
Ich habe damals wahrscheinlich bei ihm Kaffee getrunken.
Ich habe wahrscheinlich hier gesessen und nichts gemerkt.
Emine Yilmaz
Man merkt nicht alles, aber manches will man auch nicht merken. Das ist nicht dasselbe.
Mara Berger
Er war mein Vater.
Ich habe ihn nicht überprüft. Ich habe ihn besucht.
Ich habe seine Medikamente sortiert.
Ich habe seine Steuer gemacht.
Emine Yilmaz
Und wir haben leise die Treppe genommen, wenn wir abends nach Hause kamen.
Beides kann wahr sein.
Mara Berger
Beides kann wahr sein.
Jugendamt.
Nein.
Nein, das kann nicht sein.
Emine Yilmaz
Lesen Sie.
Mara Berger
Bitte um anonyme Prüfung, ob bei der Familie Yilmaz eine angemessene Beaufsichtigung der Kinder gewährleistet ist.
Häufiges Schreien, lange Abwesenheit des Vaters, auffällige Besucher.
Er hat dem Jugendamt geschrieben?
Emine Yilmaz
Zweimal. Beim ersten Mal habe ich Tee gekocht, während die Frau im Wohnzimmer saß. Sie war freundlich. Sie hat gesagt, es gehe nur um eine Meldung.
Mara Berger
Und beim zweiten Mal?
Emine Yilmaz
Beim zweiten Mal hat meine Tochter die Tür aufgemacht. Sie war dreizehn. Sie dachte, sie habe etwas falsch gemacht, weil eine fremde Frau ihren Namen kannte und wissen wollte, ob zu Hause alles gut ist.
Mara Berger
Ich weiß nicht, wie man das wieder gut macht.
Emine Yilmaz
Das macht man nicht wieder gut. Man hört nur auf, es kleiner zu machen.
Mara Berger
Ich habe ihn heute Morgen in die Erde gelegt.
Ich habe an seinem Grab gestanden und gedacht,
ich verliere den letzten Menschen, der meine Kindheit kannte.
Emine Yilmaz
Sie haben heute Ihren Vater verloren. Wir haben ihn zwanzig Jahre lang nicht verloren. Er war jeden Tag da.
Jeden Tag am Briefkasten, am Fenster, am Treppenabsatz. Manchmal hat er nicht einmal etwas gesagt. Er musste nur schauen.
Mara Berger
Aber wenn er wollte, dass Sie gehen, warum hat er nie offen gesagt, dass er Sie loswerden will?
Emine Yilmaz
Er wollte nicht, dass wir ausziehen. Das wäre zu einfach gewesen.
Er wollte, dass wir bleiben und leiser werden.
Mara Berger
Bleiben und leiser werden.
Emine Yilmaz
Meine Tochter hat aufgehört, Freundinnen einzuladen. Cem hat im Hof nur noch mit den Augen gelacht.
Mein Mann hat beim Heimkommen die Schuhe ausgezogen, bevor er die Wohnungstür aufschloss, damit kein Schritt zu hören war.
Mara Berger
Das ist kein Nachbarschaftsstreit.
Emine Yilmaz
Nein
Mara Berger
Das ist kein schwieriger alter Mann.
Emine Yilmaz
Nein.
Mara Berger
Das ist Rassismus.
Emine Yilmaz
Ja, aber sagen Sie es nicht wie ein fremdes Wort. Sagen Sie es so, dass es hier bleibt.
Mara Berger
Mein Vater hat rassistische Beschwerden gegen Ihre Familie geschrieben. Über Jahre.
Anonym. Und ich habe es nicht gesehen.
Emine Yilmaz
Jetzt haben Sie es gesehen.
Mara Berger
Nehmen Sie ihn, den Ordner, bitte. Ich will nicht entscheiden, was damit passiert.
Er gehört doch eigentlich Ihnen.
Emine Yilmaz
Nein.
Mara Berger
Ich kann ihn kopieren. Ich kann Ihnen alles geben. Fotos, Briefe, Namen. Sie können damit machen, was Sie wollen.
Emine Yilmaz
Ich hatte diesen Ordner schon, nur ohne Pappe.
Mara Berger
Ohne Pappe?
Emine Yilmaz
In meiner Tochter, wenn sie im Treppenhaus nicht mehr lachte. In meinem Sohn, wenn er vor dem Klingeln zusammenzuckte.
In meinem Mann, wenn er die Fenster schloss, bevor ich kochte. Ich brauche ihn nicht noch einmal.
Mara Berger
Was soll ich damit machen?
Emine Yilmaz
Tragen. Nicht verstecken. Nicht verbrennen. Nicht schön beschriften. Richtig beschriften.
Mara Berger
Bleiben Sie noch kurz.
Ich weiß, dass ich kein Recht habe, Sie darum zu bitten, aber bleiben Sie bitte einen Moment.
Emine Yilmaz
Nein, Frau Berger, heute nicht. Ich bin nicht gekommen, um Sie durch Ihren Vater zu führen.
Mara Berger
Nein, natürlich nicht.
Emine Yilmaz
Ich bin gekommen, weil ich die Schale zurückbringen wollte und weil man nach einer Beerdigung manchmal Suppe braucht. Das war alles.
Mara Berger
Warum?
Emine Yilmaz
Weil ich nicht werden wollte wie er.
Nicht einmal an seinem Todestag.
Und noch etwas: Wenn Sie Ihren Vater lieben wollen, dann lieben Sie nicht die Lüge mit.
Man kann um jemanden trauern und trotzdem genau hinschauen.
Mara Berger
Ich weiß nicht, ob ich das kann.
Emine Yilmaz
Das müssen Sie nicht heute können. Heute reicht ein Etikett.
Mara Berger
Frau Yilmaz?
Emine Yilmaz
Ja?
Mara Berger
Danke für die Suppe.
Emine Yilmaz
Essen Sie sie warm. Nicht aus Pflicht, nur warm.
Mara Berger
Nicht schön beschriften. Richtig beschriften.
Haus.
Das war dein Wort.
Haus.
Als wäre das neutral.
Als wären das nur Wände und Treppen und Abrechnungen.
Ich habe in diesem Haus geschlafen.
Ich habe hier Geburtstage gefeiert.
Ich habe im Hof Fahrradfahren gelernt
und über Ihnen hat jemand gelernt, nicht zu laut zu leben.
Beschwerden gegen Familie Yilmaz.
Verfasser: Horst Berger.
Mein Vater.
So.
Familie Yilmaz.
Ich weiß nicht, ob Sie mich hören.
Ich sage es trotzdem nicht zu Ihrer Tür. Ich sage es hierhin, in dieses Haus.
Horst Berger hat Ihnen unrecht getan und ich werde nicht so tun, als wäre es nur Ordnung gewesen.
Berger.
Ein Name ist nicht schwer.
Nur das, was man darunter legt.
Nicht leiser.