Abschrift · Drama

Die letzte Seite

Jeden Morgen schreibt Gerold auf einer Parkbank über das schlafende Viertel. Seine Beobachtungen sind Liebesdienst, Flucht und ein letzter Halt zugleich.

Erzähler

Vier Uhr morgens, später Oktober.

Die Stadt schläft noch, aber der Park am Kastanienweg ist nicht leer. Er war nie leer, nicht um diese Zeit. Der Geruch von nassem Laub hängt schwer zwischen den Bäumen. Die Kälte kriecht aus dem Boden, steigt auf durch die Sohlen, legt sich auf die Haut wie eine zweite Schicht.

Gerold Schäfer kommt den Kiesweg entlang.

Einundsiebzig Jahre, Winterjacke, Cordhose.

In der linken Hand eine Thermoskanne, in der rechten ein kleines Buch mit abgegriffenem Einband.

Er geht langsam, aber sicher, als wäre der Weg sein Eigentum.

Gerold

Guten Morgen, Margret.

Die Laterne flackert wieder. Dritter Winter in Folge. Ich hab es gemeldet, du weißt das. Zweimal. Aktenzeichen und alles. Aber es ist ja niemand mehr zuständig für solche Dinge. Es ist kalt heute,

kälter als gestern.

Riechst du das? Die Kastanien riechen anders, wenn der erste Frost kommt. Herber, ehrlicher irgendwie.

Du hast immer gesagt, Oktober riecht nach Wahrheit.

Erzähler

Er legt die Thermoskanne neben sich auf die Bank und nimmt das Notizbuch hervor.

Klein, kaum größer als eine Handfläche.

Der Einband ist dunkelbraun, die Ecken abgestoßen von hunderten Morgen wie diesem.

Zwei Spalten auf jeder Seite mit Lineal gezogen. Links die Uhrzeit, rechts die Beobachtung.

Gerold

Seite dreiundsechzig sind wir.

Du hast bei Seite eins angefangen, weißt du noch?

1998.

Deine Schrift war so viel schöner als meine. Kleiner, ordentlicher.

Meine sieht aus wie Stacheldraht daneben. Vier Uhr sieben, drittes Stockwerk, zweites Fenster von links. Frau Kessler. Die macht immer als Erste Licht.

Wahrscheinlich die Katzen, die wecken sie. Drei Stück, getigert. Du hast immer gesagt, wer drei Katzen hat, der hat aufgegeben, allein zu entscheiden, wann der Tag beginnt.

Erzähler

Ein Windstoß fährt durch die Kastanie über ihm. Blätter lösen sich, trudeln herab, streifen seine Schulter.

Er wischt sie nicht weg.

Die Kälte hat seine Finger steif gemacht. Er hält den Stift, wie man etwas hält, das man nicht loslassen will.

Gerold

Die Krähe. Siehst du sie, Margret? Auf dem Müllcontainer, die schwarze mit dem krummen Schnabel.

Jeden Morgen dasselbe Gericht. Sitzt da oben wie eine Richterin und wartet, dass jemand den Deckel nicht richtig schließt.

Vier Uhr zwölf, Krähe auf Container, wie gestern.

Du hättest geschrieben:"Krähe wartet geduldig". Schöner. Immer schöner, als ich es konnte.

Siehst du, wie sie tanzen, Margret? Die Blätter. Wie kleine braune Hände, die über den Asphalt greifen. Immer nach Osten. Als wüssten sie, wo die Sonne aufgeht, bevor es jemand anders weiß.

Wir haben das immer zusammen gemacht. Du oben am Fenster, ich hier unten. Du hast gewunken und ich hab gewusst, dass alles in Ordnung ist, dass die Welt noch an ihrem Platz steht.

4: 19 Uhr. Katze, grau, überquert die Fichtestraße auf Höhe Nummer acht.

Eine von Kesslers Ausreißern, wette ich.

Die Stadt atmet noch im Schlaf.

Hörst du die Schnellstraße?

Nur ab und zu ein Wagen, wie ein Puls.

Langsam und gleichmäßig,

als wäre alles gut.

Erzähler

Die Minuten vergehen.

Im Wohnblock gegenüber gehen vereinzelt Lichter an, gelbe Rechtecke in der dunklen Fassade.

Die Feuchtigkeit der Bank kriecht durch den Stoff seiner Hose. Jedes Fenster eine Geschichte. Gerold kennt sie alle. Er hat sie aufgeschrieben, Seite für Seite, Jahr für Jahr.

Gerold

4: 26 Uhr, Treppenhauslicht, Erdgeschoss.

Das ist der junge Pfleger, Erdal. Frühschicht. Pünktlich wie immer. Den hab ich gern.

4: 31 Uhr, zweites Stockwerk, ganz rechts.

Schon wieder. Zu früh für normal. Was macht Henkel um diese Zeit wach?

Arbeitslos seit März. Ich hab den Bescheid gesehen, lag offen im Briefkasten. Wer arbeitslos ist, muss nicht um halb fünf aufstehen. Es sei denn, er hat Gründe.

Erzähler

Etwas verändert sich in seiner Stimme, in seiner Haltung Die Schultern straffen sich, der Blick wird schärfer.

Die Wärme, die eben noch in seinen Worten lag, weicht einer Präzision, die nach Jahrzehnten im Dienst kommt und nie wieder geht.

Gerold

Vier Uhr fünfunddreißig. Haustür, Erdgeschoss. Jemand kommt rein.

Um diese Zeit kommt man nicht nach Hause. Um diese Zeit schleicht man sich nach Hause. Junger Mann, schnelle Schritte. Danach kein Licht in keinem Stockwerk. Also wartet oben jemand im Dunkeln.

Oder er will nicht gesehen werden. Da, Margret. Siehst du das?

Viertes Stockwerk, das Fenster zur Straße. Der Vorhang hat sich bewegt. Keine Hand, kein Gesicht, nur der Stoff. Als würde jemand zurücktreten, der gerade noch hinausgesehen hat.

Das gehört sich nicht, Margret. Vorhänge bewegen sich nicht von allein um vier Uhr morgens. Wer beobachtet, der hat etwas zu verbergen oder etwas zu planen. Ich hab vierzig Jahre lang solche Fenster gesehen. Vierzig Jahre. Vorhangbewegung, viertes Stockwerk, vier Uhr achtunddreißig. Es gibt Muster und dieses Muster gefällt mir nicht.

Erzähler

Gerolds Stift fliegt über die Seiten. Die Spalten füllen sich.

Keine Poesie mehr, keine tanzenden Blätter. Nur noch Zeiten, Stockwerke, Verdächtigungen.

Seine Augen wandern über die Fassade wie ein Scheinwerfer über eine Gefängnismauer.

Er sucht nicht mehr.

Er richtet.

Gerold

Die Meyers im Ersten haben die Gardinen seit drei Wochen nicht gewechselt. Balkon im Dritten links, sechs Flaschen, die gestern noch nicht da standen. Wer trinkt sechs Flaschen in einer Nacht und stellt sie auf den Balkon?

Erzähler

Dann, am Rand des Parks, wo die Laternen nicht mehr hinreichen und die Hecken einen schwarzen Wall bilden, bewegt sich etwas.

Ein Schauer läuft über Gerolds Nacken.

Eine Gestalt tritt aus dem Schatten, bleibt stehen, scheint in seine Richtung zu blicken.

Dann tritt sie zurück.

Gerold

Margret, da ist jemand.

Am Parkrand bei der Hecke. Siehst du das auch?

Dunkle Jacke,

Kapuze.

Steht da und guckt her.

Oder guckt er zum Wohnblock?

Schwer zu sagen bei dem Licht.

Vier Uhr dreiundvierzig. Unbekannte Person am nordwestlichen Parkrand. Kein Hund, kein Grund.

Wer geht ohne Grund um vier Uhr dreiundvierzig in einen Park? Das ist kein Spaziergänger, Margret. Spaziergänger bewegen sich. Der steht. Und wer steht, der wartet. Wer wartet, der hat einen Plan. Den kenne ich, diesen Typus. Vierzig Jahre.

Erzähler

So schnell wie sie erschienen ist, verschwindet die Gestalt. Die Hecke verschluckt sie.

Zurück bleibt der leere Parkrand und Gerolds Blick, der sich in die Dunkelheit bohrt wie ein Nagel in weiches Holz.

Gerold

Weg. Aber ich hab ihn gesehen. Vier Uhr dreiundvierzig bis vier Uhr sechsundvierzig. Drei Minuten. Parkrand Nordwest. Das schreib ich auf. Die sollen nicht glauben, dass das keiner sieht.

Dieses Viertel, Margret, es war mal ordentlich. Weißt du noch? Die Vorgärten, die Mülltonnen, die Ruhezeiten. Alles hatte seine Ordnung. Und jetzt? Vorhänge, die sich bewegen, Gestalten im Park, Flaschen auf Balkonen. Keiner kümmert sich mehr. Keiner schaut mehr hin. Keiner sitzt morgens um vier auf einer Bank und achtet darauf, dass alles seine Richtigkeit hat. Keiner außer mir.

Jemand muss Ordnung halten, Margret. Jemand muss dableiben und aufschreiben und hinsehen, wenn alle anderen wegschauen. Das war immer unsere Aufgabe und ich werde sie nicht aufgeben. Nicht jetzt, nicht so.

Ich schreibe das jetzt alles auf. Die Gestalt, Henke, die Flaschen, den Vorhang, alles. Die sollen sehen, dass jemand Buch führt.

Erzähler

Im flackernden Licht der Laterne blättern die Seiten. Gerolds Handschrift, groß und eckig, füllt Spalte um Spalte.

Daten, Uhrzeiten, Beobachtungen, Monate von morgen.

Der Geruch von altem Papier und Tinte steigt auf und vermischt sich mit der kalten Herbstluft.

Gerold

14. September, vier Uhr elf. Unbekanntes Fahrzeug, Kennzeichen unleserlich.

21. September, vier Uhr zwanzig. Licht im Keller von Nummer sechzehn.

2. Oktober. Mülltonnendeckel offen, dritte Tonne von links. So, nächste freie Seite. Da muss noch Platz sein für den Parkrand.

Erzähler

Dann hält er inne.

Die nächste Seite ist nicht leer.

Da steht etwas.

Aber es ist nicht seine Schrift.

Die Buchstaben sind kleiner, runder, weicher.

Eine Handschrift, die er so gut kennt wie seine eigene. Besser als seine eigene.

Gerold

Margret,

das ist deine Schrift.

Erzähler

Dort, auf der Seite, die er heute hätte erreichen müssen, stehen zwei Sätze in Margrets Handschrift.

Sorgfältig geschrieben, mit einem Stift, der dünner war als seiner.

Als hätte sie gewusst, dass er genau hier ankommen würde.

Hör auf damit.

Du siehst nur noch Verdacht.

Ich sehe nur noch dich.

Oh, meine

Gerold

Margret.

Das hast du geschrieben.

Bevor du,

bevor du gegangen bist, hast du das hier hingeschrieben.

Für mich.

Erzähler

Seine Hände zittern und es ist nicht die Kälte.

Die Laterne flackert, die Tinte schimmert im unruhigen Licht

und zum ersten Mal seit zwei Jahren hört Gerold Schäfer auf, das Viertel zu beobachten. Zum ersten Mal sieht er sich selbst.

Gerold

Du hast gewusst, wo ich stehen bleibe.

Du hast gewusst, welche Seite ich als Nächstes aufschlage.

Du hast mich besser gekannt als ich mich selbst, Margret. Ich hab geglaubt, ich halte Ordnung, aber du hattest recht. Ich halte nicht Ordnung. Ich halte mich fest an den Zeiten, den Spalten, den Einträgen,

an dir. Du siehst nur noch Verdacht.

Ja, ja, Margret, das tue ich.

Seit du nicht mehr am Fenster stehst, sehe ich nur noch Verdacht,

weil ich nicht mehr hochschauen und dich dort sehen kann.

Erzähler

Er klappt das Notizbuch zu,

hält es einen Moment in beiden Händen, spürt das raue Leder unter den Fingern.

Dann steckt er es in die Innentasche seiner Jacke, dicht an die Brust, dort, wo er es spüren kann.

Gerold

Du hast mir gerade etwas gesagt, Margret.

Zwei Jahre zu spät oder genau rechtzeitig. Da hattest du immer das bessere Gespür.

Erzähler

Gerold steht auf. Langsam, wie er alles tut.

Aber diesmal ist etwas anders.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren verlässt er den Park, bevor der Himmel sich aufhellt, bevor die Dämmerung kommt,

bevor die Welt etwas hat, das man bewerten könnte.

Gerold

Guten Morgen, Margret. Und gute Nacht.

Erzähler

Er geht den Kiesweg zurück, vorbei an der Hecke, wo die Gestalt stand,

vorbei an den Müllcontainern, wo die Krähe noch immer thront.

Er dreht sich nicht um.

Die Parkbank bleibt leer.

Die Laterne hört auf zu flackern, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Und für einen Moment ist der Park am Kastanienweg nichts weiter als ein Park.

Keine Bühne, kein Posten,

nur nasses Laub und kalte Luft und der Geruch von vergangenem Oktober.

Dann, irgendwo in der Kastanie über der leeren Bank, beginnt ein Vogel zu singen.

Ein einzelner, klarer Ton in die Dämmerung hinein

und niemand ist da, um ihn zu bewerten.