Abschrift · Drama

Die Handschrift

Nach der letzten Medea-Vorstellung teilen zwei Schauspielerinnen eine Garderobe. Ein altes Regiebuch öffnet eine Geschichte, die keine Rolle mehr verdeckt.

Erzähler

Bochum, Schauspielhaus. Der letzte Abend einer Saison, die man in dieser Stadt nicht so schnell vergessen wird.

Hinter der Bühne verklingt der Schlussapplaus der letzten Medea.

Er dringt durch die Wände wie ein fernes Gewitter.

Die Luft in den Gängen ist warm und feucht, sie klebt auf der Haut.

Die Garderobe riecht nach Puder, nach feuchtem Putz und nach dem schweren Samt der Kostüme, die dicht an dicht an einer Metallstange hängen.

Ein Rohrbruch im Flur hat braunes Wasser unter der Tür durchsickern lassen und alle Ensemblemitglieder in diesen einen Raum gezwungen:

einen geteilten Schminktisch, einen großen Spiegel, umrahmt von Glühbirnen, von denen zwei flackern.

Lena

Was für ein Abend. Standing Ovations. Die Frau in der dritten Reihe hat definitiv geweint und der Typ vom Feuilleton, der mit der Brille, hat tatsächlich mitgeklatscht. Ich schwöre dir.

Erzähler

Aber sie ist nicht allein.

Im Spiegel, hinter dem Kranz aus flackernden Glühbirnen, sitzt bereits eine Frau.

Judith,

achtundvierzig Jahre alt, seit zwanzig Jahren festes Ensemblemitglied dieses Hauses.

Ihr Gesicht im Spiegel ist vollkommen ruhig.

Judith

Vier Vorhänge.

Ich habe gezählt.

Lena

Oh, Judith, ich hab dich gar nicht gesehen.

Auch hier gelandet wegen dem Wasserrohrbruch? Sieht aus wie nach einer Sintflut da draußen auf dem Flur. Irre, oder?

Judith

Ich sitze seit einer halben Stunde hier. Die Luft wird besser, wenn man das Fenster einen Spalt öffnet.

Falls der Geruch dich stört.

Lena

Ach was, das riecht nach Theater, Puder und Schweiß und diese Feuchtigkeit. Die haben das hier bestimmt seit den Siebzigern nicht renoviert. Aber hey, letzte Vorstellung, da nimmt man, was man kriegt, oder?

Judith

Die Siebziger.

Da war dieses Haus tatsächlich zuletzt relevant. Manche würden sagen, bis zu dieser Saison.

Man gewöhnt sich daran.

An vieles gewöhnt man sich, wenn man dann genug an einem Haus bleibt.

An das Flackern, an die Feuchtigkeit,

an die Besetzungslisten.

Erzähler

Sie sitzen nebeneinander vor dem Spiegel. Zwei Frauen, eingerahmt von Glühbirnen, von denen zwei den Dienst verweigern.

Zwischen ihnen auf der Glasplatte liegen Abschminktücher, Cremedosen, ein Strauß welker Blumen

und ein halber Meter Distanz, der sich anfühlt wie ein Graben.

Lena

Weißt du, was das Besondere war heute Abend?

Im fünften Akt, als Medea die Kinder zum letzten Mal ansieht, da war es im Saal so still, Judith, so absolut still, dass ich meinen eigenen Herzschlag gehört habe.

Das war der Moment, wo ich wusste: Das ist meine Handschrift. Dieses Stück gehört mir.

Judith

Deine Handschrift.

Interessantes Wort für eine Interpretation, die so fertig wirkte. Vom ersten Probentag an, als hättest du sie nie gesucht, sondern nur gefunden.

Lena

Na ja, manchmal hat man einfach Glück.

Manche Rollen passen wie ein Kleid, das man anzieht und sofort weiß: Das bin ich. Das war schon immer ich.

Judith

Euripides lässt Medea sagen:

"Ich weiß, welches Unrecht ich zu tun gedenke.

Doch mein Thymos ist stärker als meine Vernunft.

Die meisten spielen den Zorn.

Du hast die Vernunft gespielt. Das war ungewöhnlich.

Lena

Ja, also ich fand einfach, dass Medea nicht nur wütet, sondern auch denkt, dass sie ganz genau weiß, was sie tut. Das macht sie ja erst so tragisch.

Erzähler

Jedes Wort zwischen ihnen hat eine Oberfläche und einen Boden. Die Oberfläche ist Höflichkeit, der Boden ist etwas anderes.

Im Spiegel begegnen sich ihre Blicke nur für einen Moment.

Keine der beiden hält stand.

Judith

Weißt du, was mich an Medea immer fasziniert hat?

Nicht die Rache,

sondern die Frage, wem etwas gehört.

Die Kinder,

die Geschichte.

Medea nimmt sich, was sie für ihres hält. Die Frage ist nur, ob es das jemals war.

Lena

Ja, das ist eine interessante Lesart.

Judith

Zwanzig Jahre in diesem Haus. Man lernt in zwanzig Jahren, wem eine Bühne gehört und wem nicht.

Tschechow hat geschrieben:"Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im dritten feuern.

Ich habe mich immer gefragt, was passiert, wenn das Gewehr jemand anderem gehört.

Lena

Judith, du warst übrigens großartig heute Abend. Wirklich. Der Chor war so präsent, so kraftvoll. Ich hab das von der Bühne aus gespürt, diese Energie hinter mir. Das hat mich total getragen.

Judith

Danke.

Der Chor in der Medea hat eine einzige Funktion: Er bezeugt. Mehr nicht.

Wir stehen da und sehen zu.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Erzähler

Sie wenden sich den Kostümen zu.

An der Metallstange hängen die Gewänder der Saison dicht an dicht.

Samt, Seide, Kunstblut auf weißem Leinen.

In der Mitte, schwerer als die anderen, das Kleid der Medea.

Dunkelrot, fast schwarz.

Es riecht nach Schweiß und nach dem Parfüm, das Lena in der Sterbeszene trägt.

Süß und bitter zugleich.

Lena

Komm, wir räumen die Kostüme zusammen, bevor das Wasser auch noch hier reinläuft. Ich nehm die von links, du die rechts?

Judith

Dieses Kleid.

Die Schneiderin hat gesagt, das Gewicht sei Absicht.

Medea soll das Gewicht ihrer Entscheidung spüren. Bei jedem Schritt.

Erzähler

Und dann fällt es.

Aus dem Saum des Medea-Gewands, zwischen Falten und Nähten verborgen, löst sich etwas.

Ein Buch,

klein, in abgegriffenes Leder gebunden, mit vergilbten Seiten.

Es dreht sich einmal in der Luft und schlägt auf dem Boden auf. Lenas Körper erstarrt. Ihre Hände, eben noch an den Kostümen, hängen in der Luft.

Ihr Magen zieht sich zusammen. Ihre Augen sind auf das Buch gerichtet wie auf eine offene Wunde.

Lena

Das ist meins. Ich meine, das gehört zur Requisite. Das muss zurück in die Requisite. Gib mir das, ich bring es gleich weg.

Judith

Ein Regiebuch,

handschriftlich annotiert.

Das ist keine Requisite, Lena.

Dritter Akt, zweite Szene. Hier steht: Medea wendet sich vom Chor ab. Drei Schritte nach links. Pause vor dem Fenster.

Dann der Monolog mit dem Rücken zum Publikum.

Handschriftlich.

In einer Schrift, die nicht deine ist.

Lena

Das ist ein altes Buch. Aus dem Archiv. Hat wahrscheinlich schon ewig im Kostüm gesteckt.

Judith

Drei Schritte nach links.

Pause vor dem Fenster.

Monolog mit dem Rücken zum Publikum.

Lena,

das ist exakt deine Blockierung.

Fünfter Akt.

Medea hält die Kinder ein letztes Mal.

Hier steht: Sie soll nicht weinen. Sie soll lächeln,

weil das Lächeln schlimmer ist als jede Träne.

Dein Lächeln, Lena.

In jeder Vorstellung. Wort für Wort.

Lena

Das sind--

das ist--

Judith, manchmal kommt man auf die gleichen Ideen. Das ist doch nicht so ungewöhnlich.

Das beweist gar nichts.

Judith

Wessen Buch ist das, Lena?

Und denk jetzt bitte sehr genau darüber nach, was du mir antwortest.

Erzähler

Judith blättert weiter.

Ihre Finger gleiten über die vergilbten Seiten, über eine Handschrift, die einmal eilig, einmal zärtlich über das raue Papier gelaufen ist.

Und dann halten ihre Hände inne.

Etwas in der Schrift hat sich verändert.

Etwas, das ihr Körper erkennt, bevor ihr Verstand es tut.

Judith

Diese Schleifen beim G

und das Ausrufezeichen, immer mit einem kleinen Punkt darunter.

Ich kenne diese Handschrift.

Lena

Was? Was meinst du, du kennst die Handschrift?

Judith

Ich habe Hunderte von Briefen in dieser Schrift gelesen. Geburtstagskarten, Einkaufszettel, Notizen an den Kühlschrank,

Randbemerkungen in Romanen.

Ich kenne jede Schleife, jeden Schnörkel, jeden Punkt.

Erzähler

Zum ersten Mal an diesem Abend bricht etwas in Judiths Gesicht.

Es ist kein großer Riss, nur ein Zittern an den Mundwinkeln, ein Flattern der Lider.

Aber es reicht.

Judith

Das ist die Handschrift meiner Mutter.

Lena

Deiner Mutter?

Judith, ich verstehe nicht. Ich habe das Buch im Theaterarchiv gefunden, in einer Kiste mit alten Programmheften und Rollenbüchern.

Erzähler

Judith blättert weiter. Ihre Finger zittern jetzt, kaum sichtbar, während sie die brüchigen Seiten umschlägt. Die Notizen werden persönlicher.

Zwischen den Regieanweisungen tauchen Sätze auf, die nichts mit Medea zu tun haben

und alles mit Judith.

Judith

Hier steht ein Datum.

Herbst 1975.

Heute die erste Probe zu Medea.

Dieses Haus riecht nach Staub und nach Anfang.

Ich habe die Rolle meines Lebens bekommen und daneben am Rand:

Medea spricht von ihrem Vater.

Ich denke an meinen eigenen,

an den Geruch seiner Werkstatt, Sägespäne und Tabak.

Jede Szene ist verknüpft mit einer Erinnerung. Jede einzelne.

Lena

Deine Mutter war Schauspielerin?

In diesem Haus?

Judith

Sie hat es nie erwähnt.

In achtundvierzig Jahren hat sie kein einziges Mal erwähnt, dass sie an diesem Theater engagiert war.

Nicht einmal, als ich mein erstes Vorsprechen hier hatte. Nicht einmal dann.

Erzähler

Judith blättert weiter und zwischen Seite vierunddreißig und fünfunddreißig liegt etwas.

Eine getrocknete Blume, dünn wie Pergament, die Farbe längst verblasst.

Sie hebt sie heraus, vorsichtig, als könnte jede Berührung sie zu Staub zerfallen lassen.

Judith

Hier neben der Blume. Die Schrift wird kleiner, enger.

Heute hat es sich bewegt.

Mitten im Monolog, als Medea von ihren Kindern spricht.

Es hat getreten,

als wollte es mir sagen, dass es zuhört.

Sie war schwanger.

Bei den Proben zu Medea, Herbst fünfundsiebzig.

Mit mir.

Sie war schwanger mit mir.

Lena

Sie hat die Rolle aufgegeben wegen der Schwangerschaft.

Judith

Die letzte Eintragung.

Ich lege die Rolle nieder. Nicht, weil ich sie nicht spielen kann,

sondern weil ich nicht Medea sein will, wenn ich Mutter werde.

Das Buch endet hier, mitten im dritten Akt.

Erzähler

Zwei Frauen, zwei Geheimnisse

und ein Buch, das zwischen ihnen liegt wie ein aufgeschlagenes Grab.

Das braune Wasser hat die Türschwelle längst überwunden.

Es breitet sich auf den Fliesen aus, lautlos, unaufhaltsam.

Keiner von beiden bemerkt es.

Lena

Ich habe es im Archiv gefunden, vor der ersten Probe.

Ich wusste nicht, wer es geschrieben hat. Ich wusste nur, dass diese Notizen alles enthielten, was ich suchte. Die ganze Rolle, jede Geste, jede Pause, jedes Lächeln.

Ich habe sie genommen und gesagt, es sei meine Interpretation.

Judith

Hast du auch nur eine Sekunde lang versucht herauszufinden, wem diese Handschrift gehört?

Lena

Nein.

Ich hatte Angst, dass jemand es mir wegnimmt, wenn ich frage. Und dann wäre ich wieder nur Lena gewesen. Ohne Rolle, ohne Handschrift,

ohne irgendetwas.

Erzähler

Lena wartet auf das Urteil, auf den Zorn, den sie verdient hat.

Aber Judith schweigt.

Nicht, weil sie nichts zu sagen hat, sondern weil sie etwas zu sagen hat, das schwerer wiegt als jede Anklage.

Judith

Ich habe einen Brief geschrieben, anonym,

an die Intendanz.

Vor dem Casting zu dieser Inszenierung.

Lena

Welchen Brief?

Judith

Ich habe geschrieben, dass Judith Wenger mit achtundvierzig Jahren zu alt sei für die Medea.

Dass die Rolle eine jüngere Kraft braucht, einen frischen Blick,

eine neue Handschrift.

Lena

Du hast dich selbst aus dem Casting genommen? Du hättest diese Rolle spielen können. Du hättest die Medea deiner Mutter auf die Bühne bringen können.

Judith

Ich hatte Angst.

Nicht vor der Rolle,

vor dem Scheitern.

Davor, es zu versuchen und nicht gut genug zu sein.

Also habe ich dafür gesorgt, dass ich es gar nicht erst versuchen musste.

Erzähler

Mutter und Tochter,

beide vor derselben Rolle.

Beide traten zurück.

Die eine aus Liebe zu dem Kind, das in ihr wuchs, die andere aus Angst vor dem Scheitern, das in ihr fraß.

Und zwischen ihnen, über Jahrzehnte hinweg, ein Buch, das im Saum eines Kostüms schlief wie ein Samen, der auf seine Zeit wartet.

Judith

Meine Mutter hat Medea aufgegeben, um mich zu bekommen.

Und ich habe Medea aufgegeben, um mich nicht zu verlieren.

Euripides hätte das nicht besser schreiben können.

Lena

Und ich habe ihre Medea gespielt.

Jeden Abend.

Jede Geste, jede Pause, jedes Lächeln.

Es war alles ihres und ich wusste es nicht einmal.

Judith

Und ich stand im Chor. Jeden Abend.

Ich habe zugesehen, wie eine Fremde das Erbe meiner Mutter auf die Bühne brachte.

Ihre Gedanken, ihre Erinnerungen.

Durch deinen Körper,

ohne es zu ahnen.

Keine von uns beiden.

Erzähler

Der Schlussapplaus ist verebbt. Das Theater leert sich.

Schritte auf dem Flur, Stimmen, die sich verabschieden, werden leiser und leiser, bis nur noch das Tropfen bleibt.

Und zwei Frauen, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen.

Aus dem Bühnenlautsprecher kratzt eine Stimme.

"Garderobe bitte räumen.

Die Worte hängen im Raum wie Staub nach einem Einsturz.

Lena steht auf. Langsam.

Sie nimmt das Regiebuch vom Tisch, hält es Judith hin. Wortlos.

Ihre Hand zittert.

Judith nimmt es. Beide Hände.

Sie drückt es an sich, gegen ihre Brust, wie etwas Lebendiges, wie etwas, das atmet.

Judith

Mama.

Erzähler

Die Neonröhre erlischt.

Keiner der beiden bewegt sich.

Dunkelheit.

Nur der Geruch von Schminke und nassem Putz und altem Samt. Und zwei Frauen, die das Buch einer dritten halten. Einer Frau, die vor fast fünfzig Jahren an dieser Stelle stand und sich entschied.

Nur noch das Tropfen des Wassers im Flur. Tropfen.

Tropfen.

Tropfen.