Abschrift · Sci-Fi

Die Brotdose

Im Mondschatten eines beschädigten Schiffes findet eine Kadettin eine alte Brotdose. Was darin liegt, macht aus einem Auftrag eine Entscheidung.

Erzähler

Nachklang.

Das Schiff riecht nach Ozon und warmem Metall.

Die Wände sind überwuchert von biolumineszentem Reparaturmoos, das in sterbenden Grün- und Blautönen flackert, als würde es atmen

oder aufhören zu atmen.

Überall improvisierte Reparaturen, Kabel mit Isolierband umwickelt, Dichtungen aus gehärtetem Harz.

Ein Ort, an dem jemand zu lange geblieben ist.

Zwei Gestalten sitzen im Halbdunkel der Notbeleuchtung.

Der Navigationschronometer tickt sein trockenes, geduldiges Ticken.

Noch zwei Stunden bis zum Rückflugfenster.

Zwei Stunden, in denen nichts passieren muss

und alles passieren wird.

Telin

Haben Sie gesehen, wie das Moos hier an der Decke reagiert? Wenn man die Hand davor hält, wird es heller. Als ob es die Körperwärme spürt. Das ist unglaublich. Darüber hat man in der Akademie kein Wort verloren.

Omari

Es stirbt.

Telin

Es stirbt?

Omari

Es nährt sich von der Restwärme des Antriebs.

Seit der Antrieb nur noch auf Sparflamme läuft, hat es nicht mehr genug Energie.

Das Flackern, das du so schön findest,

das sind seine letzten Wochen.

Vielleicht Tage.

Telin

Stirbt. Das ist ein hartes Wort für so etwas Schönes.

Was war das? Da kommen Stimmen durch die Filter. Ist das eine Sprache?

Omari

Interferenzen. Erdsignale, die an der Mondmasse brechen. Passiert ständig in dieser Umlaufbahn.

Nicht der Rede wert.

Erzähler

Omares rechte Hand zuckt. Nur kurz. Ein Reflex, den er sofort unterdrückt. Aber seine Finger krallen sich für einen Moment in die Armlehne, als hätte ihn etwas am Arm gepackt, das nur er sehen kann.

Telin

Ich habe Ihre Akten gelesen, bevor wir gestartet sind. Also die freigegebenen Teile jedenfalls. Siebzehn Erstlandungen auf unkartierten Welten. Sie sind eine Legende in der Akademie, Omari. Wie war das, als Erster auf einem Planeten zu stehen, den noch nie jemand betreten hat?

Omari

Staubig, meistens.

Die Luft schmeckt metallisch auf den meisten Welten.

Man steht da und denkt, man müsste etwas Großes empfinden, aber eigentlich denkt man nur daran, ob der Boden das Gewicht der Ausrüstung hält.

Erzähler

Was Telin nicht sagt: Der Heimrat hat sie nicht als Kadettin geschickt. Ihre Begeisterung ist echt, aber ihr Auftrag ist es auch. Seit vierzig Jahren vermutet der Rat eine unerlaubte Erdlandung. Omares Akte hat Lücken. Dreizehn Jahre, die nicht zusammenpassen.

Telin

Und die Erde? Der blaue Planet in der gesperrten Zone? Sie müssen doch auf Ihrer Route daran vorbeigekommen sein.

Omari

Einmal.

Aus der Umlaufbahn heraus. Blau und weiß. Sehr hell. Mehr habe ich nicht gesehen.

Telin

Dreizehn Jahre hat Ihre letzte Mission gedauert, steht in der Akte. Das ist lang, selbst für eine Tiefenraumexpedition.

Omari

Navigationsfehler im Außensektor. Dokumentiert.

Vom Rat geprüft und abgeschlossen.

Erzähler

Omares Finger streichen über die Kante der Navigationsbank. Langsam, beinahe zärtlich, so wie man über etwas streicht, das man lange nicht berührt hat und doch auswendig kennt.

Ein Abschied, der wie eine Begrüßung aussieht.

Telin

Wissen Sie, ich bin offiziell Navigationskadettin und ich habe noch nie ein echtes Langstreckennavigationssystem aus der Nähe gesehen. Darf ich mir die Bank mal ansehen? Rein aus akademischem Interesse?

Omari

Nur zu.

Ist alles alt,

aber es funktioniert noch.

Meistens.

Erzähler

Telin kniet sich vor die Navigationsbank. Ihre Finger gleiten über die Unterseite, tasten die Nähte ab, fühlen die raue Oberfläche des korrodierten Metalls.

Dort, wo die Verkleidung auf den Boden trifft, stimmt etwas nicht. Eine Kante, die nicht zur Konstruktion gehört.

Telin

Hier ist etwas. Ein Fach, von außen fast unsichtbar. Die Klappe ist, sie lässt sich bewegen.

Omari

Telin,

lass das.

Bitte.

Telin

Ich-- es ist schon offen.

Erzähler

Eine Brotdose, blau, verrostet, mit abgeplatzter Emaille an den Ecken.

Die Marke EMSA steht noch in verblassten Buchstaben auf dem Deckel. Ein Gegenstand, der in dieses Schiff gehört wie ein Fisch in eine Wüste.

Telin

Da liegt eine Blume drin, vertrocknet, ganz flach gepresst. Die Farbe ist fast weg, aber man sieht noch blau, kornblumenblau.

Und ein Fahrschein. HVV,

Linie fünf, Einzelfahrt. Vom 14. September 1987. Das ist ein irdischer Fahrschein

Erzähler

Unter dem Fahrschein auf dem Boden der Dose liegt eine weiße Papierserviette. Darauf ein Abdruck:

dunkelroter Lippenstift. Die Form eines Mundes, konserviert über Lichtjahre und Jahrzehnte.

Ein Kuss, der nie dort ankam, wo er hingehörte.

Telin

Das ist von der Erde. Omari, das hier, das ist kein Navigationsfehler.

Omari

Leg es zurück.

Bitte, Telin.

Leg es einfach zurück.

Telin

Wer ist sie? Die Frau mit dem Lippenstift.

Omari

Sie hieß

Jutta.

Erzähler

Der Name füllt das Schiff aus wie etwas Körperliches, wie Rauch, der sich in jede Ritze legt. Omari hat ihn vierzig Jahre nicht ausgesprochen. Man hört es daran, wie die Silben in seinem Mund stolpern, als hätten sie verlernt, zusammenzugehören.

Telin

Jutta. Das klingt wie ein Wort, das weich anfängt und dann nicht aufhören will.

Omari

Ich bin gelandet.

September '76.

Auf einem Feld außerhalb der Stadt.

Hamburg.

Es regnete, als ich ausstieg.

Auf der Erde regnet es ständig an manchen Orten

und der Regen dort,

er riecht

nach Erde, nach nassem Gras, nach etwas, das ich nie zuvor gerochen hatte.

Telin

Sie haben dort gelebt? Als Mensch? Unter ihnen?

Omari

Elf Jahre.

Na ja, elf Jahre und drei Monate, wenn man es genau nimmt.

Ich-- dieses Wort,

na ja,

das ist,

das gehört nicht hierher.

Das ist von dort.

Erzähler

Omari erschrickt über sich selbst. Die Worte rutschen ihm heraus wie Vögel aus einem Käfig, dessen Tür zu lange offen stand.

Sein Gesicht verrät mehr als seine Stimme. Eine Wärme, die unter der Haut liegt, dort, wo man sie nicht willentlich verstecken kann.

Omari

Ich habe sie an einer Bushaltestelle getroffen.

Linie fünf.

Es regnete und ich hatte keinen Schirm. Ich wusste nicht einmal, was ein Schirm war.

Jutta stand neben mir und hat ihren über uns beide gehalten, ohne zu fragen.

Sie hat nur gesagt:

„Wo willst du hin?

Telin

Was haben Sie gesagt?

Omari

Nach Hause.

Ich habe gesagt: „Nach Hause",

obwohl ich kein Zuhause hatte.

Ich hatte nicht einmal ein Wort dafür in unserer Sprache.

Aber auf der Erde, da gab es eins und es stimmte in dem Moment, in dem ich es aussprach.

Erzähler

Der Chronometer tickt.

Noch siebenundachtzig Minuten bis zum Rückflugfenster.

Die Luft im Schiff ist schwer und warm wie Atem, der zu lange in einem Raum geblieben ist.

Omari

Wir haben in einer Wohnung am Eppendorfer Weg gelebt. Dritter Stock. Die Heizung hat nie richtig funktioniert.

Im Winter hat Jutta mir immer eine zweite Decke über die Füße gelegt, wenn ich auf dem Sofa eingeschlafen bin.

Telin

Und die Brotdose?

Omari

Sie hat mir jeden Tag eine Brotdose gepackt. Jeden einzelnen Tag. Ich habe gesagt: „Das muss nicht sein. Ich brauche das nicht.

Und sie hat gelacht und gesagt: „Doch, brauchst du.

Du weißt es nur noch nicht.

Weißt du, wie Regen riecht auf warmem Asphalt?

Wenn den ganzen Tag die Sonne auf die Straße gebrannt hat und dann am Abend die ersten Tropfen fallen?

Es riecht wie,

wie etwas, das gleichzeitig aufhört und anfängt.

Auf keiner der siebzehn Welten, die ich kartiert habe, gibt es diesen Geruch.

Auf keiner einzigen.

Erzähler

Was Omari beschreibt, hat in ihrer Sprache keinen Namen mehr.

Der Heimrat hat das Wort dafür vor Generationen abgeschafft, zusammen mit allem, was daran hing.

Zu gefährlich, hieß es, zu unkontrollierbar. Aber hier, im Halbdunkel dieses sterbenden Schiffes, füllt das namenlose Ding den ganzen Raum.

Omari

Die Serviette.

Das war an unserem letzten gemeinsamen Abend.

Wir waren in einem Restaurant am Hafen. Nichts Besonderes. Eine Pizzeria.

Jutta hat ihren Lippenstift aufgetragen und dann die Serviette genommen und einen Kuss draufgedrückt.

Telin

Was hat sie gesagt?

Omari

Für wenn du mich vermisst.

Sie konnte nicht wissen, wie wahr das werden würde

Telin

Warum sind Sie gegangen?

Omari

Der Rat hat ein Rückholsignal gesendet.

Achtundvierzig Stunden.

Keine Verhandlung, kein Aufschub.

Erzähler

Omares Stimme wird leiser. So leise, dass das Ticken des Chronometers dagegen laut klingt.

Seine Hände liegen auf der offenen Brotdose und seine Daumen streichen über den rostigen Rand. Immer wieder wie eine Umlaufbahn, aus der man nicht herauskommt.

Omari

Die letzte Nacht.

Jutta hat geschlafen.

Ich stand in der Tür zum Schlafzimmer und habe sie angesehen.

Ihre Haare lagen über dem Kissen

und sie hatte die Hand ausgestreckt, dorthin, wo ich gelegen hatte.

Ich habe mir jede Linie ihres Gesichts eingeprägt,

jede einzelne.

Ich habe die Brotdose vom Küchentresen genommen.

Die Dose, die sie mir am nächsten Morgen mitgegeben hätte.

Und dann bin ich gegangen.

Kein Zettel, kein Wort.

Ich bin einfach gegangen.

Erzähler

Stille im Schiff.

Das Moos flackert einmal blau auf, dann grün, als hätte es etwas gehört, das es erschreckt. Der Chronometer tickt. Vierundfünfzig Minuten.

Telin

Sind Sie jemals zurückgegangen?

Omari

Die Zone wurde danach gesperrt.

Endgültig.

Telin

Sie muss gewartet haben. Am Morgen. Die Brotdose war weg und Sie waren weg und sie hat gewartet.

Omari

Ich weiß.

Jeden Tag weiß ich das.

Telin

Omari, ich-- der Heimattrat. Ich muss Ihnen etwas sagen.

Omari

Ich weiß, warum du hier bist, Telin.

Telin

Sie wissen es?

Omari

Man schickt keine Kadetten auf Wartemissionen mit alten Männern.

Nicht für zwei Stunden im Mondschatten.

Du bist hier, um Beweise zu finden

und jetzt hast du welche gefunden.

Erzähler

Der Raum zwischen ihnen ist klein. Zwei Armlängen, nicht mehr. Aber gerade jetzt ist er so weit wie der Raum zwischen zwei Sternen, die einander nie erreichen werden.

Telin hält die Brotdose in beiden Händen. Ihre Knöchel sind weiß.

Telin

Ja, ich bin keine Kadettin. Ich bin vom Ermittlungsbüro des Heimattrats. Kontaminierungsverdacht. Sie stehen seit vierzig Jahren unter Beobachtung. Die Dose, der Fahrschein, die Serviette. Das wäre der endgültige Beweis.

Omari

Und jetzt hast du ihn.

Die Dose,

den Fahrschein.

Alles, was sie brauchen.

Telin

Was werden Sie tun, wenn ich die Beweise vorlege?

Omari

Kontaminiumstribunal.

Im besten Fall: Gedächtnislöschung.

Die Erde,

Hamburg,

Jutta.

Alles weg,

als wäre es nie gewesen.

Erzähler

Telins Blick fällt auf die Serviette. Der Abdruck dunkelroter Lippen. Ein Kuss, den jemand als Scherz gemeint hat und der über Lichtjahre gereist ist, um hier in einem sterbenden Schiff im Mondschatten das Letzte zu sein, was von einer Liebe übrig ist.

Telin

Wir haben kein Wort dafür. Für das, was Sie beschreiben. Nicht einmal ein altes. Der Rat hat es abgeschafft und niemand hat protestiert.

Omari

Ihr hattet eins.

Vor langer Zeit.

Sie haben es abgeschafft, weil sie Angst davor hatten.

Telin

Angst wovor?

Omari

Davor.

Vor genau dem hier.

Davor, in einer Tür zu stehen und nicht gehen zu können.

Davor, dass Regen nach jemandem riecht.

Davor, dass eine Brotdose mehr wiegt als ein ganzes Schiff.

Erzähler

Jetzt versteht Telin: Ihr Auftrag ist keine Gerechtigkeit.

Er ist Angst.

Die Angst einer ganzen Spezies vor einem Gefühl, das stärker ist als jede Vorschrift, als jede Grenze, die je gezogen wurde. Die Angst vor dem, was passiert, wenn man jemanden so nah an sich heranlässt, dass sein Verschwinden eine Wunde hinterlässt, die über Jahrzehnte nicht heilt.

Telin kniet vor dem offenen Fach. Die Brotdose liegt in ihren Händen. Das Moos an der Decke flackert blau und in dem kalten Licht sieht die getrocknete Kornblume aus wie etwas, das gerade erst gepflückt wurde.

Sie legt die Dose zurück. Langsam, vorsichtig, als könnte sie zerbrechen, obwohl sie dreißig Jahre Weltraum überstanden hat.

Die Klappe schließt sich, von außen unsichtbar,

als wäre nie jemand dort gewesen.

Omari

Telin

Telin

Mein Bericht wird sagen: keine Auffälligkeiten. Schiff in schlechtem, aber funktionsfähigem Zustand. Standardmäßige Wartungsmission. Keine Funde.

Erzähler

Omari steht auf. Seine Hand greift nach dem Hebel der äußeren Audioluke. Nicht um zu landen.

Nur einen Spalt. Gerade genug. Der Klang füllt das Schiff. Wind, der durch die obere Atmosphäre streicht, gefiltert durch die Luke.

Kein irdischer Wind, aber Wind. Luft, die sich bewegt, weil irgendwo eine Welt sich dreht und die Sonne auf ihre Oberfläche scheint.

Telin schließt die Augen.

Telin

So klingt das also.

Omari

Die Erde hat einen anderen Wind.

Aber ja,

so ungefähr.

Erzähler

Der Kronometer zählt die letzten Minuten bis zum Rückflugfenster.

Niemand bewegt sich zum Steuer. Unter der Navigationsbank in einem Fach, das von außen unsichtbar ist, liegt eine verrostete Brotdose mit einer getrockneten Kornblume, einem Busfahrschein und einem Kuss, der nie ankam. Telin hat die Augen geschlossen. Omari auch. Der Wind streicht durch das Schiff.

Vielleicht gibt es für manche Dinge kein Wort, weil ein Wort nicht reicht.

Vielleicht braucht es dafür eine Brotdose, eine Kornblume und dreißig Jahre Schweigen.

Und jemanden, der zuhört.