Abschrift · Mystery

Der letzte Anruf

Ein Notruf in der Nacht führt Thomas an eine Adresse, die es nicht mehr geben dürfte. Am anderen Ende der Leitung wartet eine Stimme, die seine Routine zerlegt.

Erzähler

Nachklang.

Drei Uhr nachts, Notrufzentrale München. Das Neonlicht summt über leeren Schreibtischen. Es riecht nach abgestandenem Kaffee und warmem Plastik. Irgendwo tickt eine Uhr, gleichmäßig, teilnahmslos, als hätte die Zeit hier aufgehört, eine Rolle zu spielen.

Thomas Vetter sitzt an Station sieben.

Zweiundfünfzig Jahre alt, achtundzwanzig davon im Dienst.

Sein Gesicht schimmert bläulich im Licht der Monitore.

Die Nachtschicht liegt auf seinen Schultern wie nasser Beton.

Thomas Vetter

Noch vier Stunden. Vier Stunden bis Schichtende.

Mittwoch.

Immer mittwochs ist es am schlimmsten. Da ruft nicht mal mehr ein Betrunkener an.

Erzähler

Thomas lehnt sich zurück.

Die anderen Stationen liegen im Halbdunkel. Kein Kollege weit und breit.

Um drei Uhr morgens braucht München nur einen Mann am Telefon.

Einen Mann, der wartet.

Das Telefon zerreißt die Stille. Linie eins.

Thomas richtet sich auf, greift zum Hörer. Routine. Alles nur Routine.

Thomas Vetter

Notrufzentrale München. Mein Name ist Vetter. Was ist Ihr Notfall?

Marina Kowalski

Bitte,

bitte helfen Sie mir.

Da ist jemand in meinem Haus.

Thomas Vetter

Okay,

ich bin jetzt bei Ihnen. Bleiben Sie ganz ruhig.

Können Sie mir Ihren Namen sagen?

Marina Kowalski

Marina. Marina Kowalski.

Er ist unten.

Ich hör ihn in der Küche.

Thomas Vetter

Marina, ich bleibe bei Ihnen.

Wo genau befinden Sie sich gerade?

Marina Kowalski

Im Schlafzimmer.

Erster Stock.

Die Tür ist abgeschlossen.

Bitte, bitte schicken Sie jemanden.

Thomas Vetter

Ich schicke sofort einen Streifenwagen. Nennen Sie mir Ihre Adresse, Marina.

Marina Kowalski

Lindenhofstraße vierzehn,

München Sendling.

Bitte schnell.

Thomas Vetter

Lindenhofstraße vierzehn ist notiert.

Streifenwagen ist angefordert.

Bleiben Sie auf der Leitung, Marina.

Erzähler

Thomas tippt die Adresse ein. Seine Finger kennen die Bewegung.

Wie oft hat er diese Buchstaben getippt? Hundertmal, tausendmal.

Und doch zögern seine Hände.

Für den Bruchteil einer Sekunde, kaum spürbar.

Marina Kowalski

Er kommt die Treppe hoch.

Ich höre seine Schritte.

Thomas Vetter

Marina, hören Sie mir zu. Gibt es ein Fenster im Schlafzimmer? Einen zweiten Ausgang?

Marina Kowalski

Das Fenster geht zum Hinterhof.

Viel zu hoch.

Ich kann nicht springen.

Er wird mich finden.

Thomas Vetter

Schieben Sie etwas Schweres vor die Tür.

Einen Schrank, eine Kommode. Alles, was Sie finden.

Können Sie das?

Marina Kowalski

Die Kommode.

Ich habe die

Kommode vor die Tür geschoben.

Oh Gott.

Er ist oben

im Flur.

Ich höre ihn atmen.

Erzähler

Thomas starrt auf den Bildschirm. Das Eingabefeld blinkt.

Lindenhofstraße vierzehn.

Kein Suchergebnis.

Er löscht, tippt erneut. Noch einmal nichts.

Der Cursor blinkt ihm entgegen wie ein starres Auge.

Thomas Vetter

Das kann nicht sein.

Marina, können Sie die Adresse noch einmal wiederholen? Hausnummer vierzehn, sagten Sie?

Marina Kowalski

Vierzehn. Lindenhofstraße vierzehn.

Warum dauert das so lange?

Thomas Vetter

Das System findet die Adresse nicht. Das ist bestimmt ein technischer Fehler. Ich versuche es manuell.

Erzähler

Ein Kribbeln in seinem Nacken,

wie kalte Finger, die über seine Haut streichen.

Thomas kennt dieses Gefühl. Er weiß nur nicht, woher.

Sein Mund ist trocken. Er schmeckt etwas Metallisches auf der Zunge.

Marina Kowalski

Er rüttelt an der Tür.

Hören Sie das?

Thomas Vetter

Marina, hören Sie nur auf meine Stimme. Die Kommode hält. Die Polizei ist unterwegs.

Können Sie zur Küche gelangen?

Die,

die gelbe Küche?

Marina Kowalski

Was?

Was haben Sie gerade gesagt?

Äh,

Thomas Vetter

ich, ich meinte nur, ob Sie von der Küche aus fliehen könnten.

Das war eine Standardfrage.

Marina Kowalski

Woher wissen Sie, dass meine Küche gelb ist?

Thomas Vetter

Das, das haben Sie doch vorhin erwähnt, als Sie sagten, er ist in der Küche. Sie sagten: die gelbe Küche.

Marina Kowalski

Nein,

hab ich nicht.

Erzähler

Stille auf der Leitung.

Nur Marinas Atem, schnell und flach.

Und Thomas' Herzschlag, den er plötzlich in seinen Ohren spürt. Ein dumpfes Pochen, das nicht aufhören will.

Sein Hemd klebt feucht an seinem Rücken.

Thomas Vetter

Marina, es tut mir leid.

Nachtschicht. Man wird müde. Das war ein Versehen. Bitte, lassen Sie uns bei der Sache bleiben.

Wo ist der Eindringling jetzt?

Marina Kowalski

Ich höre nichts mehr.

Er ist irgendwo im Flur.

Das ist schlimmer,

wenn man ihn

nicht hört.

Thomas Vetter

Ist,

ist Mischka bei Ihnen?

Marina Kowalski

Wie bitte?

Thomas Vetter

Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.

Wer ist Mischka?

Warum habe ich das gefragt?

Marina Kowalski

Mischka ist meine Katze.

Woher kennen Sie den Namen meiner Katze?

Thomas Vetter

Das ergibt keinen Sinn.

Ich kenne Sie nicht.

Ich war nie bei Ihnen.

Warum weiß ich das?

Erzähler

Thomas' Hände zittern. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Auf dem Bildschirm blinkt das leere Suchfeld.

Lindenhofstraße vierzehn.

Keine Ergebnisse.

Wie eine Adresse, die es nie gegeben hat.

Thomas Vetter

Marina, bleiben Sie dran. Ich versuche die Straße noch einmal. Ohne Hausnummer diesmal. Lindenhofstraße, München Sendling.

Erzähler

Er tippt die Straße ein, ohne Hausnummer.

Und diesmal findet das System etwas. Einen einzigen Eintrag, aber nicht den, den Thomas erwartet hat.

Thomas Vetter

Lindenhofstraße, München Sendling.

Abrissverfügung 2013. Vollständiger Rückbau abgeschlossen 2014.

Die Straße gibt es nicht mehr. Seit zehn Jahren nicht mehr.

Marina Kowalski

Das ist unmöglich. Ich stehe hier. Ich bin hier.

Ich spüre den Boden unter meinen Füßen.

Ich habe Angst.

Thomas Vetter

Ich sehe es schwarz auf weiß, Marina.

Die Straße wurde abgerissen. Das ganze Viertel. Da steht jetzt ein Parkhaus.

Marina Kowalski

Ich rieche das Holz der alten Dielen.

Ich sehe den Riss in der Decke über mir.

Das hier ist mein Zuhause.

Erzähler

Thomas schließt die Augen

und hinter seinen geschlossenen Lidern sieht er etwas.

Ein Flur,

altes Holz,

Tapete, die sich von den Wänden löst und eine Treppe. Dreizehn Stufen. Er kennt die Zahl. Er weiß nicht warum.

Thomas Vetter

Dreizehn Stufen.

Ihre Treppe hat dreizehn Stufen, Marina.

Marina Kowalski

Ja.

Thomas Vetter

Und die dritte von oben,

die knarrt lauter als die anderen.

Marina Kowalski

Hören Sie auf. Bitte, hören Sie auf damit.

Thomas Vetter

Das Badezimmer am Ende des Flurs. Die Tür hat einen Riss. Unten links.

Jemand hat dagegen getreten.

Marina Kowalski

Wer sind Sie?

Wer sind Sie wirklich?

Thomas Vetter

Ich weiß es nicht.

Ich bin Thomas Vetter, Notruf-Dispatcher, Station sieben. Das ist alles, was ich weiß.

Erzähler

Aber das ist nicht alles. Tief in ihm, unter Schichten aus Routine und vergessenen Nächten, rührt sich etwas. Wie ein Tier, das aus dem Winterschlaf erwacht. Eine Erinnerung mit Zähnen.

Thomas Vetter

Ich sehe

Bilder.

Einen Garten,

ein rostiges Gartentor,

Efeu an der Hauswand bis zum ersten Stock.

Marina Kowalski

Das ist mein Garten.

Das ist mein Haus.

Thomas Vetter

Nein, nein, Marina, hören Sie mir zu.

Ich war noch nie in der Lindenhofstraße. Noch nie in Ihrem Haus.

Warum sehe ich Ihren Garten vor mir?

Marina Kowalski

Doch, Thomas.

Sie waren hier. Sie wissen es nur nicht mehr.

Erzähler

Und dann bricht der Damm.

Die Erinnerung trifft ihn wie ein Schlag in die Magengrube.

Eine Nacht, Regen.

Er steht vor einem Haus. Lindenhofstraße vierzehn.

Das Gartentor ist nicht abgeschlossen. Er riecht nasses Laub und kalten Rost unter seinen Fingern.

Thomas Vetter

Nein. Nein, nein, nein.

Das bin nicht ich.

Das ist nicht meine Erinnerung.

Erzähler

Doch, es ist seine.

Sein Atem in der kalten Nachtluft.

Seine Hand am Türgriff der Hintertür.

Die Küche, gelb im Schein der Straßenlaterne.

Und eine Katze, die fauchend unter den Tisch flüchtet.

Mischka.

Thomas Vetter

Die gelbe Küche.

Ich war in der gelben Küche. Ich erinnere mich an den Geruch.

Spülmittel und,

und Katzenfutter.

Marina Kowalski

Ja.

Erzähler

Die Treppe.

Dreizehn Stufen nach oben.

Seine Schuhe auf dem alten Holz.

Die dritte Stufe von oben knarrt unter seinem Gewicht

und am Ende des Flurs eine Tür, hinter der jemand atmet.

Thomas Vetter

Die Badezimmertür.

Den Riss,

den Riss habe ich gemacht.

Ich habe gegen diese Tür getreten.

Oh Gott.

Was habe ich getan, Marina?

Was habe ich Ihnen angetan?

Marina Kowalski

Sie kennen die Antwort, Thomas.

Sie haben sie immer gekannt.

Erzähler

Er sieht es. Alles.

Die ganze Nacht, jede Sekunde.

Wie ein Film, der vor seinen Augen abläuft und er kann nicht wegschauen.

Sein Magen kämpft sich zusammen, Galle brennt in seiner Kehle.

Thomas Vetter

Sie sind tot.

Ich habe sie.

Oh Gott, Marina.

Marina Kowalski

Zehn Jahre, Thomas.

Thomas Vetter

Zehn Jahre?

Was,

was meinen Sie?

Marina Kowalski

Jede Nacht um drei Uhr

rufe ich an

und jede Nacht vergessen Sie, wer Sie sind,

was Sie getan haben.

Erzähler

Thomas starrt den Bildschirm an, die Buchstaben verschwimmen.

Er schmeckt Salz auf seinen Lippen. Tränen.

Er kann sich nicht erinnern, wann er angefangen hat zu weinen.

Thomas Vetter

Wie oft?

Wie oft haben Sie angerufen?

Marina Kowalski

Dreitausendsechshundertfünfundfünfzig Mal.

Geben oder nehmen.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.

Thomas Vetter

Warum?

Warum rufen Sie immer wieder an?

Marina Kowalski

Weil ich hoffe, dass Sie sich eines Morgens erinnern,

dass es aufhört. Für uns beide.

Thomas Vetter

Sagen Sie mir, wie es aufhört.

Bitte, Marina.

Was muss ich tun?

Marina Kowalski

Das kann ich nicht.

Es ist nicht meine Schleife, Thomas. Es ist Ihre.

Thomas Vetter

Marina, die Leitung.

Bleiben Sie dran.

Marina Kowalski

Es wird bald hell, Thomas. Und dann vergessen Sie,

wie jede Nacht.

Thomas Vetter

Nein, diesmal nicht. Ich werde mich erinnern. Ich schwöre es.

Marina Kowalski

Das sagen Sie jedes Mal.

Thomas Vetter

Marina. Marina!

Erzähler

Die Leitung ist tot.

Das monotone Summen des Freizeichens füllt den Raum wie ein letzter Atemzug.

Thomas sitzt da, den Hörer noch in der Hand, die Knöchel weiß. Die Stille schmeckt nach Asche.

Thomas Vetter

Ich muss es aufschreiben,

bevor ich vergesse.

Bevor alles verschwindet.

Erzähler

Thomas greift nach einem Stift. Seine Hand zittert so stark, dass er kaum die Buchstaben formen kann. Er presst die Spitze aufs Papier,

die Tinte verschmiert unter seinen feuchten Fingern.

Thomas Vetter

Lindenhofstraße

vierzehn.

Vergiss nicht.

Die gelbe Küche. Mischka.

Dreizehn Stufen. Der Riss in der Tür.

Ich darf es nicht vergessen. Ich muss mich erinnern.

Erzähler

Aber die Müdigkeit kommt.

Sie kommt wie eine Flut, langsam und unaufhaltsam.

Seine Augenlider werden schwer. Ein Gähnen, das er nicht unterdrücken kann.

Die Buchstaben auf dem Zettel verschwimmen vor seinen Augen.

Thomas Vetter

Gelbe Küche.

Mischka.

Der Riss. Dreizehn.

Erzähler

Seine Augen fallen zu, der Stift gleitet aus seinen Fingern

und die Erinnerung löst sich auf wie Rauch in der Morgenluft. Sechs Uhr dreißig.

Graues Licht fällt durch die schmalen Fenster der Notrufzentrale.

Thomas blinzelt. Er streckt sich, reibt sich den steifen Nacken.

Sein Rücken schmerzt vom Schlafen im Stuhl.

Thomas Vetter

Ruhige Nacht, wie immer mittwochs.

Erzähler

Er greift nach seiner Jacke. Sein Blick streift den Schreibtisch. Da liegt ein Zettel. Seine Handschrift. Ungelenk, kaum lesbar, als hätte ein Kind geschrieben.

Thomas Vetter

Lindenhofstraße vierzehn. Vergiss nicht.

Was soll das?

Lindenhofstraße.

Sagt mir nichts.

Erzähler

Er zerknüllt den Zettel, wirft ihn in den Papierkorb neben dem Schreibtisch.

Der Papierkorb ist voll.

Randvoll. Hunderte kleine Zettel, alle zerknüllt, alle in derselben Handschrift.

Thomas bemerkt es nicht.

Er bemerkt es nie.

Alle mit denselben Worten. Lindenhofstraße vierzehn. Vergiss nicht.

Thomas geht nach Hause.

In zwölf Stunden wird er wiederkommen. Er wird sich an Station sieben setzen. Er wird kalten Kaffee trinken und die Stunden zählen.

Und um drei Uhr morgens

wird das Telefon klingeln.

Thomas Vetter

Notrufzentrale München. Mein Name ist Vetter. Was ist Ihr Notfall?

Marina Kowalski

Bitte.

Bitte helfen Sie mir.

Da ist jemand in meinem Haus.

Ich habe Angst.

Erzähler

Dreitausendsechshundertsechsundfünfzig.