Abschrift · Drama

Bis zum Ende

Jonas und Nora räumen ihre Wohnung aus und finden in jedem Raum eine andere Version ihrer Liebe. Eine Schallplatte wird zum letzten Versuch, richtig zuzuhören.

Erzähler

Nachklang.

Hamburg, Eimsbüttel, dritter Stock.

Die Wände tragen noch die Umrisse der Bilder, die hier hingen.

Helle Rechtecke auf vergilbtem Weiß.

Es riecht nach Pappe und nach dem Staub, der sich sammelt, wenn man Möbel wegrückt, die jahrelang am selben Platz standen.

Jonas

Die Kunstbände, die gehen an mich. Das hatten wir so besprochen.

Nora

Nimm sie. Ich hab in der neuen Wohnung sowieso kein Regal dafür.

Jonas

Und die Romane?

Nora

Kannst du auch haben. Bis auf die Hustvet. Die ist von meiner Mutter.

Jonas

Gut,

dann die Küchenutensilien.

Wollen wir das nach Liste machen?

Nora

Sieben Jahre, Jonas. Und du willst eine Liste für die Küchenutensilien.

Jonas

Irgendwie muss man das doch machen, Nora. Irgendwie muss das ja funktionieren.

Nora

Ich weiß.

Ich weiß.

Jonas

Da ist noch etwas.

Die Platte.

Nora

Die Dupré.

Jonas

Ida, ja.

Nora

Nimm sie mit.

Jonas

Die ist deine, Nora.

Nora

Die war nie nur meine.

Die war immer unsere.

Hör sie dir an, irgendwann, wenn du so weit bist.

Jonas

Nora,

bitte warte.

Nora

Nicht. Bitte nicht jetzt.

Erzähler

Sie steht am Fenster, er bei den Kartons.

Drei Meter Dielenboden zwischen ihnen, die niemand überquert.

Nora

Irgendwo muss man ja anfangen.

Erzähler

Auf dem Fensterbrett stehen zwei Tassen kalter Kaffee.

Daneben liegt ein Schlüssel.

Auf dem Regalbrett ein perfektes Quadrat im Staub, wo die Platte lag.

Eine Küche.

Die Luft steht warm und schwer.

Zwei Tassen auf dem Tisch. Die Milch hat eine Haut gebildet.

Es riecht nach kaltem Kaffee.

Die Uhr über dem Herd zeigt Viertel nach zwei.

Nora

Sag es einfach. Einmal ehrlich, Jonas.

Nur ein einziges Mal.

Jonas

Was soll ich sagen, Nora?

Was genau willst du hören?

Nora

Du wusstest, was die Beförderung bedeutet. Für uns beide.

Und du hast sie trotzdem angenommen.

Jonas

Es war eine Projektleitung, Nora.

Zweihundert Mitarbeiter, drei Standorte. So eine Verantwortung lehnt man nicht einfach ab. So etwas tut man nicht.

Nora

Strukturelle Verantwortung. Drei Standorte.

Hörst du dich eigentlich selbst reden?

Jonas

Was willst du hören? Dass es ein Fehler war?

Dass ich alles hätte absagen sollen?

Nora

Ich will hören, dass du es gewusst hast.

Dass du gewusst hast, was du uns antust. Nicht mir. Uns.

Jonas

Ja.

Ja, ich hab's gewusst.

Nora

Und?

Jonas

Es war keine Entscheidung gegen dich.

Ich hab das nie so gesehen. Für mich war das getrennt. Die Arbeit und wir, das waren zwei verschiedene Dinge.

Nora

Aber es war nicht getrennt.

Es war nie getrennt, Jonas.

Du hast eine Entscheidung getroffen und du hast sie allein getroffen,

ohne mich auch nur zu fragen.

Jonas

Und du? Du hast geschwiegen, Nora. Monatelang. Du hast zugesehen, wie alles kippt und hast kein einziges Wort gesagt.

Nora

Weil ich dachte, es geht vorbei.

Jonas

Was?

Nora

Der Abstand,

die leeren Abende,

das Gefühl, in derselben Wohnung zu schlafen und sich trotzdem zu vermissen. Ich dachte, das kippt zurück, von alleine,

ohne dass jemand etwas sagen muss.

Jonas

Hat es nicht.

Nora

Nein.

Weißt du, was mich am meisten trifft?

Du hast dir die Dupré nie ganz angehört. Nicht einmal.

Vier Jahre liegt die Platte hier und du hast jedes Mal nach dem ersten Satz aufgehört.

Jonas

Nora, das hat doch jetzt nichts damit zu tun. Das ist eine Schallplatte.

Nora

Doch,

es hat alles damit zu tun.

Man muss zuhören können, Jonas. Bis zum Ende. Das ist alles. Man muss einfach nur zuhören.

Jonas

Es ist spät, Nora.

Nora

Es ist seit Monaten spät, Jonas.

Erzähler

Der Kaffee wird nicht wärmer. Keiner von beiden steht auf.

Ein Hotelzimmer,

weiße Wände, offene Fenster. Die Luft ist warm und salzig. Sie legt sich auf die Haut wie etwas, das man behalten will. Unten am Wasser leuchtet ein einzelnes Fischerboot.

Nora

Jonas,

schläfst du schon?

Jonas

Mhm, beinah.

Nora

Hör mal,

die Zikaden draußen,

die spielen in H-Moll.

Jonas

Du hörst überall Tonarten.

Nora

Weil überall welche sind.

Du siehst doch auch in jedem Gebäude Tragwerke und Sichtachsen und Materialübergänge.

Jonas

Stimmt. Komm her.

Nora

Ich mag diesen Moment.

Genau diesen hier.

Jonas

Welchen Moment?

Nora

Den kurz vor dem Einschlafen.

Wenn alles da ist und nichts fehlt.

Wenn man aufhört zu denken und einfach nur noch da ist.

Jonas

Bei dir fehlt nie etwas.

Nora

Das stimmt nicht.

Aber es ist schön, dass du es glaubst.

Jonas

Ich hab heute Nachmittag am Pool die Dupré gehört.

Den zweiten Satz.

Nora

Und? Erzähl mir.

Jonas

Da ist eine Stelle, wo das Cello fast aufhört zu spielen,

wo es nur noch atmet

und dann kommt es zurück,

stärker als vorher.

Das ist wie du.

Nora

Jonas.

Jonas

Vergiss es. War kitschig.

Nora

Nein,

das war das Schönste, was du je zu mir gesagt hast.

Weißt du, was ich an dieser Platte am meisten liebe?

Jonas

Sag schon.

Nora

Dass Jacqueline Dupré wusste, dass es nicht ewig dauert.

Sie wurde krank, konnte irgendwann nicht mehr spielen. Aber vorher hat sie jeden Ton gespielt, als wäre es der letzte.

Vielleicht sollte man so leben,

als gäbe es nur genau jetzt.

Jonas

Ich geh nirgendwohin, Nora.

Erzähler

Er hält ihre Hand.

Sie schließt die Augen.

Für einen Moment ist die Welt genauso groß wie dieses Bett.

Ein Park.

Herbst.

Die Luft schmeckt nach nassem Laub und nach dem ersten Frost, der über Nacht gefallen ist. Auf einer Bank sitzen zwei Menschen, die einander noch nicht lange kennen.

Zwischen ihnen dampfen zwei Becher Glühwein.

Nora

Du hast kalte Hände.

Jonas

Architekten haben immer kalte Hände.

Schlechte Durchblutung vom vielen Zeichnen.

Nora

Das hast du dir gerade ausgedacht.

Jonas

Ja,

komplett.

Nora

Also, hast du sie dir angehört?

Jonas

Die Platte? Ja, sogar dreimal.

Nora

Dreimal?

Erzähl schon.

Jonas

Beim ersten Mal hab ich nicht verstanden, was du meinst. Beim zweiten Mal hab ich angefangen, wirklich zuzuhören.

Beim dritten Mal war's anders.

Nora

Beim dritten Mal?

Jonas

Da hab ich verstanden, warum du so spielst, wie du spielst.

Das Cello bei Dupré, das singt nicht einfach, das atmet.

Nora

Das hat noch niemand zu mir gesagt.

Jonas

Nora?

Nora

Ja?

Jonas

Ich würde dich wahnsinnig gern spielen hören, im Orchester.

Wenn das nicht zu viel ist, so früh.

Nora

Donnerstag, Elbphilharmonie, Dvořák.

Und danach erkläre ich dir, warum du falsch sitzt.

Jonas

Ich sitze falsch?

Nora

Immer. Du sitzt immer zu steif. Man muss sich anlehnen.

So.

Jonas

Oh,

das ist besser.

Nora

Siehst du?

Erzähler

Der Wind trägt Blätter über den Kies. Sie rückt näher.

Er legt, ohne darüber nachzudenken, seinen Arm um ihre Schulter.

Es passt. Wie etwas, das schon immer so war.

Eine Galerie in der Speicherstadt, hohe Decken, weißer Beton.

An den Wänden hängen Fotografien von Gebäuden, die es nicht mehr gibt.

Es riecht nach Champagner, nach Parfum und nach dem Lack auf frisch gerahmten Abzügen.

Jonas

Das muss der Docklands sein. Gute Perspektive. Die Krakkonstruktion kommt da richtig zur Geltung.

Nora

Du bist der Einzige hier, der sich für die Statik interessiert statt für den Champagner.

Jonas

Oh ja, Architekt. Berufskrankheit.

Nora

Dann siehst du hier also keine Kunst, sondern Materialkunde?

Jonas

Beides eigentlich. Ein gutes Tragwerk ist Kunst, finde ich jedenfalls.

Nora

Das glaubst du wirklich. Das sieht man dir an.

Jonas

Absolut. Und was machst du hier? Also beruflich, meine ich.

Nora

Ich bin Cellistin.

Kammerorchester Hamburg.

Bei uns geht es auch um Tragwerke, nur eben in Klang.

Jonas

Cello.

Ich muss gestehen, ich hab kaum Ahnung von klassischer Musik. Wirklich kaum.

Nora

Macht nichts.

Man muss nichts davon verstehen.

Man muss nur zuhören können.

Warte, warte kurz.

Schau mal. Jacqueline du Pré, Elgar, Cellokonzert.

Heute Nachmittag gefunden im Plattenladen um die Ecke. Originalpressung.

Jonas

Du Pré? Noch nie gehört, ehrlich gesagt.

Nora

Die größte Cellistin, die je gelebt hat. Sie hat alles in ihr Spiel gelegt. Jeden einzelnen Ton, als wäre es der letzte. Als gäbe es nur genau diesen einen Moment und nichts davor und nichts danach.

Jonas

Warum hat sie so gespielt?

Nora

Weil irgendwann Schluss war.

Sie wurde krank, konnte nicht mehr spielen.

Aber vorher, auf dieser Platte hier, da hat sie gespielt, als wäre jede Note ein ganzes Leben.

Jonas

Und du meinst, das sollte ich hören?

Nora

Die musst du hören.

Jonas

Ich kenne mich wirklich nicht aus damit.

Was, wenn ich es nicht verstehe?

Nora

Irgendwo muss man ja anfangen.

Erzähler

Sie hält ihm die Platte hin. Er nimmt sie.

Ihre Finger berühren sich. Nicht lang, aber lang genug.

Nora

Ich bin Nora. Und du?