Abschrift · Drama

Befund: Unauffällig

Lena sucht einen Namen für das, was ihren Körper verändert. Je unauffälliger die Befunde bleiben, desto lauter wird die Frage, wem sie noch glauben darf.

Erzähler

Nachklang.

Dr. Bremers Praxis in der Schillerstraße.

Das Wartezimmer riecht nach Kaffee und dem Desinfektionsmittel, das die Sprechstundenhilfe jeden Morgen auf die Armlehnen sprüht.

Zwölf Stühle, sechs besetzt.

Das Radio dudelt leise, Verkehrsnachrichten, die niemand hört.

Lena

Fatigue seit sechs Wochen, Halsschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Konzentrationsprobleme. So sage ich es. Genauso. Keine Konjunktive, keine Abschwächungen. Das sind Fakten.

Erzähler

Sprechzimmer zwei.

Der Schreibtisch ist mit Papier bedeckt. Überweisungsformulare, Laborzettel.

Dr. Bremer, graues Haar, Lesebrille auf der Nasenspitze, deutet auf den Stuhl. Eine neue Akte liegt vor ihm, dünn wie ein Briefumschlag.

Lena

Herr Dr. Bremer, ich bin seit sechs Wochen krank. Richtig krank. Nicht ein bisschen angeschlagen, sondern so müde, dass ich nachmittags auf dem Sofa einschlafe und abends trotzdem nicht durchkomme.

Dr. Bremer

Seit sechs Wochen. Und davor waren Sie gesund? Keine Vorerkrankungen?

Lena

Nein, nichts.

Es fing mit einem grippalen Infekt an, Anfang Oktober. Fieber, Halsschmerzen, Gliederschmerzen. Eigentlich nichts Besonderes,

aber danach bin ich nicht wieder auf die Beine gekommen.

Dazu kommen geschwollene Lymphknoten hier am Hals und dieser Nebel im Kopf.

Ich sitze vor dem Bildschirm und vergesse mitten im Satz, was ich schreiben wollte.

Ich bin Grafikdesignerin. Ich lebe davon, klarzudenken.

Dr. Bremer

Das klingt nach einem Infekt, der sich nicht richtig auskuriert hat. Das kommt häufiger vor, als man denkt. Wir machen ein großes Blutbild: Schilddrüse, Entzündungswerte, Leberwerte, das volle Programm. Wir schauen mal, was sich da findet.

Lena

Und wenn das Blutbild nichts zeigt?

Dr. Bremer

Dann schauen wir weiter. Aber machen Sie sich erst mal keine Gedanken. Geben Sie dem Körper Zeit. Der ist schlauer als wir alle.

Erzähler

Zwei Wochen später.

Dasselbe Sprechzimmer, derselbe Stuhl. Nur die Akte auf dem Tisch hat drei Seiten mehr.

Dr. Bremer

So, Frau Krause, das Blutbild ist da und ich kann Sie beruhigen. Blutsenkung normal, CRP unauffällig, Schilddrüse im Normbereich, Leber, Niere, alles bestens.

Lena

Aber mir geht es nicht besser. Es ist eher schlimmer geworden.

Dr. Bremer

Ich verstehe, dass das frustrierend ist, aber der Befund ist unauffällig. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht.

Lena

Unauffällig.

Herr Dr. Bremer, ich schlafe zwölf Stunden und wache auf, als hätte ich gar nicht geschlafen.

Ich muss den Weg zum Supermarkt planen, wie andere Leute einen Umzug.

Das ist nicht unauffällig.

Das ist mein Leben, das gerade nicht funktioniert.

Dr. Bremer

Ich höre, was Sie sagen. Wirklich.

Ich überweise Sie zum Internisten, Dr. Hartmann. Der kann noch mal gezielter schauen. Vielleicht eine latente Virusinfektion, EBV, solche Sachen.

Geben Sie dem Körper Zeit.

Lena

Geben Sie dem Körper Zeit. Ich gebe dem Körper Zeit. Seit sechs Wochen.

Erzähler

Was folgt, ist eine Reise durch das deutsche Gesundheitssystem.

Lena wird sie später ihre Odyssee nennen. Fünf Monate, fünf Fachärzte.

Internist: großes Ultraschall, Oberbauch, Schilddrüse.

Kardiologe: Belastungs-EKG.

Neurologe: MRT des Schädels.

HNO: Lymphknoten tastbar, aber reaktiv. Kein Handlungsbedarf.

Befund: unauffällig.

Überall dasselbe Wort: unauffällig.

Lenas Akte wächst Seite um Seite,

aber auf keiner steht eine Diagnose.

Lena

Es sind jetzt fünf Monate,

fünf Ärzte und in meiner Akte stehen dreißig, vielleicht vierzig Seiten.

Aber auf keiner einzigen steht, was ich habe.

Nur, was ich nicht habe.

Erzähler

Dezember.

Ein Wartezimmer, das nach kaltem Kaffee und Kunststoffstühlen riecht.

Draußen Regen.

Lena

Vielleicht,

vielleicht bilde ich mir das auch einfach ein.

Vielleicht übertreibe ich.

Erzähler

Oktober.

Ein Jahr nach dem Infekt. Sprechzimmer zwei.

Lena sitzt wieder auf demselben Stuhl, aber sie sitzt anders, tiefer.

Als trüge sie etwas Unsichtbares auf den Schultern, das jeden Monat schwerer geworden ist.

Lena

Herr Dr. Bremer, ich, ich komme noch mal wegen der Beschwerden.

Es ist eher schlechter geworden, glaube ich.

Dr. Bremer

Frau Krause, ich sehe hier, dass sämtliche Fachärzte ohne Befund geblieben sind. Internist, Kardiologe, Neurologe, HNO.

Lena

Ja,

alle unauffällig.

Dr. Bremer

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass die Beschwerden vielleicht einen anderen Hintergrund haben könnten? Psychosomatisch heißt nicht eingebildet. Das ist ganz wichtig. Das heißt nur, dass Körper und Seele zusammenhängen und manchmal drückt der Körper aus, was die Seele nicht sagen kann.

Lena

Sie denken, ich bilde mir das ein.

Alle Ärzte haben nichts gefunden und jetzt bin ich die, bei der es im Kopf nicht stimmt.

Dr. Bremer

Nein, das sage ich nicht.

Ich kenne einen sehr guten Kollegen, Dr. Feldmann. Er leitet eine Tagesklinik für Psychosomatik.

Sprechen Sie einmal mit ihm. Nur einmal.

Lena

Psychosomatik.

Gut,

ich spreche mit ihm.

Erzähler

Dr. Feldmanns Tagesklinik.

Hier duftet es nach Räucherstäbchen und frischem Tee.

Die Stühle sind weich, die Wände in warmen Farbtönen gestrichen.

An der Rezeption lächelt jemand, als hätte er den ganzen Tag nichts anderes getan.

Alles hier sagt: Du bist sicher. Du darfst fühlen.

Dr. Feldmann

Frau Krause, willkommen.

Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen. Erzählen Sie mir einfach, was Sie herführt, in Ihren eigenen Worten.

Lena

Ich bin seit einem Jahr krank.

Fatigue, Halsschmerzen, Lymphknoten, Brain Fog.

Fünf Fachärzte, alle ohne Befund.

Und mein Hausarzt meint, es könnte psychosomatisch sein.

Dr. Feldmann

Psychosomatisch.

Wissen Sie, was dieses Wort eigentlich bedeutet?

Es bedeutet, dass Ihr Körper eine Sprache spricht, eine eigene Sprache,

und dass wir gemeinsam lernen können, diese Sprache zu verstehen.

Lena

Mein Körper spricht keine Sprache.

Mein Körper ist krank.

Ich war vorher gesund, dann kam der Infekt und seitdem bin ich nicht mehr gesund.

Das ist keine Metapher.

Dr. Feldmann

Ich höre Sie und ich nehme das sehr ernst.

Aber lassen Sie mich eine Frage stellen:

Gab es in der Zeit vor dem Infekt Stress, Belastungen, Veränderungen in Ihrem Leben?

Lena

Ich bin freiberuflich. Natürlich gibt es Stress, aber das ist normaler Arbeitsstress, nicht etwas, das einen krank macht.

Dr. Feldmann

Gerade bei Freiberuflern sehen wir sehr oft, dass der Körper irgendwann ein Signal setzt.

Was will uns das Symptom sagen? Das ist die Frage, die wir uns gemeinsam stellen dürfen.

Lena

Was es mir sagen will? Ich--

es will mir sagen, dass ich krank bin,

dass etwas in meinem Körper nicht stimmt.

Dr. Feldmann

Oder dass etwas in Ihrem Leben nicht stimmt.

Und Ihr Körper ist der Erste, der's ausspricht.

Frau Krause,

ich würde Ihnen gerne einen Vorschlag machen.

Lena

Welchen Vorschlag?

Dr. Feldmann

Eine stationäre Reha. Sechs Wochen. Psychosomatischer Schwerpunkt, aber mit Bewegungssteigerung. Ergometer, Spaziergänge, Physiotherapie.

Und ich verschreibe Ihnen unterstützend ein leichtes Antidepressivum. Es geht darum, Ihren Körper wieder zu aktivieren, ihm zu zeigen, dass er mehr kann, als er gerade glaubt.

Lena

Ich habe ein Jahr lang Antworten gesucht

und das ist die Antwort. Gut,

ich mache die Reha.

Erzähler

Monat vierzehn. Lenas Wohnung, das Badezimmer.

Der Spiegel ist beschlagen. Auf dem Waschbeckenrand stehen die Tabletten, die Dr. Feldmann ihr verschrieben hat. Seit Wochen nimmt sie sie, jeden Abend. Heimlich.

Lena

Ich bin nicht psychisch krank.

Ich weiß das. Mein Körper weiß das.

Aber was, wenn alle Ärzte recht haben und ich nicht?

Was, wenn fünf Fachärzte nichts finden, weil es nichts zu finden gibt?

Was, wenn ich mir das wirklich nur einbilde?

Ich nehme sie trotzdem.

Jeden Abend, weil ich nicht mehr weiß, ob ich mir selbst vertrauen kann.

Und das ist das Schlimmste. Nicht die Erschöpfung, nicht die Schmerzen,

sondern dass ich angefangen habe, meinem eigenen Körper nicht mehr zu glauben.

Erzähler

Die Rehaklinik liegt am Rand der Stadt. Weiße Gänge, die nach Schweiß und Desinfektionsmittel riechen. An den Wänden Poster mit Wanderern auf Bergpfaden und Slogans:"Du schaffst das.

Die Betten sind schmal, die Nächte lang.

Lena

Tag drei. Zwanzig Minuten Ergometer.

Das schaffe ich.

Das muss ich schaffen.

Die sagen, Bewegung hilft. Also bewege ich mich.

Erzähler

Die Tage vergehen. Ergometer, Spaziergänge, Physiotherapie. Steigerung jede Woche. Lenas Körper antwortet. Aber nicht so, wie die Ärzte es erwartet haben.

Lena

Tag achtzehn.

Nach dem Spaziergang gestern konnte ich nicht mehr aufstehen. Zwei Stunden lag ich auf dem Bett und habe an die Decke gestarrt. Meine Beine haben gezittert. Einfach so. Aber im Protokoll steht: Gute Fortschritte.

Tag 40:

Ich habe aufgehört zu zählen, was ich nicht mehr kann. Die Liste wäre zu lang.

Ich bin hergekommen, weil ich hoffte, besser zu werden. Ich gehe schlechter,

viel schlechter.

Erzähler

In der sechsten Woche wird Lena entlassen. Im Abschlussbericht steht:"Therapieziel teilweise erreicht. Empfehlung: Steigerung der körperlichen Aktivität im Alltag.

Dr. Bremers Praxis, Sprechzimmer zwei.

Derselbe Stuhl, aber die Frau, die jetzt darauf sitzt, hat mit der Frau von vor zwei Jahren nur noch den Namen gemeinsam.

Ihre Haut ist blass, die Wangenknochen treten hervor.

Sie hält sich an der Armlehne fest, als müsste sie sichergehen, dass der Raum nicht kippt.

Lena

Herr Dr. Bremer,

ich habe alles gemacht,

genauso wie alle es gesagt haben.

Die Reha, die Bewegungssteigerung, das Ergometer, die Spaziergänge,

alles.

Dr. Bremer

Und wie geht es Ihnen jetzt?

Lena

Ich kann nicht mehr alleine einkaufen.

Vorher konnte ich das noch.

Vorher konnte ich wenigstens zum Supermarkt und zurück.

Jetzt schaffe ich es nicht mehr, die Treppe runter, ohne mich danach hinlegen zu müssen.

Ich habe alles gemacht und jetzt kann ich weniger als vorher.

Dr. Bremer

Frau Krause, ich--

das tut mir leid.

Das tut mir wirklich leid.

Lena

94 Seiten.

Ihre Sprechstundenhelfer hat sie gezählt, als sie die Kopien gemacht hat.

94 Seiten Befunde, Laborwerte, Überweisungen

und auf keiner einzigen steht, was ich habe.

Dr. Bremer

Ich weiß nicht, was ich noch tun kann, Frau Krause.

Das ist das Ehrlichste, was ich Ihnen je gesagt habe. Ich weiß es nicht.

Lena

Dann bin ich also die Patientin, die sich alles einbildet.

Die, bei der nichts zu finden ist, weil es nichts gibt. Die Verrückte mit der dicken Akte.

Dr. Bremer

Nein, hören Sie mir zu. Sie sind nicht verrückt.

Es gibt eine Kollegin, die mir empfohlen wurde, eine Immunologin, spezialisiert auf Erkrankungen nach Infekten:

Dr. Vasic.

Ich weiß nicht, ob sie etwas findet, was wir alle übersehen haben,

aber ich möchte, dass Sie hingehen.

Erzähler

Die Praxis liegt in einem Altbauhinterhof, dritter Stock. Kein Schild an der Straße, keine Leuchtreklame,

nur ein kleines Messingschild neben der Klingel.

Drinnen riecht es nach altem Holz und frischen Blumen.

Im Wartezimmer kein Radio, keine Zeitschriften, nur eine Uhr, die tickt

und Zeit.

Dr. Vasić

Frau Krause, kommen Sie, setzen Sie sich. Wir haben so viel Zeit, wie Sie brauchen.

Lena

Ich weiß nicht, ob es noch einen Sinn hat, einer weiteren Ärztin alles von Anfang an zu erzählen.

Dr. Vasić

Dann erzählen Sie es nicht von Anfang an.

Erzählen Sie mir, wie es Ihnen heute geht.

Genau heute.

Lena

Heute bin ich mit dem Taxi hergekommen, weil ich den Bus nicht mehr schaffe.

Ich habe gestern zwei Stunden gebraucht, um eine E-Mail zu schreiben. Ich schlafe, aber ich erhole mich nicht.

Und wenn ich stehe, fängt mein Herz an zu rasen, als wäre ich gerannt.

Dr. Vasić

Wenn Sie stehen.

Frau Krause, wie lange können Sie stehen, bevor die Symptome schlimmer werden?

Lena

Das, das hat mich noch kein Arzt gefragt.

Dr. Vasić

Verschlimmern sich Ihre Beschwerden am Tag nach körperlicher Anstrengung?

Nicht währenddessen, sondern danach.

24, 48 Stunden später.

Lena

Ja.

Ja, genau so.

Immer am nächsten Tag.

Nach dem Ergometer in der Reha war ich manchmal zwei Tage danach komplett flach.

Woher wissen Sie das?

Dr. Vasić

Weil ich es kenne.

Frau Krause, ich glaube Ihnen.

Lena

Sie glauben mir?

Das hat--

seit zwei Jahren hat das niemand so gesagt. Einfach so,

ohne Aber.

Ich nehme seit Monaten Psychopharmaka.

Nicht, weil ich glaube, dass sie helfen,

sondern weil ich angefangen habe zu glauben, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimmt.

Weil alle sagen, es ist nichts und dann muss es ja an mir liegen.

Dr. Vasić

Frau Krause, ich möchte einen einfachen Test mit Ihnen machen. Er heißt Shellong-Test.

Wir messen Ihren Puls im Liegen und dann im Stehen. Mehr nicht. Kein MRT, kein Ultraschall, nur Ihr Puls.

Erzähler

Lena liegt auf der Untersuchungsliege. Das Pulsoximeter an ihrem Finger blinkt rot.

Drei Minuten Ruhe, dann steht sie auf und das Gerät beginnt, schneller zu piepen. Deutlich schneller. Dr. Vasic beobachtet den Monitor. Ihr Blick verändert sich nicht.

Dr. Vasić

Puls im Liegen: zweiundsiebzig.

Puls im Stehen: hundertsieben.

Lena

Was bedeutet das?

Dr. Vasić

Das ist ein Anstieg um fünfunddreißig Schläge. Alles über dreißig ist pathologisch. Frau Krause, das ist der erste objektive Befund in Ihrer gesamten Akte. Schwarz auf weiß. Messbar. Reproduzierbar.

Lena

Der erste Befund

in zwei Jahren.

Dr. Vasić

Sie haben ME/CFS.

Myalgische Enzephalomyelitis. Eine postinfektiöse neuroimmunologische Erkrankung.

Das, was Sie erleben, die Erschöpfung, der Nebel im Kopf, die Verschlechterung nach Belastung, das ist keine Einbildung.

Das ist eine Krankheit, die seit Jahrzehnten erforscht wird, für die es Diagnosekriterien gibt

und die man mit einem Shellong-Test hätte finden können. Vor zwei Jahren.

Lena

Warum hat das keiner gemacht?

In zwei Jahren

sechs Ärzte.

Dr. Vasić

Weil die meisten Ärzte diese Krankheit nicht kennen.

Weil sie nicht Teil der Ausbildung ist.

Und weil das System eine einfache Regel hat: Wenn die Standardtests nichts zeigen, dann ist der Patient das Problem, nicht die Tests.

Ich kenne diese Krankheit

besser als mir manchmal lieb ist. Was Ihnen passiert ist, passiert jeden Tag in Praxen, in Rehakliniken, in Tageskliniken und es muss aufhören.

Lena

Und die Reha, die Bewegungssteigerung?

Dr. Vasić

Frau Krause,

bei ME/CFS ist Belastungssteigerung kontraindiziert. Das Schlimmste, was man Ihnen hätte antun können.

Nicht aus Bosheit, aus Unwissen.

Aber das Ergebnis ist dasselbe.

Lena

Ich bin nicht verrückt.

Ich bin nicht verrückt.

Dr. Vasić

Sie sind nicht verrückt. Sie bilden sich nichts ein.

Und diese Tabletten hätten Sie nie nehmen müssen.

Erzähler

Dr. Basic nimmt den Stift. Sie öffnet die Akte. Vierundneunzig Seiten ohne Diagnose

und schreibt auf Seite fünfundneunzig zum ersten Mal in zwei Jahren fünf Buchstaben und eine ICD-Nummer.

Der Stift kratzt über das Papier. Es klingt wie ein Anfang.

Wochen später.

Lena sitzt auf ihrem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt, das Handy in der Hand.

Auf dem Bildschirm ein Name, den sie nicht kennt. Eine Frau, die vor drei Tagen die Diagnose bekommen hat.

Lena drückt auf Aufnahme.

Lena

Hallo, du kennst mich nicht und ich kenne dich nicht,

aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn dir zwei Jahre lang niemand glaubt.

Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn es endlich jemand tut.

Du bildest dir nichts ein. Und wenn ein Arzt dir sagt, du sollst dich mehr bewegen, dann such dir einen anderen Arzt. Es gibt welche, die es verstehen. Es dauert nur viel zu lang, sie zu finden.

Erzähler

Und dann ist da nur noch die Uhr an der Wand.

Sie hat immer weitergezählt. Durch all die Monate hindurch, in denen niemand hingehört hat.

Sie zählt weiter.