Abschrift · Drama

47 Entwürfe

Nora schickt Sprachnachrichten, löscht Wahrheiten und hält eine Freundschaft am Leben, während ihre Welt kleiner wird. Was bleibt, wenn Erklären zu viel Kraft kostet?

Nora

Jule, du, ich sterbe. Also vor Glück natürlich.

Ich stehe gerade in meinem Büro. Meinem Büro.

An der Tür hängt ein Schild und da steht: Nora Brenner Architektur. Ich hab das dreimal gelesen, weil ich es nicht glauben kann.

Und, und, und ich hab mich für den Halbmarathon in Köln angemeldet. 18. Oktober. Setz dir das in den Kalender.

Ja, ich weiß, du sagst, ich spinne. Aber wann hab ich auf dich gehört?

Einziges Problem ist diese nervige Erkältung, die einfach nicht weggehen will. Seit drei Wochen jetzt. Das ist schon ein bisschen seltsam.

Aber ich trink Tee wie eine Irre und dann wird das schon. Ruf mich an. Kuss.

Jule

Nora Brenner Architektur. Oh mein Gott, ich könnte schreien. Ich sitz hier im Café und grinse mein Handy an wie eine Verrückte. Ich bin so stolz auf dich. Halbmarathon? Natürlich machst du das. Du machst ja immer alles.

Und die Erkältung? Hör zu: Ingwer-Kurkuma-Shot, morgens und abends. Meine Kollegin schwört drauf. Und Vitamin C, hochdosiert. Ruh dich aus am Wochenende, ja? Und wir müssen die Eröffnung feiern. Ich bring Prosecco mit.

Nora

Hey, Jule, ich,

ich wollte dir was sagen.

Die Erkältung ist nicht weg.

Und ich glaube, es ist auch keine Erkältung.

Ich war beim Arzt. Blutbild unauffällig, sagt er. Aber Jule, ich konnte heute Morgen nicht aufstehen. Und ich meine nicht, ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Meine Beine haben einfach nicht funktioniert.

Ich musste mich am Türrahmen hochziehen.

Den Halbmarathon hab ich abgesagt.

Ich hab dir das nicht erzählt, weil ich nicht will, dass du dir Sorgen machst.

Ich hab selber solche Angst.

Nein, das geht so nicht.

Noch mal.

Hey, du. Also ich hab mich entschieden, den Halbmarathon auf nächstes Jahr zu verschieben. War vernünftig mit der Erkältung und dem ganzen Bürostress.

Der Körper sagt halt Stopp und ich höre ausnahmsweise mal zu.

Dafür läuft das Büro super. Erster richtiger Auftrag letzte Woche. Erzähl mal, wie geht's dir? Was macht die Schule?

Jule

Okay, ich bin erleichtert, dass du den Halbmarathon abgesagt hast. Ehrlich.

Weißt du, was du brauchst? Yoga. Ernsthaft. Meine Freundin Hannah gibt Kurse. Ganz sanft, kein Akrobatikzeug. Ich schick dir den Link.

Und Vitamin D. Hast du Vitamin D genommen? Im Oktober hat man hier null Sonne. Das macht einen komplett fertig. Und geh raus. Dreißig Minuten am Tag. Frische Luft. Das hilft gegen alles, Nora. Wirklich. Gegen alles.

Nora

Jule.

Ich hab das Büro zugemacht. Seit einer Woche schon. Ich hab meinen Kunden gesagt, es ist wegen Renovierung. Aber ich komme die Treppen nicht mehr hoch.

Zwei Stockwerke. Ich stehe unten und

ich weine, weil ich zwei lächerliche Stockwerke nicht schaffe.

Der zweite Arzt sagt, er findet nichts. Vielleicht psychosomatisch.

Und ich will schreien: Ich bilde mir das nicht ein. Meine Beine funktionieren nicht.

Ich kann kein Yoga machen, Jule.

Ich kann nicht rausgehen.

Ich kann die verdammte Treppe nicht hochsteigen.

Ich kann einfach nicht.

Lösch das.

Komm schon, Nora.

Hey, Jule. Ich arbeite jetzt von zu Hause. Ist eigentlich ganz gemütlich, so im Schlafanzug mit Laptop auf dem Sofa.

Erkältung dauert, aber der Arzt meint, das wird schon. Ich gönn mir einfach mal Ruhe.

Wie war der Elternabend?

Jule

Nora, okay, hör mir zu.

Ich glaube, du brauchst jemanden zum Reden. Professionell, meine ich.

Meine Therapeutin ist wirklich gut. Die hat auch kurzfristig Termine. Manchmal ist so eine lange Erkältung auch ein Zeichen, dass der Körper emotional eine Pause braucht. Und bitte, Nora, frische Luft. Nur fünfzehn Minuten, einfach um den Block. Das muss kein Marathon sein. Einfach rausgehen und tief atmen.

Machst du das? Für mich?

Nora

Es ist Dezember.

Ich hab seit zwei Wochen die Wohnung nicht verlassen. Ich bestelle alles. Essen, Medikamente.

Der Lieferbote kennt mich inzwischen mit Namen.

Ich dusche sitzend, Jule, auf einem Plastikhocker.

Und weißt du, was das Schlimmste ist?

Ich kann es dir nicht sagen.

Weil du dann sagst: „Geh zum Therapeuten.", oder: „Mach Yoga.", oder: „Geh raus."

Und dann schreie ich dich an, Jule.

Und dann verliere ich dich auch noch.

Also nehme ich auf und lösche und nehme auf und lösche.

Und die Nora, die du kennst,

die existiert nicht mehr

Jule

Okay, Nora, reiß dich zusammen.

Letzte Kraft.

Nora

Frohe Weihnachten, Jule.

Bin voll im Projektmodus, deshalb so still.

Lass uns bald telefonieren, ja?

Hab dein Paket bekommen. Der Schal ist wunderschön. Kuss.

Jule

Nora, frohe Weihnachten. Ich stehe hier auf dem Weihnachtsmarkt und es schneit und ich habe den besten Glühwein der Welt in der Hand. Ich wünschte, du wärst hier. Komm doch morgen oder übermorgen. Du klingst,

na ja,

du klingst gut in deiner Nachricht.

Gut, oder?

Hör mal, wenn irgendwas ist, du kannst mit mir reden. Nicht nur über Lustiges.

Na ja,

frohe Weihnachten. Ich hab dich lieb.

Nora

Jule,

das Licht tut weh.

Alles tut weh.

Ich liege hier seit Tagen oder Wochen. Ich weiß es nicht mehr.

Der dritte Arzt sagt jetzt vielleicht MECFS.

Weißt du, was das ist?

Eine Krankheit, die es offiziell kaum gibt, für die es keine Therapie gibt, keine Heilung,

nur weniger Leben,

jeden Tag weniger.

Und die Welt da draußen,

du da draußen,

ihr werdet so schnell und ich werde so langsam

und der Abstand wird jeden Tag größer. Noch einer, die letzte Kraft.

Hey,

verrückte Woche.

Meld mich bald.

Jule

Nora, das war die kürzeste Nachricht, die du mir je geschickt hast. Ist alles in Ordnung? Soll ich vorbeikommen? Ich kann am Wochenende oder unter der Woche. Ich nehme mir frei. Oder ich rufe deinen Arzt an. Oder wir fahren zusammen in eine Klinik. Es gibt diese Kursachen am Meer. Das soll richtig helfen.

Nora, sag mir einfach, was du brauchst. Sag mir, was ich tun soll. Ich mache alles.

Hey, ich bin's wieder. Wollt nur hören, wie's dir geht.

Ruf an, wenn du kannst.

Nora, du hast seit fünf Tagen nicht geantwortet. Ich mache mir Sorgen. Bitte schick mir wenigstens ein Emoji. Irgendwas.

Nora, bitte.

Ich drehe hier durch. Ich habe deine Mutter angerufen. Die hat auch nichts gehört. Bitte meld dich.

Okay, ich steige jetzt ins Auto. Ich komme.

Bitte lass sie okay sein. Bitte lass sie okay sein. Bitte.

Nora?

Nora?

Nora, ich bin's. Wo bist du?

Oh Gott.

Nora?

Nora

Jule?

Jule

Ja.

Ja, ich bin's.

Ich bin da.

Ich bin da.

Ich rufe jetzt einen Krankenwagen, okay? Wo ist dein Handy?

Nora

Nachttisch.

Jule

Was ist das?

Hi-hi-hier ist ein Ordner: Entwürfe.

Siebenundvierzig Entwürfe? Nora, was sind das für Nachrichten?

Nora

Nicht.

Bitte nicht anhören.

Ich konnte heute Morgen nicht aufstehen.

Meine Beine haben nicht funktioniert. Ich musste mich am Türrahmen hochziehen. Ich habe selber solche Angst.

Jule

Nein.

Nein, nein, nein.

Nora

Also nehme ich auf und lösche

und nehme auf

und lösche.

Und die Nora, die du kennst, existiert nicht mehr.

Jule

Die ganze Zeit.

Du hast mir die ganze Zeit etwas anderes erzählt.

Nora

Jule, ich glaube, ich verschwinde.

Ein bisschen mehr jeden Tag.

Und ich sage dir jedes Mal: Alles ist gut, weil dein Lachen das Letzte ist, was ich nicht verlieren will.

Jule

Du hast mich geschützt. Die ganze Zeit hast du mich geschützt.

Und ich habe dir Yoga empfohlen und Vitamin D und frische Luft. Und ich habe deine Nachrichten nicht mal sofort angehört, Nora. Ich habe sie gesammelt bis zum Wochenende,

weil ich die Hilflosigkeit nicht ertragen habe. Während du jede Nachricht zweimal aufgenommen hast, habe ich die geschönte Version nicht mal rechtzeitig gehört.

Nora

Du bist jetzt da.

Jule

Ich hätte vor Monaten kommen müssen. Nicht mit Ratschlägen. Einfach nur kommen.

Was brauchst du jetzt? Sag es mir.

Nora

Du hättest das nicht gewusst.

Ich habe es dir nicht erlaubt zu wissen.

Jule

Und jetzt?

Was mache ich jetzt?

Nora

Nichts sagen.

Einfach nur da bleiben.

Du bist da.

Ja.

Du bist da

und das reicht.